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Mit Hilfe von Schablonen, die die Tischlermeister vorbereitet haben, und voreingestellten Maschinen ist es auch für Karlheinz Eitenmüller ein Leichtes, passgenaue Werkstücke in der Hof-Tischlerei anzufertigen. Hier arbeitet er an einem Element für ein Abenteuer-Bett. Foto: t&w
Mit Hilfe von Schablonen, die die Tischlermeister vorbereitet haben, und voreingestellten Maschinen ist es auch für Karlheinz Eitenmüller ein Leichtes, passgenaue Werkstücke in der Hof-Tischlerei anzufertigen. Hier arbeitet er an einem Element für ein Abenteuer-Bett. Foto: t&w

Hof Bockum gibt Menschen mit Behinderung seit 30 Jahren eine Heimat

dth Bockum. Das Glück kündigte sich mit einem Kichern in der Käserei an. Angela hatte ein Auge auf „Kalle“ geworfen. Karlheinz „Kalle“ Eitenmüller arbeitete zeitweise in der Hauswirtschaft und lebte in einer Hausgemeinschaft auf dem Hof Bockum. Ebenso wie sein Schwarm. Die beiden Bewohner der Einrichtung für erwachsene Menschen mit geistiger Behinderung sind die ersten, die geheiratet haben nach 15-jähriger Verlobungszeit. Das war im Mai 2013.

Heute leben sie möglichst selbstbestimmt in einer Außenwohngruppe in Amelinghausen, einmal in der Woche schaut eine Betreuerin vorbei. Seit mehr als 27 Jahren nennt Eitenmüller den SOS-Hof Bockum seine Heimat, der ihm zudem eine Arbeitsstelle und ein familiäres Umfeld bietet. Er gehört zu den ersten Bewohnern, die der heutige Einrichtungsleiter Manfred Persy unter seine Fittiche nahm. Persy: „Wir sind wie eine große Familie.“ Und die feiert dieser Tage ihr 30-jähriges Bestehen.

Den größten Teil seines Lebens verbrachte Eitenmüller in Einrichtungen des SOS-Kinderdorf-Vereins. Nach zwei Jahren in einem Kinderheim nahm ihn mit etwa zehn Jahren das Kinderdorf Pfalz in Eisenberg auf. Er sagt: „Ich konnte lesen, schreiben, rechnen überhaupt nicht das habe ich erst in Eisenberg gelernt.“ Im Alter von 20 Jahren kam er nach Bockum.

Die Einrichtung für erwachsene Menschen mit geistiger Behinderung befand sich noch in der Aufbauphase. Sie nahm damals wie heute schrittweise Menschen mit Handicap auf, die beispielsweise den Kinderdörfern entwachsen waren, aber Schwierigkeiten hatten, ohne Hilfe ein eigenständiges Leben zu führen. Eitenmüller aber sagt: „Ich wollte nicht an einer Stelle stehen bleiben.“ Neben der Betreuung ist die Förderung eine Maxime des Hofs Bockum. Das spiegelt sich in den Wohnformen wie in den Arbeitsmöglichkeiten wider.

In den Wohngemeinschaften, die früher auch Eitenmüller kennengelernt hat, ist das Leben von Betreuern und Bewohnern eng miteinander verflochten. Diplom-Pädagogin Silke Müller lebt seit rund einem Jahr mit ihrem Mann und zwei kleinen Kindern auf dem Hof. Als Paar haben sie die Rolle der Hauseltern übernommen. Ihre private Wohnung ist in dem Haus von den Gemeinschaftsräumen und Zimmern der Bewohner separiert. Aufgaben im Gemeinschafts-Haushalt werden im Zusammenspiel mit den Bewohnern organisiert.

Axel Dräseke, Bereichsleiter Wohnen, sagt: „Wir führen mit den Bewohnern regelmäßig Gespräche, treffen zum Beispiel Vereinbarungen über Lernziele.“ Dazu kann auch das selbstständige Einkaufen gehören mit einem bebilderten Einkaufszettel als Hilfsmittel. Die Hausgemeinschaft versteht sich als soziales Gefüge und versorgt sich selbst. Dazu gehört auch das gemeinsame Essen, wenn die Bewohner von ihrer Arbeitsstelle Pause haben.

