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Die Arbeiterinnen der Roten Waldameisen messen zwischen 4,5 und neun Millimeter. Die Königin kann bis zu elf Millimetern lang werden. Foto: t&w
Die Arbeiterinnen der Roten Waldameisen messen zwischen 4,5 und neun Millimeter. Die Königin kann bis zu elf Millimetern lang werden. Foto: t&w

Invasion aus der Komposttonne – Streng geschützte Insekten erobern den Garten von Eveline Mertens in Mechtersen

dth Mechtersen. „Wir lassen uns auch von den Rehen die Rosenknospen abknabbern und der Fuchs schaut mal durchs Terrassenfenster.“ Auch gegen den Wolf habe sie grundsätzlich nichts, „aber die Roten Waldameisen werden jetzt lästig, denn die beißen wirklich“, sagt Eveline Mertens (70) aus Mechtersen. Die ungebetenen Gäste nehmen zusehends immer mehr Platz in ihrem kleinen Garten mit den großen Hochbeeten ein. Mertens: „Ich dachte, rufst du beim Landkreis an und bittest um Hilfe. Die haben doch für alles einen Beauftragten.“ Zumindest vermittelte der Landkreis an Experten weiter. Mertens erstaunt: „Und die wollen mehrere hundert Euro von mir haben.“ Und einen Bagger soll sie auch noch organisieren.

Jahrelang hatte Eveline Mertens nichts gegen die Nachbarn in der Komposttonne: Doch zusehends breiten sich die Roten Ameisen auch im Rest ihres Nutzgartens aus. Foto: t&w
Jahrelang hatte Eveline Mertens nichts gegen die Nachbarn in der Komposttonne: Doch zusehends breiten sich die Roten Ameisen auch im Rest ihres Nutzgartens aus. Foto: t&w

Eingenistet hat sich der Ameisenstaat in einer ehemaligen Kompost-Tonne, die nach unten offen ist und auf einem Baumstumpf eines ehemaligen Apfelbaums steht. Die 80 Zentimeter hohe Tonne ist fast zur Hälfte mit dem Ameisennest ausgefüllt.

Ratgeber für solche Fälle ist der Landkreis als Untere Naturschutzbehörde. Elena Bartels, Sprecherin des Landkreises, sagt: „Die Rote Waldameise ist streng geschützt, sie darf nicht beseitigt, getötet und auch ihr Lebensraum darf nicht zerstört werden.“ Es könnten allerdings Ausnahmen beantragt werden. Im Einzelfall könnte so eine Umsetzung genehmigt werden, die allerdings fachgerecht durchgeführt werden muss. Und das kann teuer werden. Mertens soll beispielsweise für die Notumsiedlung der Roten Waldameisen 300 Euro zahlen.

Mertens: „Wenn die Roten Waldameisen unter Naturschutz stehen, sind das doch nicht nur meine Ameisen, sondern gehören der Allgemeinheit.“ Elena Bartels sagt: „Wir sind als Landkreis bemüht um den Schutz dieser Art.“ Gerne vermittele der Landkreis auch an Fachleute weiter, in diesem Fall an die Deutsche Ameisenschutzwarte (DASW). Bartels: „Aber die Kosten müssen die betroffenen Bürger tragen.“ Ähnlich werde auch bei den Hornissen-Beauftragten des Landkreises verfahren. Die Beratung ist kostenlos. Aber bei einer Umsetzung werden Gebühren fällig, schließlich entstehen auch den ehrenamtlichen Umweltschützern Kosten.

Aber auch Uwe Gamradt, erster Vorsitzender der Kreisgruppe Nördliches Niedersachsen in der Deutschen Ameisenschutzwarte, in Holm-Seppensen, kann den Unmut von Eveline Mertens verstehen: „Das ist schon misslich, wenn man den Bürgern solche Kosten für eine Notumsiedlung der Tiere nennen muss.“ Aber: „Meine Zeit wird sowieso nicht bezahlt und wenn ich selber noch auf Kosten sitzen bleibe, dann lasse ich lieber die Finger vom Ehrenamt.“ Er ist Mertens allerdings beim Preis entgegengekommen, wenn sie einen Bagger organisiert, der den Baumstubben mit dem Ameisennest freilegen kann. In Richtung Landkreis sagt Gamradt: „Es wäre sinnvoll, wenn die Untere Naturschutzbehörde für so etwas eine Kostenstelle einrichtet. Sonst besteht die Gefahr, dass angesichts solcher Kosten Betroffene lieber heimlich zur Selbsthilfe greifen und sich unter Umständen strafbar machen.“

Nach dem Bundesnaturschutzgesetz ist es „verboten, wild lebende Tiere mutwillig zu beunruhigen oder ohne vernünftigen Grund zu fangen, zu verletzen oder zu töten“. Das gilt auch für Waldameisen. Bevor aber die kleinen Tierchen ins Haus wandern, sind schonende Hausmittel erlaubt, um eine Barriere für Ameisenstraßen aufzubauen. Gamradt sagt: „Zimt, Currypulver oder Nelkenöl eignen sich, um die Ameisen von ihrem Weg abzuhalten. Das wirkt nicht sofort und man muss vielleicht auch mal die Hausmittel wechseln. Eine Notumsiedlung hingegen ist immer nur die letzte Möglichkeit.“

Die Rote Waldameise

Die Arbeiterinnen der Roten Waldameisen messen zwischen 4,5 und neun Millimeter. Die Königin kann bis zu elf Millimeter lang werden. Die Ameisennester können nach Angaben der Deutschen Wildtierstiftung eine Höhe von bis zu drei Metern erreichen und gehen bis zu zwei Meter tief ins Erdreich. Die Roten Waldameisen fressen tierische und pflanzliche Nahrung und gehen mit Blattläusen eine Symbiose ein, ernähren sich von deren Sekret, das auch als Honigtau bekannt ist.