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Gert G. von Harling ist begeisterter Jäger und viel in der Natur unterwegs. In Niedersachsen ist er einer von 113 Wolfsberatern  allerdings mit abnehmender Begeisterung. Foto: t&w
Gert G. von Harling ist begeisterter Jäger und viel in der Natur unterwegs. In Niedersachsen ist er einer von 113 Wolfsberatern allerdings mit abnehmender Begeisterung. Foto: t&w

Ein Wolfsberater klagt an

Er ist Jäger, Jagdschriftsteller — und einer von 113 ehrenamtlichen Wolfsberatern in Niedersachsen. 2013 ist Gert G. von Harling vom Land offiziell ernannt worden, jetzt meldet sich der Lüneburger mit einem dreiseitigen Protestschreiben zu Wort und fordert die Landesregierung auf, endlich einen „vernünftigen Managementplan für den Umgang mit den Grauhunden“ zu schaffen. Was von Harling anprangert und wie das Umweltministerium nach LZ-Anfrage auf die Kritik seines Wolfsberaters kontert — Auszüge beider Seiten.

Gert G. von Harling: „Für meinen freiwilligen Einsatz als Wolfsberater muss ich mich beschimpfen, und mir von in Panik geratenen Müttern, ängstlichen Hundeführern oder besorgten Schäfern die Frage gefallen lassen, warum ich in meiner Funktion nichts gegen die „bösen Räuber“ unternehme. Versucht ein Wolfsberater die Menschen zu beschwichtigen, behauptet gar, vom Wolf gehe keine akute Gefahr aus, und es sollte trotzdem etwas Gravierendes passieren — sind wir dann die Buhmänner?“

Ministerium: „Der Wolf steht unter strengem Artenschutz nach EU-Recht. Bei allen Maßnahmen im Umgang mit dem Wolf steht für die Landesregierung die Sicherheit der Menschen immer an erster Stelle.“

„Wölfe sind für mich eine faszinierende Wildart, obwohl sie in Deutschland laut Gesetz kein „Wild“ mehr sind und sich einige schon gar nicht „wild“ benehmen. Sie sind intelligent, opportunistisch, weswegen sie allen Ausrottungsversuchen zum Trotz überleben, anpassungsfähig, aber vor allem sind sie ein beträchtlicher Wirtschaftsfaktor geworden. Darüber, wie viel Euro das Projekt Wolf den deutschen Steuerzahler kostet, schweigt des Dichters, Verzeihung, des Umweltministeriums Höflichkeit auch nach mehrmaligen Anfragen. Für ein Schaf, ich esse genauso gerne Lammbraten wie Meister Isegrim, zahle ich dem Schäfer ungefähr 80 Euro. Sollte eines der Tiere gerissen sein, kostet das Prozedere — vom Auffinden, Proben nehmen, DNA-Analysen bis zur Entschädigung — mindestens das Zehnfache.“

„Seit Inkrafttreten der Richtlinie Wolf wurden bereits mehr als 200000 Euro für Billigkeitsleistungen und Präventionsmaßnahmen an Nutztierhalter bewilligt, davon rund 163000 Euro ausgezahlt. Die Höhe der gewährten Ausgleichszahlungen richtet sich nach dem Wert des Tieres sowie gegebenenfalls angefallener Tierarzt- und Tierkörperbeseitigungskosten. Präventionsmaßnahmen (Elektrozäune, Herdenschutzhunde) werden bis zu 80 Prozent bezuschusst. Die Richtlinie Wolf ist als dynamisches Konzept vorgesehen und wird fortlaufend weiterentwickelt.“

„Ich wünsche mir, dass der Wolf nicht länger ideologisch und politisch instrumentalisiert sowie als Kuscheltier verherrlicht wird. Er verdient die gleiche (faire) Behandlung wie Mufflon und Marderhund, Waschbär und Wildgans, Bisam und Biber, Rebhuhn und Reh. Er ist keine Wildart erster, auch nicht zweiter und schon gar nicht besonderer Klasse. Dafür setzen sich auch Wolfsberater ein. (…) Landesregierung und Landtag sind nicht bereit Auskunft zu geben, auf welchen Gesamtbestand die Zahl der Wölfe in Niedersachsen noch anwachsen soll. Eine Frage, die mir als Wolfsberater immer wieder gestellt wird. Wird der Wolf weiterhin geschützt, sind Probleme mit Viehzüchtern, Jägern sowie Spaziergängern programmiert. Wolfsberater werden tagtäglich mit entsprechenden Ängsten in der Bevölkerung konfrontiert.“

