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Mit einem Großaufgebot sicherte die Polizei nach der Schießerei das Klinikum ab. Drei Männer waren niedergeschossen worden. Foto: A/t&w
Mit einem Großaufgebot sicherte die Polizei nach der Schießerei das Klinikum ab. Drei Männer waren niedergeschossen worden. Foto: A/t&w

Schießerei am Klinikum: Schachzug mit Tücken

ca Lüneburg. Es wirkte wie ein gemeinschaftlich vorbereiteter Schachzug der Verteidiger, um den Vorwurf einer geplanten Tat zu erschüttern. Doch ob die 10. Große Strafkammer der Argumentationslinie im Prozess um die Schießerei am Klinikum folgt, bleibt abzuwarten. Denn einer der Anwälte der Nebenklage hatte im Nu einen Einwand parat, der das Konstrukt auf sehr wackelige Füße stellte. Doch der Reihe nach.

Vor dem Landgericht müssen sich Mitglieder einer kurdischen Familie verantworten, die Anfang September 2014 möglicherweise aus Rache am Klinikum auf eine andere kurdische Familie geschossen haben sollen. Tags zuvor waren die Clans in einem Fitnessstudio blutig aneinandergeraten. Mehrere Schüsse fielen, drei „Gegner“ wurden getroffen und verletzt. Ursprünglich ging es um sieben Angeklagte, gegen einen wurde das Verfahren inzwischen abgetrennt.

Am Montag war nun ein Polizist als Zeuge geladen. Der Kommissar schilderte vor allem, welche Spuren er gesichert hatte, darunter neun Patronenhülsen. Zudem hatte der 34-Jährige am Sonnabendvormittag von zwei Mitgliedern der angeklagten Familie auf deren Wunsch auf der Wache Verletzungen fotografiert, die sie bei der Schlägerei im Fitnessstudio erlitten haben wollen. Und er war ebenfalls vor der Tat mit Kollegen im Klinikum. Dort hatte es einen Disput mit Angehörigen der Opfer-Familie gegeben, die wollten einen verletzten Verwandten besuchen, allerdings außerhalb der üblichen Zeiten.

Manches fiel dem Beamten erst auf Vorhaltungen der Verteidiger wieder ein, dann aber recht präzise. Eine Anwältin monierte, man müsse dem Kommissar „alles aus der Nase“ ziehen. Der Vorsitzende mahnte, nicht „in dieser Schärfe auf den Zeugen zu schießen“. Der Beamte erinnere sich gut, ihm missfalle, dass die Rechtsanwältin und deren Kollegen einen Eindruck erweckten, als solle etwas „verborgen“ werden.

Wichtig war den Anwälten, ein Video abzuspielen, das dokumentieren sollte, dass der Beamte gemeinsam mit seiner Kollegin kurz vor der Schießerei am Klinikum gewesen sei und gefilmt habe. Allerdings war das für Zuschauer und wohl auch für die Kammer nicht zu erkennen. Zu erleben war ein Disput zwischen Polizei und Angehörigen der beschuldigten Familie, welche die Szene wohl mit einem Handy gefilmt hatte.

Aus der Aussage des Beamten und dem Video zogen Verteidiger den Schluss: Die beschuldigte Familie habe gewusst, dass die Polizei beide Gruppen möglicherweise „observiert“ habe. Einer der Anwälte bilanzierte, es sei „völlig lebensfremd“ anzunehmen, dass sich die Mandanten zu einer gemeinschaftlichen Tat, nämlich dem Angriff am Klinikum, verabredet hätten: „Dieser Anklagepunkt ist nicht zu halten.“

Allerdings hakte einer der Anwälte der Nebenkläger ein. Die angeklagte Familie habe durch den Polizeieinsatz an der Rezeption des Klinikums gewusst, dass die späteren Opfer zur üblichen Besuchszeit wieder erscheinen würden. Und da sei es ja dann zur Auseinandersetzung gekommen.