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Vor zwei Jahren ist Ursula Weber an die Universität nach Lüneburg gekommen, jetzt endet mit dem Inkubator auch ihr Arbeitsvertrag. Foto: t&w
Vor zwei Jahren ist Ursula Weber an die Universität nach Lüneburg gekommen, jetzt endet mit dem Inkubator auch ihr Arbeitsvertrag. Foto: t&w

Forschen auf Zeit – Mit dem Inkubator endet für viele Wissenschaftler der Vertrag

Die Abschlussfeier ist gelaufen, 100 Millionen Euro sind investiert — und an der Leuphana beginnt die Zeit nach dem Innovationsinkubator. Für die meisten beteiligten Wissenschaftler heißt das: Projekt abschließen, Büro ausräumen und Abschied nehmen. Es geht ihnen wie dem Großteil wissenschaftlicher Mitarbeiter an deutschen Hochschulen: Sie forschen mit Zeitvertrag.

off Lüneburg. Ihr Büro liegt unterm Dach, ein kleiner Raum mit Schiebetür aus Glas und Blick auf das aufstrebende Zentralgebäude. Es ist ruhig auf der Etage, die meisten Schreibtische sind leer, die Kollegen entweder in der Mensa oder schon ausgezogen. Ursula Weber hat noch fünf Wochen, dann läuft am 31. Juli auch ihr Vertrag aus. Die 36-Jährige hofft auf weitere Fördermittel und ein Anschlussprojekt. Sicher ist bisher nichts. Die einzige Zusage, die sie hat: Sie kann Lehrveranstaltungen an der Uni geben. Ein Standbein. Zum Überleben wird es nicht reichen.

Als Ursula Weber vor zwei Jahren für die neue Stelle aus Düsseldorf nach Lüneburg gezogen war, wusste sie, worauf sie sich einlässt. „Befristete Verträge sind in der Wissenschaft normal“, sagt sie, „das ist eigentlich allen, die in diesem Bereich tätig sind, klar.“ Welche Folgen das hat — für die Wissenschaftler, aber auch die Qualität der Forschung — wird inzwischen bundesweit diskutiert. Denn anders als Unternehmen können Hochschulen ihre Mitarbeiter theoretisch über Jahre wieder und wieder befristet einstellen.

Das Wissenschaftszeitvertragsgesetz erlaubt beliebig viele befristete Beschäftigungsverhältnisse, falls die Stelle durch Mittel Dritter finanziert wird. Und weil Drittmittel für die Hochschulen immer wichtiger werden, steigt auch die Zahl der befristeten Stellen. Laut Bundesbericht für den wissenschaftlichen Nachwuchs arbeiten inzwischen 90 Prozent der angestellten wissenschaftlichen Mitarbeiter auf befristeten Stellen. Im Inkubator, dem Pilotprojekt der EU zur regionalen Wirtschaftsförderung, waren von 2009 bis 2015 mehr als 600 Personen beschäftigt. „Aktuell arbeiten noch rund 250 Personen für das Projekt“, sagt Pressesprecher Henning Zühlsdorff. „Mehr als 70 Inkubator-Mitarbeiter sind jetzt in anderen Bereichen an der Leuphana beschäftigt. Weitere könnten hinzukommen.“

Ob Ursula Weber dazu gehören wird? Sie hofft es. „Ich mag Projektarbeit, arbeite gerne an der Hochschule und empfinde die Uni als attraktiven Arbeitgeber.“ Am Institut für Nachhaltigkeitsmanagement hat sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin mittelständische Unternehmen dabei begleitet, Lösungen für Nachhaltigkeitsprobleme zu finden. „Das hat mir unheimlich viel Spaß gemacht“, sagt sie. „Und es gibt auch aus der Wirtschaft sowie von Multiplikatoren und Verbänden den Wunsch, die Zusammenarbeit nach dem Inkubator fortzusetzen.“ Gelingt es, könnte sich der nächste Zeitvertrag anschließen. Gelingt es nicht, will Ursula Weber trotzdem in Lüneburg bleiben.

Die Stadt, ihre Freunde, die Region, das alles will die 36-Jährige nicht wieder aufgeben. Zumindest nicht jetzt, nach gerade mal zwei Jahren. „Grundsätzlich hat man ja zwei Möglichkeiten“, sagt sie, „entweder ich gehe dahin, wo der Job ist oder ich habe eine Region, in der ich leben will, und versuche mir dort etwas zu suchen.“ Entschieden hat sie sich in ihrem bisherigen Leben immer für Möglichkeit eins, lebte seit ihrer Kindheit nie länger als ein paar Jahre irgendwo, arbeitete entweder befristet oder freiberuflich. Inzwischen tendiert die Wissenschaftlerin zu Möglichkeit zwei. „Momentan sehe ich meine Zukunft in Lüneburg“, sagt sie, „mal sehen, wie tief meine Wurzeln hier schlagen.“

Angst, ab dem 1. August ohne Beschäftigung dazustehen, hat Ursula Weber nicht. „Durch den Inkubator haben Uni und Arbeitgeber in der Region jetzt die große Chance, auf viele erfahrene, kreative und gut ausgebildete Arbeitskräfte zuzugreifen.“ Sollte es für sie mit einem Anschlussvertrag an der Leuphana nicht klappen, „wird sich etwas anderes finden“. Notfalls auch irgendwo anders in der Welt. „In den vergangenen Jahren habe ich Übung im neu Anfangen bekommen“, sagt sie, „außerdem bin ich grundsätzlich offen für Neues.“ Doch wenn sie es sich aussuchen könnte, würde Ursula Weber weder ihr Büro ausräumen noch Abschied nehmen — sondern so lange bleiben, wie sie es will.