„Nach aktuellen Schätzungen leben derzeit zwischen 50 und 70 Wölfe in Niedersachsen. Experten gehen von fünf ortstreuen Rudeln, zwei Paaren und einem Einzelwolf aus. Vermutet wird eine jährliche Zuwachsrate von etwa 30 Prozent. Wie bei allen Tieren ist die natürliche Sterblichkeit in den ersten zwei Jahren hoch. Von einem „günstigen Erhaltungszustand“ der zentraleuropäischen Flachlandpopulation (Nordwest-Polen, Deutschland, Dänemark) kann ausgegangen werden, wenn diese mindestens 1000 erwachsene Tiere enthält oder in ständigem Austausch mit Nachbarpopulationen steht. Das ist noch nicht der Fall. Eine isolierte Betrachtung, gar ein auf die Landesfläche Niedersachsens beschränktes Management, ist nicht möglich.“

„Es gibt keine befriedigende Lösung im Rahmen des Gesetzes und somit auch keine Argumentationshilfen für die Wolfsberater. Fest steht, dass nur eine Regulierung des Besatzes, sofern sich die Natur nicht durch Seuchen wie Tollwut selber hilft, der Ausweg aus diesem Dilemma sein kann. Das trifft in der breiten (Stadt)Bevölkerung auf wenig Gegenliebe, denn die Rückkehr Isegrims ist vorrangig zu einem gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Thema geworden. Als Wolfsberater möchte ich von der Landesregierung nicht „allein gelassen“, sondern zeitnah und realistisch informiert werden. Ich wünsche, dass mit Jägern, Landwirten, Schafhaltern, privaten Grundbesitzern sowie mit denen, die sich wissenschaftlich mit Wölfen beschäftigen, ohne Rücksicht auf Ideologien, endlich ein vernünftiger Managementplan für den Umgang mit den Grauhunden geschaffen wird und dass Wolfsberater in diesen Prozess eingebunden und informiert werden, zum Nutzen aller Beteiligten, vor allem aber für einen: für Meister Isegrim, damit er endlich das schlechte Image, das seit Jahrhunderten an ihm haftet, verliert.

„Anfang Mai stellte Minister Wenzel ein umfangreiches Maßnahmenpaket zur Weiterentwicklung des Wolfsmanagements in Niedersachsen vor … Um einen einheitlich fachlichen Standard zu gewährleisten, werden die ernannten, ehrenamtlichen Wolfsberater im Auftrag des Ministeriums regelmäßig … geschult. Bei den Schulungen geht es neben der Vermittlung von fachlichem Wissen auch darum, dass das Netzwerk der Wolfsberater gestärkt und der Austausch zwischen ihnen gefördert wird. Der Beitrag der Wolfsberater ist von großer Bedeutung für das Gelingen des Wolfsmanagements. Die Fragen, Anregungen und kritischen Bemerkungen werden sowohl von der Wolfsbeauftragten der Landesjägerschaft als auch von den zuständigen Kolleginnen und Kollegen im Umweltministerium kons-truktiv aufgenommen und sind hilfreich für die Weiterentwicklung der Arbeit.“

Berater in Nienburg schmeißt hin
Mit seiner Kritik ist der Lüneburger Gert G. von Harling nicht der einzige Wolfsberater in Niedersachsen. Im Landkreis Nienburg ist erst vor kurzem mit Christian Lohmeyer — Landwirt, Jäger und Schäfer — ein Wolfsberater von seinem Amt zurückgetreten. Auch er fühlte sich vom Land allein gelassen, kritisierte, das Land habe kein Konzept und ducke sich beim Thema Wolf hinter den Wolfsberatern weg. Doch die Meinungen gehen auch in den Reihen der Berater auseinander. Bewerben konnte sich um das Ehrenamt grundsätzlich jeder, unter den Ernannten sind neben Jägern viele Veterinäre, Schafzüchter und Naturschützer. off

16 Kommentare

  1. Verehrte Wölfe!

    Ganz allmählich traut Ihr Euch jetzt ja wieder zu uns, und das begrüßen wir sehr. Da dürft Ihr Euch ruhig auch mal das ein oder andere Schäfchen von der Weide schnappen. Aber bitte, liebe Wölfe: Seid auf der Hut! Denn was mußten wir in der Bild-Zeitung über einen von Euch aus der Region Hamburg lesen? »Ein Wolf mischte eine Schafherde bei Neuhorst auf. Selbst als Wolfsberater Dirk sich dem Tier näherte, lief der Wolf nicht weg.« So geht das aber nicht! Das könnt Ihr als Neulinge in der modernen deutschen Wildnis natürlich noch nicht wissen, aber eine Grundregel zum Überleben hier lautet: Sobald ein Berater auftaucht – nichts wie weg, abhauen, Fersengeld geben! Sonst habt Ihr ruckzuck eine überteuerte Schaf-Ausfallversicherung mit Staffeltarifen am Hals. Oder schlimmer noch: irgendwelche Supervisoren, die Eure geschäftliche Effizienz überprüfen, Eure Strategien zur Optimierung der Ertragssteigerung kritisieren, neue restrukturierende Best Practices einführen und am Ende allerlei Teile von Euch outsourcen.

