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Die US-Amerikanerin Dr. Becki Cohn-Vargas und Dr. Rolf Johannes vom Museumsverein präsentieren die Urkunde zur Besitz-Regelung. Im Hintergrund ein Familienfoto: Marcus Heinemann mit seiner großen Kinderschar. Foto: ff
Die US-Amerikanerin Dr. Becki Cohn-Vargas und Dr. Rolf Johannes vom Museumsverein präsentieren die Urkunde zur Besitz-Regelung. Im Hintergrund ein Familienfoto: Marcus Heinemann mit seiner großen Kinderschar. Foto: ff

Treffen der Heinemans

ff Lüneburg. Sie leben in Paris und in New York, in Mexico und in Kalifornien, in Südafrika, Guatemala, Israel, und eines verbindet sie: Ihre Wurzeln liegen in Lüneburg, sie alle sind Urenkel/innen von Henriette und Marcus Heinemann. Heute leben 300 Nachfahren ihnen in aller Welt. Rund 40 von ihnen versammelten sich nun im Museum, um Gegenstände in Empfang zu nehmen, die einst dem jüdischen Ehepaar gehörten und ihnen von den Nazis geraubt wurden. Jetzt, vier Generationen später, bekamen die Heinemanns, die zum Teil ihre Namen längst ins englische „Heineman“ geändert hatten, ihr Eigentum zurück — um es gleich wieder dem Museum zu geben. Ein spektakulärer, zugleich bewegender Fall von Provenienzforschung.

Es gab Szenen des Wiedersehens, Erinnerungsfotos mit Selfie-Sticks, die meisten Heinemans aber waren sich untereinander fremd. Das liegt wohl an ihrer Geschichte, denn mit der Machtergreifung der Nazis änderte sich innerhalb weniger Jahre ihr sozialer Status dramatisch: Aus gebildeten jüdischen Bürgern wurde Freiwild, die Nachkommen von Henriette und Marcus Heinemann emi­grierten ins Ausland und verloren sich nach und nach aus den Augen.

Marcus Heinemann, geboren 1819 in Bleckede, gestorben 1908 in Lüneburg, war ein hochgeachteter Kaufmann und Bankier. Das Paar waren mit 17 Kindern gesegnet, 13 überlebten die ersten Monate, Henriette Heinemann starb (nicht an den Folgen einer Geburt) im Jahre 1883. Marcus Heinmann zählte zu den Gründungsmitgliedern des Lüneburger Museumsvereins und förderte das Haus nach Kräften — es gab sogar einen Marcus-Heinemann-Saal. Aus seinem Nachlass erwarb das Museum 1940 auf einer rechtlich höchst fragwürdigen Auktion verschiedene historische Objekte, die nun im Mittelpunkt des internationalen Festaktes standen.

Kein Redner, beginnend bei Museumsdirektorin Dr. Heike Düselder, vergaß, der Historikerin Anneke de Rudder zu danken, die in einem rund einjährigen Kraftakt das Rückgabe-Projekt in beharrlicher und präziser Forschungsarbeit vorantrieb und die Familien-Angehörigen aufspürte. Nicht alle Angehörigen der Familie Heinemann hatten sich damals in Sicherheit bringen können, MdB Hiltrud Lotze nannte einige Namen jener, die in den KZs ermordet wurden.

Die beim Festakt präsentierten Museums-Exponate wirken zunächst nicht übermäßig aufregend: historische Urkunden und Münzen beispielsweise, die Schauseite einer gotischen Truhe, Fensterbilder aus dem 16. Jahrhundert. Der Lüneburger Museumsverein als offizieller Besitzer gab sie nun der Familie zurück, sie bleiben für zunächst zehn Jahre als Leihgabe in Lüneburg.

Wichtiger ist das gesellschaftspolitische Signal. Spätestens seit dem Aufsehen erregenden Fall des Cornelius Gurlitt, dem Sohn von Hitlers oberstem Kunst-„Sammler“, richtet sich das Augenmerk auf Beutekunst in deutschen Museen. Es gibt so etwas wie Aufbruchstimmung in der Provenienzforschung, also der Forschung nach der Herkunft von Exponaten. Darüber sprachen Dr. Uwe Hartmann vom Deutschen Zentrum für Kulturgutverluste in Magdeburg und Dr. Claudia Andratschke vom Niedersächsischen Netzwerk Provenienzforschung. So etwas gibt es jetzt also auch, es wurde Anfang diesen Jahres gegründet, 20 bis 30 Museen (natürlich auch Lüneburg) sind dabei, über 100 Anträge für entsprechende Forschungsprojekte wurden inzwischen gestellt. Für Anneke de Rudder geht die Arbeit weiter.

Dr. Becki Cohn-Vargas und Kristina Heineman aus den USA sprachen über einige Kapitel ihrer unendlich vielseitigen, schillernde Familiengeschichte, und sortierten — „Hello everybody!“ — die Besuchergruppen nach ihrer Herkunft, das hatte ein wenig den Charme eines internationalen Klassentreffens. Drei Tage lang haben sie nun Zeit, die Stadt ihrer Urgroßeltern zu erkunden. Und natürlich gibt es im Museum jetzt auch wieder einen repräsentativen Marcus-Heinemann-Saal.