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Garri Golubev hat womöglich ein Menschenleben gerettet. Der Bleckeder zog einen 29-Jährigen von den Gleisen, kurz bevor der Zug anrollte. Foto: nh
Garri Golubev hat womöglich ein Menschenleben gerettet. Der Bleckeder zog einen 29-Jährigen von den Gleisen, kurz bevor der Zug anrollte. Foto: nh

Retter von der Bahnsteigkante

emi Bleckede/Uelzen. Ein 29-jähriger Bienenbütteler fällt am Mittwochnachmittag im Uelzener Hundertwasserbahnhof ins Gleisbett. Garri Golubev aus Bleckede zögert keine Sekunde. Kurz bevor der Metronom-Zug einfährt, zieht der 32-Jährige den Gestrauchelten auf den Bahnsteig. Ob der Lokführer den verletzten Mann rechtzeitig bemerkt und den Zug hätte stoppen können, ist unklar. Die Bundespolizeiinspektion Bremen bedankt sich beim Retter für sein couragiertes Handeln. Der gibt sich bescheiden: „Für mich ist das selbstverständlich. Ich glaube an Karma. Wenn mir etwas passiert, wird mir auch jemand helfen.“

Mittwoch, 17.55 Uhr, Bahnhof Uelzen: Viele Menschen stehen auf dem Bahnsteig. Garri Golubev geht mit seiner Arbeitskollegin gerade eine Treppe hinauf, als sein Blick von weitem auf einen jungen Mann fällt, der „am Gleis entlang torkelt“. Sofort erkennt Golubev den offenbar Betrunkenen wieder, der ihm schon in der Bahnhofshalle aufgefallen war. Bedrohlich nah schwankt dieser nun an der Bahnsteigkante entlang. „Plötzlich trat er mit dem linken Fuß in die Luft“, erzählt der Bleckeder. Dann geht alles ganz schnell.
Der junge Mann fällt mit dem Brustkorb auf die Schiene. Er steht auf, stolpert, stürzt erneut und stößt mit dem Kopf gegen die Bahnsteigkante. Regungslos bleibt er liegen. Golubev überlegt nicht eine Sekunde, er springt ins Gleisbett. Ein älterer Mann nimmt ihm seine Reisetasche ab, als er den schweren Mann auf den Bahnsteig wuchtet. Mit Prellungen und einer Kopfverletzung wird der 29-jährige Bienenbütteler in ein Krankenhaus eingeliefert.

Garri Golubev sagt über seine spontane Aktion: „Ich habe mir nichts dabei gedacht. Das war einfach ein Reflex.“ Erst später wird dem Sozialversicherungsfachangestellten klar, dass er wohl gerade ein Leben gerettet hat — und dass die Situation auch für ihn brenzlig war. „Zu Hause habe ich dann doch ein mulmiges Gefühl bekommen“, gesteht der Retter. „Wenn ein ICE durchgerast wäre, hätte ich mit dran sein können. Außerdem hätte der Mann auch um sich schlagen können.“

Trotzdem würde Golubev jederzeit wieder helfen. „Das gehört zu meiner Person. Alle reden immer von Zivilcourage, aber ob sie selber eingreifen würden, ist fragwürdig.“ Vorwürfe, weil er in diesem Fall der einzige Helfer war, macht er trotzdem niemandem: „Das ging alles so schnell. Am Unfallort stand eine große Reisegruppe älterer Menschen. Sie hätten es wohl nicht schaffen können — und ungefährlich war die Aktion auch nicht, als der Zug kurz darauf einfuhr.“

Bundespolizeisprecher Holger Jureczko lobt den Einsatz des Bleckeders: „Courage zeigen, Leben retten — alles richtig gemacht.“ In vergleichbaren Situationen sollte man nicht zögern, auch alkoholisierte Menschen auf den Sicherheitsabstand der „weißen Linie“ hinzuweisen, sagt der Sprecher. Denn wer sich hinter der Linie aufhalte, sei nicht nur gegen die Sogwirkung schneller Züge geschützt, sondern habe auch bei Gedränge einen ausreichenden Abstand zu den Schienen.

Wenn Menschen in den Gleisen sind, muss die Bahnstrecke sofort gesperrt werden. Deshalb sollte man umgehend die Polizei rufen: „Entweder die 110 wählen oder — besonders aus fahrenden Zügen — die Hotline der Bundespolizei unter 0800/6888000“, rät Holger Jureczko. „Die Ideallösung wäre: Einer rettet, der Zweite warnt den Retter vor anrollenden Zügen, der Dritte ruft die Polizei.“