    Homo lupo lupus!

  2. er klagt in eigener sache an. wie glaubwürdig ist die konkurrenz von den wölfen?

  3. Helmut Müller

    Einen schönen Schweißhund haben Sie an Ihrer Seite, Herr von Harling. Schöne Maske. Eine Bayerische Dame, nehme ich an?

    In allem, was ich oben von Ihnen zum Thema Wolf lese, stimme ich mit Ihnen überein.

    Schade, dass Sie das komplette Schreiben noch nicht auf Ihrer Homepage online gestellt haben.

  4. Das alte Lied von Angst, Unwissenheit und Kleingeistigkeit. Ich hätte auch irgendwann keine Lust mehr darauf, mich mit Menschen auseinanderzusetzen, deren Bildung sich auf Märchen vom „bösen Wolf“ beschränken. Mir fallen viele böse Worte ein und es braucht viel Selbstkontrolle sie nicht aufzulisten. Aber davon würde ja auch niemand schlauer werden. Aber im Ernst: Der letzte Wolfsangriff, von dem ich gelesen habe war auf drei kleine Schweinchen, von denen immerhin eins in seinem Haus aus Stein überlebt hat….. Alles Folklore ! Dass Menschen hier geistig einen Schritt nach vorne gehen werde ich wohl nicht mehr erleben (schrieb er mit 27) ….

    • @ Niklas
      statt böse selbstkontrollbedürftige Gedanken zu kultivieren, bitte erst mal über alles in Ruhe informieren und dabei die ideologische Brille absetzen. Es gibt keinen bösen Wolf. Es ist einfach seine Raubtiernatur, dass er sich Nutztiere holt (egal, ob die geschützt sind oder nicht) und dass er immer wieder Menschen angreift, u.U. auch tötet, auch wenn dieses sicher die Ausnahme ist. Man kann das Buch Wolfsangriffe von Elli Radinger lesen, was nur einen kleinen Ausschnitt der Gefahr für Menschen darstellt. Oder man schaut ins Internet, z.B. die Webseite Wolf-Nein danke…da kann man sich auch in die Probleme der Weidetierhalter einarbeiten. Konkrete Lösungen müssen erst noch gefunden werden, bis jetzt hat da niemand einen brauchbaren Plan. Sich mal nett und aufgeschlossen mit den Betroffenen unterhalten, wäre auch noch eine Option. Viele Grüße.

      • Sich mal nett und aufgeschlossen mit den Betroffenen unterhalten, wäre auch noch eine Option. Viele Grüße
        sich mit direkt nicht betroffene zu unterhalten, ist da auch nicht verkehrt. sonst würde die vereinsbrille alles vernebeln. es wird zuviel übertrieben.

  5. Der Wolf wird als Kostenfaktor gesehen. da sitzt der Jäger im Glashaus und wirft mit Steinen. Die Jägerschaft denkt es ist ihr verbrieftes Recht sich Wildbestände zu halten, die nichts mehr mit natürlichen Beständen zu tun hat. Das bestreiten auch die meisten Jäger nicht . Es werden dafür auch Verkehrstote, Schwerverletzte, Sachschäden und Forstschäden in Milliardenhöhe in Kauf genommen, Hauptsache es gibt genug Wild zum ballern.

    • Schon mal darüber Gedanken gemacht, wer Tag und Nacht bei Wildunfällen von der Polizei gerufen wird um sich um das Wild zu kümmern oder wer die Wildschäden in der Landwirtschaft bezahlt? Richtig, in der Regel der ehrenamtliche Revierinhaber bzw. Jäger. Außerdem ihre Wortwahl …“Hauptsache es gibt genug Wild zum ballern.“ zeigen deutlich ihren Respekt und ihre Kenntnisse, die scheinbar über das laufende Keiler Schießen an der Kirmesbude nicht hinausgehen Herr Uller.
      Am besten in Zukunft mit Dingen beschäftigen, von denen man Kenntnis und Ahnung hat.

      • Hallo Frauke, wollen Sie behaupten, dass es in Deutschland keinen Wildüberbestand gibt?
        Die Sach- und Personenschäden in 3-stelliger Millionenhöhe werden auch von den Jagtpächtern übernommen? Die Verbissschäden in der Forstwirtschaft oder die Schutzzäune? Das wär mir neu? Die Jäger lassen sich ihr Hobby von der Allgemeinheit mit Blut und Geld bezahlen und wollen die Mär vom bösen Wolf erzählen.

