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Beim Parkhaus Am Graalwall lässt man bewusst heimische Pflanzen wachsen und verzichtet auf den Rasenmäher, um Tiere und Pflanzen zu schützen. In den Augen von Ökologen und Naturschutzverbänden geschieht das aber noch viel zu selten. Foto: joh
Beim Parkhaus Am Graalwall lässt man bewusst heimische Pflanzen wachsen und verzichtet auf den Rasenmäher, um Tiere und Pflanzen zu schützen. In den Augen von Ökologen und Naturschutzverbänden geschieht das aber noch viel zu selten. Foto: joh

Wenn zu viel Pflege schädlich ist – Lüneburg ist seit 2012 Mitglied im „Bündnis für biologische Vielfalt“

joh Lüneburg. Der Kurpark lädt vor allem bei sommerlichen Temperaturen zum Verweilen ein: Große Kastanien, Eichen und Ahornbäume spenden Schatten, es weht eine angenehme Brise, Besucher können Sport treiben oder bei leisem Vogelgezwitscher entspannen. Dass es nur wenige Vogelarten sind, die da singen, oder dass kaum Bienen, Hummeln oder Schmetterlinge unterwegs sind, fällt wohl nur wenigen auf. Die Biologische Vielfalt ist ins Wanken geraten.

„Lüneburg hat zwar relativ viele Grünflächen, die sich positiv auf das Stadtklima auswirken“, räumt Henrik von Wehrden, Professor am Institut für Ökologie an der Universität, ein. „Langfristig wäre es aber wünschenswert, mehr auf heimische Arten zu setzen und mehr Wildnis zuzulassen.“ Die ortsansässigen Naturschutzverbände formulieren es drastischer. „Auf stadteigenen Flächen, aber auch auf vielen Privat- und Firmengeländen herrscht ein völlig falsches Verständnis von Ordnung und Sauberkeit. Durch die intensive Pflege kommt nichts mehr zur Blüte. Damit fehlt spätestens nach dem Ende der Baum- und Strauchblüte Nahrung für Insekten. Nicht nur Honigbienen, auch Wildbienen oder Falter verhungern, die Folgen setzen sich durch die gesamte Nahrungskette fort“, urteilt Thomas Mitschke vom Nabu. Auf der anderen Seite würden sich einige eingeschleppte Arten, etwa der Staudenknöterich, massiv vermehren und müssten als Unkraut bekämpft werden.

Über lange Zeit hat sich in den heimischen Ökosystemen eine Balance zwischen den dort lebenden Tier- und Pflanzenarten sowie Mikroorganismen eingestellt. Wird diese durch Beseitigung bestimmter Arten, zum Beispiel durch intensives Mähen, Pestizide oder die Einführung fremder Arten gestört, hat das oft hohe Pflegekosten zur Folge und kann im Extremfall zum Versagen der Ökosystemleistungen führen (siehe Kasten).

Lüneburg ist seit 2012 Mitglied im „Bündnis für biologische Vielfalt“. Oliver-Martin Freese von der städtischen AGL, die für die Pflege der öffentlichen Grünflächen zuständig ist, sagt, dass sein Team grundsätzlich versuche, dem Rechnung zu tragen. Bestimmte Flächen würden erst spät gemäht und bei einigen Grünstreifen gezielt heimische Pflanzen angesät. Bei der Düngung greife man überwiegend auf natürliche Mittel zurück. Aber natürlich würden auch gestalterische Aspekte eine Rolle spielen. Und die Umwandlung bestehender Grünflächen kostet, macht Freese deutlich. Deshalb würde die Berücksichtigung biologischer Vielfalt vor allem für neue Flächen eine Rolle spielen. Aber auch hier müsse man personelle Kosten für ein Monitoring berücksichtigen.

Auf der anderen Seite spart weniger Pflege Kosten. Für Ralf Gros, Landschaftsökologe und Mitglied der Grünen, ist eine vernünftige Grundlage das Ausschlaggebende. Er setzt sich für die planerische Absicherung ökologisch wertvoller Grünflächen ein. Man brauche einen neuen Landschaftsplan für die Stadt, der eine Bestandsaufnahme und Bewertung der vorhandenen Flächen vornimmt. Außerdem sei der Flächennutzungsplan für Lüneburg komplett veraltet. „Es fehlt eine klare Weisung von der Stadt“, sagt Gros. Obwohl Rot-Grün die Mehrheit bildet, habe das Thema keine Priorität und werde vernachlässigt.

Auch die Naturschutzverbände drängen auf eine Absicherung, vor allem in Hinblick auf das Wachstum der Stadt. Für den Artenschutz sei es enorm wichtig, dass ein Verbund zwischen den Flächen bestehe, das Grün also nicht immer weiter zerstückelt werde.

Einigkeit besteht zwischen den Verbänden, Gros und von Wehrden auch darin, dass für eine ökologische Stadtentwicklung die Öffentlichkeit einbezogen werden muss. „Mehr Naturerlebnisräume schaffen“, lautet ihr Credo. Die Naturerfahrung und das Wissen über heimische Arten und ihre Zusammenhänge könnte die Sichtweise auf gepflegte Grünflächen verändern und vielleicht auch die Betrachtung des eigenen Gartens. Statt Rasen und akkuraten Büschen könne doch auch die „wilde Wiese“ schön anzusehen sein.

Biologische Vielfalt
Hinter dem Begriff verbirgt sich nicht weniger als die Lebensgrundlage für Menschen. Pflanzen, Tiere, Pilze und Mikroorganismen reinigen Luft und Wasser, sorgen für fruchtbare Böden und produzieren die lebensnotwendigen Rohstoffe. Das funktioniert nur im komplexen Wirkungsgefüge, die einzelnen Arten sind in vielerlei Hinsicht aufeinander angewiesen. Die Vielfalt von Arten und Lebensräumen ist essentiell. Vor dem Hintergrund, dass beides in den vergangenen Jahrzehnten in alarmierender Weise zurück gegangen ist, hat die Bundesregierung 2007 die „Nationale Strategie zur biologischen Vielfalt“ beschlossen. Im Bereich Siedlung und Verkehr soll der Flächenverbrauch bundesweit auf 30 Hektar pro Tag verringert werden (von 114 Hektar im Jahr 2005), die einzelnen Kommunen sollen zum Beispiel gezielt Naturerlebnisräume und Biotopverbünde schaffen. Städte sind durch die Vielzahl verschiedener Lebensräume von Parks über Gärten bis zu altem Mauerwerk mittlerweile oft artenreicher als das intensiv genutzte Land.