Während die Hausgemeinschaften gemeinsam speisen, verbringen die Mitarbeiter der Außenarbeitsstellen, etwa der Tischlerei in Amelinghausen, ihre Pause in der Hof-Kantine. Nur Karlheinz Eitenmüller setzt lieber auf sein mitgebrachtes Butterbrot. Am Abend wird seine Angela für ihn zu Hause kochen. Zu seinen Zukunftsplänen sagt er: „Das ist schwierig. So wie es andere machen, kann ich das nicht. Wir sind eine SOS-Einrichtung. Wir sind schwächer.“ Er schaut Manfred Persy an, der ihm gegenübersitzt. „Es fängt beim Papierkram an, Manfred weiß sofort, was das alles bedeutet. Was ich noch hinkriege, ist die Adresse auszufüllen.“ Ob er sich über Kinder Gedanken gemacht hat? „Ich habe als Onkel Erfahrung, das reicht.“ Kurze Pause. Er lächelt und fügt augenzwinkernd an: „Wenn du Kinder hast, brauchst du einen Kopf wie ein Computer.“ Er hat sein Glück bereits gefunden.

Tag der offenen Tür
Der deutschlandweit tätige Verein „SOS-Kinderdorf“ feiert in diesem Jahr sogar 60-jähriges Bestehen. Anlässlich des 30-jährigen Bestehens des SOS-Hofs Bockum in der Samtgemeinde Amelinghausen wird es beim „Tag der offenen Tür“ eine große Geburtstagstorte geben. Ansonsten präsentiert sich der Hof Bockum am Sonntag, 28. Juni, ab 14 Uhr interessierten Besuchern mit Musik, Spiel-angeboten, Speisen und Getränken und gewährt Einblicke hinter die Kulissen.
Weitere Informationen gibt es im Internet unter www.sos-kinderdorf.de/dorfgemeinschaft-hof-bockum
Hof-Geschichte
Der Hof Bockum, eine Einrichtung des SOS-Kinderdorf e.V., verdankt seine Entstehung einer Stiftung des hamburgischen Kaufmanns Dr. Friedrich Homann aus 1981. Der Stifter wollte den Hof zum Wohl hilfsbedürftiger Menschen verwendet wissen. Im August 1985 zogen die ersten Mitarbeiter ein, die Umstellung der Landwirtschaft zum Bioland-Betrieb begann. Die ersten Betreuerfamilien Persy, Böhm und Eyser bezogen angemietete Häuser in Rehlingen. Der heutige Einrichtungsleiter Manfred Persy hatte als Gärtner in der SOS-Dorfgemeinschaft Hohenroth angefangen. Mit den anderen sollte er Bockum aufbauen.
1987 wurden die ersten Wohnhäuser errichtet, die Tischlerei zog in die sanierte Mühle. 1991 wurde ein weiteres Haus bezogen, es gab 34 Wohnplätze. 1993 wurde das alte Bauernhaus durch ein neues Gemeinschaftshaus ersetzt. Dort sitzt die Verwaltung. Mit dem Kauf des Heidehauses in Amelinghausen entstand 1994 die erste Außenwohngruppe. Seit 1999 ist die Einrichtung als Werkstatt für behinderte Menschen anerkannt, die Betreuten erhalten eigenen Lohn.
Die Tischlerei vergrößerte sich 2009, zog in die alte Produktionshalle der Bäckerei Worthmann in Amelinghausen.
2010 zählte die Einrichtung 68 Wohnplätze allein in Bockum. Nach der Erweiterung 2014 verfügt der Hof aktuell über acht Hausgemeinschaften mit insgesamt 58 Wohnplätzen sowie vier Wohngruppen mit insgesamt 26 Wohnplätzen sowie zehn Wohnungen, in denen zwölf Bewohner ambulant betreut werden. In den Arbeitsbereichen (Gärtnerei, Landwirtschaft, Hofladen, Landschaftspflege, Dienstleistung, Tischlerei) bietet die Einrichtung rund 100 Bewohnern eine vergütete Beschäftigung, sagt Christoph Thomann-Fuchs, Bereichsleiter Arbeit. Neun Werkstattbeschäftigte arbeiten in externen Betrieben in Amelinghausen.