  6. Schrei nach Liebe

    In letzter Zeit schießen sie wie die Frühlingsblumen aus dem Boden: die zahlreichen „Wolfsexperten“, die es ins Rampenlicht drängt, um ihre Fachkenntnis kundzutun. Es könnte uns eigentlich egal sein, wer sich mit diversen Profilneurosen in der Öffentlichkeit austobt – wenn wir nicht immer wieder darauf angesprochen würden, was denn dieser oder jener „Experte“ so alles an Unsinn von sich gegeben hat.

    Ein Blender ist jemand, der stets laut und deutlich jedem, der es hören (oder auch nicht hören) will, erzählt, wie gut er sich mit Wölfen auskennt. Er tut dies auch ausgiebig in diversen Foren kund.

    Wenn Sie wissen wollen, wer die Blender sind, müssen wir Sie enttäuschen. Wir werden keine Namen nennen. Aber Sie werden sie erkennen, schon allein daran, wie sie auf dieses Statement reagieren. Sie werden es sein, die am lautesten schreien und protestieren und die uns am persönlichsten und aggressivsten angreifen. Hören Sie also gut zu und schauen Sie genau hin. Die Blender werden sich selber outen.

    • Zahlreiche „Wolfsexperten“ schießen wahrlich wie Pilze aus dem Boden. Nur wenige jedoch haben ein so fundamentales Wissen wie G.v.Harling. Der zudem nicht selbsternannter Wolfsexperte ist, sondern amtlich bestellter.
      Dass eine zunehmende Zahl an Wolfsberatern sich auch öffentlich kritisch äußert (siehe auch C.Lohmeyer, K.Bullerjahrn, T.Gründjens) zeigt, dass hier etwas schief läuft. Und zwar massiv.

      Der besenderte Wolf darf nur der Anfang sein. Ich würde mir jedoch wünschen, dass diesbezüglich die größtmögliche, nämlich komplette Offenheit der betroffenen Öffentlichkeit gegenüber gehandhabt würde. Leider findet derzeit immer noch alles hinter „verschlossenen Türen“ statt. Die Veröffentlichungen des Wildtiermanagements über die Nutztierrisse ist gnadenlos im Verzug, DNA-Ergebnisse werden nicht veröffentlicht (warum eigentlich nicht ? Damit wäre die Herkunft der getesteten Tiere eindeutig zu belegen, aber warum soll das die Öffentlichkeit nicht wissen ?), auf begründete Fragen wie die von Herrn v.Harling wird mit Plattitüden geantwortet. Und einem Pferdehalter wird mitgeteilt, dass man den Wolf zwar nicht nachweisen kann, er aber trotzdem aus „Kulanz“ 50% seines gerissenen Fohlens monetär ersetzt bekommt. Ein bisschen schwanger … ?

      Vertrauen bilden sieht anders aus.

      • Es macht den Eindruck, dass es mehr Wolfsberater gibt als Wölfe. Die wenigsten von ihnen haben schon einen Wolf in freier Wildbahn gesehen. Der Wolf weiß gar nicht, dass er einen Manager in Niedersachsen zugeteilt bekommt.
        Hier wollen sich einige Leute mit viel Zeit unter dem Denkmäntelchen der Wissenschaft wichtigtuen. Es erinnert eher an einen Kaninchenzüchterverein.

      • ich würde ja zugern mal mit einem jäger in ein wolfsgehege gehen. jeder ein stück fleisch in der hand. mal sehen, wer es zuerst wegwirft und sein heil in der flucht sucht. mit einem stock auf den boden schlagen, soll helfen , wenn man einem rudel dessen futter wieder wegnehmen will. ich würde es zugern mal ausprobieren.

    • Griechenland braucht den Euro – wir brauchen Griechenland !

      Meine Meinung.

  7. Zitat Gerd G. von Harling zum Wolf:

    „Er verdient die gleiche (faire) Behandlung wie Mufflon und Marderhund, Waschbär und Wildgans, Bisam und Biber, Rebhuhn und Reh.“

    Wie „fair“ mag so eine Behandlung durch einen Jäger wohl ausfallen? Fairness in Form von Blei?

    Die Antwort liefert Herr von Harling dann ja selbst:

    „Fest steht, dass nur eine Regulierung des Besatzes, sofern sich die Natur nicht durch Seuchen wie Tollwut selber hilft, der Ausweg aus diesem Dilemma sein kann.“

    Für wen genau ist denn der Wolf nun eigentlich ein „Dilemma“?

    Die verantwortlichen Stellen sollten vielleicht einfach etwas sorgfältiger in der Auswahl ihrer Wolfsberater vorgehen, damit nicht gleich eine ganze Herde von Böcken zu Gärtnern ernannt wird, die sich dann enttäuscht und geradezu beleidigt darüber echauffiert, dass sie sich an den ihnen anvertrauten streng geschützten Pflänzchen nicht sattfressen darf.