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Der Ringelschwanz ist ein Markenzeichen des Schweins, ihn zu stutzen, ist EU-weit eigentlich verboten. Trotzdem ist das Kupieren in konventionellen Ställen üblich. Foto: t&w
Der Ringelschwanz ist ein Markenzeichen des Schweins, ihn zu stutzen, ist EU-weit eigentlich verboten. Trotzdem ist das Kupieren in konventionellen Ställen üblich. Foto: t&w

Ein wertvolles Schwänzchen

off Lüneburg. Zu einem richtigen Schwein gehört ein Ringelschwanz. Zumindest im Bilderbuch. Tatsächlich werden bei einem Großteil der Ferkel in Deutschland die Schwänzchen direkt nach der Geburt gestutzt, damit sich die Tiere nicht gegenseitig in die Schwänze beißen. Ein Eingriff, der seit Jahren heftig diskutiert wird. Und den Niedersachsens Agrarminister Christian Meyer in Zukunft verhindern will. Sein erster Schritt: die Ringelschwanz-Prämie. Mit 16,50 Euro pro Schwein sollen Landwirte belohnt werden, die auf das Kupieren der Schwänze verzichten. Am Mittwoch hat die Antragsfrist begonnen. In Hannover gibt man sich euphorisch. Unter den Schweinehaltern in der Region hingegen herrscht Skepsis.

Gezahlt wird die Prämie für jedes unversehrte Schwein. Allerdings nur für maximal 1000 Tiere pro Betrieb — und nur dann, wenn mindestens 70 Prozent aller Schweine einen intakten Schwanz haben. Dabei geht es Meyer nicht allein um einen Verzicht auf das Kupieren. „Entscheidend ist vor allem, dass in den Ställen Bedingungen geschaffen werden, damit sich die Schweine wohlfühlen“, sagt der Minister. Denn nur Schweine, die ausreichend Platz und Beschäftigung haben, beißen ihren Artgenossen nicht die Schwänze ab. Das zumindest ist die Theorie.

In der Praxis ist ein Verzicht auf das Kupieren komplizierter. So kompliziert, dass viele konventionelle Bauern die Prämie gar nicht erst beantragen werden — aus Angst, das Schwänzebeißen nicht in den Griff zu bekommen. Aktuell laufen dazu bundesweit mehr als 25 Forschungsprojekte zum Thema, „aber eine Lösung ist noch immer nicht gefunden“, sagt der Vorsitzende des Bauernverbandes Nordostniedersachsen und Schweinehalter, Thorsten Riggert. Er fordert mehr Zeit und Geld, um die komplexen Ursachen für das Schwänzebeißen zu erforschen. „Es gibt so viele Faktoren, die Einfluss darauf nehmen“, sagt er, „da reicht es im konventionellen Stall nicht, den Tieren ein bisschen mehr Platz und Stroh zu geben.“

Das Problem: Wenn die Schweine erstmal anfangen, sich in die längeren Schwänze zu beißen, „wird es zur echten Tierquälerei“, sagt Riggert. Über Nacht könne die Beißerei zur Querschnittslähmung führen, Medikamente müssten eingesetzt, Tiere schlimmstenfalls sogar getötet werden. „Ich würde gerne auf das Kupieren verzichten“, sagt Riggert, „aber nur, wenn ich sicherstellen kann, dass es den Tieren damit besser und nicht schlechter geht.“

Wissenschaftler und ein Expertennetzwerk sollen die Betriebe, die an der Ringelschwanz-Prämie teilnehmen, begleiten. Doch das allein überzeugt auch den Soderstorfer Landwirt Harm Stegen nicht. Er nimmt seit einem Jahr als Pilotbetrieb an einer Studie zum Thema „Schwänzebeißen“ in Kooperation mit der Landwirtschaftskammer teil und ist überzeugt: „Der Verzicht auf das Kupieren ist bisher nicht praktikabel.“ Alles Mögliche habe er in seinem Stall ausprobiert — von der Futtermittelanalyse bis zu mehr Platz und zusätzliches Beschäftigungsmaterial — „verhindern ließ sich das Schwänzebeißen trotzdem nicht“.

Dass es kein Patentrezept gibt, ist auch dem Ministerium bewusst. In einem gemeinsamen Eckpunktepapier mit zwei Verbänden aus der Schweinehaltung ist deshalb festgehalten, dass ein „begleitendes ganzheitliches Beratungskonzept“ von „größter Wichtigkeit“ ist. Außerdem soll ein Ratgeber herausgebracht und regelmäßig um neue Erkenntnisse ergänzt werden. Nichts weiter als Lippenbekenntnisse, meint Riggert. Er ist überzeugt: „Wer als Schweinehalter jetzt an dem Förderprogramm teilnimmt, steht allein da und muss zusehen, wie er zurecht kommt.“

Riggert selbst kennt bisher keinen konventionellen Schweinehalter, der an dem Programm teilnehmen will. „Dafür freuen sich die Öko- und Neulandbetriebe“, sagt er. Sie sind ohnehin verpflichtet, auf das Kupieren der Ringelschwänze zu verzichten, haben dank deutlich größerer Stall- und Auslaufflächen weniger Probleme mit dem Schwänzebeißen — und können die Auflagen der Ringelschwanz-Prämie leichter erfüllen. Für Riggert ist damit klar: „Diese Prämie ist nichts anderes als eine verdeckte Öko- und Neuland-Förderung.“ Das Ministerium hingegen erwartet, „dass auch viele konventionelle Betriebe teilnehmen werden“ — und die Prämie ihr Ziel erreichen wird: eine tiergerechtere Schweinehaltung.