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Urteilsverkündung im Lüneburger NS-Prozess gegen den früheren "Buchhalter von Auschwitz" Oskar Gröning: Der 94-Jährige soll vier Jahre in Haft. Foto. t&w
Urteilsverkündung im Lüneburger NS-Prozess gegen den früheren "Buchhalter von Auschwitz" Oskar Gröning: Der 94-Jährige soll vier Jahre in Haft. Foto. t&w

+++ Urteil im NS-Prozess: Vier Jahre Haft für Oskar Gröning

lz/ca/dpa Lüneburg. Im NS-Prozess gegen den ehemaligen „Buchhalter von Auschwitz“ Oskar Gröning hat das Landgericht Lüneburg den Angeklagten zu vier Jahren Haft verurteilt. Ob der gesundheitlich angeschlagene 94-Jährige haftfähig ist, muss die Staatsanwaltschaft prüfen, wenn das Urteil rechtskräftig ist — sowohl Gröning als auch die anderen Beteiligten können nun binnen einer Woche Revision einlegen. Das Gericht ging mit seinem Urteil über das von der Anklage geforderte Strafmaß hinaus.

Auschwitz als Tötungsmaschinerie

„Auschwitz war eine auf die Tötung von Menschen ausgerichtete Maschinerie“ – so der Vorsitzende Richter Kompisch in seiner mündlichen Urteilsbegründung. „Jeder, der daran mitgewirkt hat, hat sich der Beihilfe zum Mord strafbar gemacht.“ Oskar Gröning war der Beihilfe zum Mord in 300 000 Fällen angeklagt. Er hatte als ehemaliger SS-Mann in der Verwaltung des Konzentrationslagers Auschwitz gearbeitet und war dafür verantwortlich, Geld der ankommenden Juden zu erfassen, zu registrieren und nach Berlin weiterzuleiten. Im Laufe des Prozesses hatte Gröning seine Beteiligung und moralische Mitschuld am Holocaust eingeräumt. Die Staatsanwaltschaft hatte auf eine dreieinhalbjährige Freiheitsstrafe plädiert, aber angeführt, dass ein großer Teil als verbüßt gelten könne, da das Verfahren durch die Justiz seit Ende der 70er-Jahre nicht konsequent betrieben, sondern eingestellt worden sei. In einer Pressemitteilung des Landgerichts Lüneburg heißt es, bei der Strafzumessung habe die Kammer einerseits das Alter des Angeklagten berücksichtigt und des Weiteren, dass er eine Chance haben müsse, nach Verbüßung einer Freiheitsstrafe noch einen Teil seines Lebens in Freiheit verbringen zu können.

Nebenkläger zeigen sich zufrieden

Die Nebenkläger ließen derweil per offizieller Pressemitteilung vermelden, dass sie mit dem Urteil gegen den früheren SS-Mann Oskar Gröning einverstanden sind. „Es erfüllt uns mit Genugtuung, dass nunmehr auch die Täter Zeit ihres Lebens nicht vor einer Strafverfolgung sicher sein können“, hieß es am Mittwoch vonseiten Thomas Walthers, einem der Nebenkläger-Anwälte. Erstmals habe sich in einem Prozess wegen NS-Verbrechen ein Angeklagter zu seiner Schuld bekannt und sich dafür entschuldigt. Walther vertritt mit einem Kollegen viele der über 70 Nebenkläger, zumeist Überlebende von Auschwitz.

Vor den Augen der Weltpresse hatte der Prozess für die Geschichtsbücher gegen Gröning am 21. April vor dem Lüneburger Landgericht begonnen. Aus Platzgründen war eigens dafür das städtische Veranstaltungsgebäude „Ritterakademie“ in einen Gerichtssaal verwandelt worden. In dem knapp drei Monate dauernden Prozess hatten etliche Holocaust-Überlebende in erschütternden Details ihre Verschleppung sowie den Massenmord in dem Vernichtungslager geschildert. Dabei kamen unter anderem die menschenverachtenden medizinischen Experimente von Lagerarzt Josef Mengele sowie das Vergasen und Verbrennen von Juden im Takt der eintreffenden Züge zur Sprache. Auch die Schrecken der nächsten Generation, die mit dem Schatten ihrer in den Konzentrationslagern ermordeten Familien aufwuchsen, wurden eindringlich geschildert.

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