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Die Chance, den Lüneburger Münzfund zu sehen, haben Besucher des Museums am Sonntag, 19. Juli. Foto: t&w
Die Chance, den Lüneburger Münzfund zu sehen, haben Besucher des Museums am Sonntag, 19. Juli. Foto: t&w

Der Schatz der Nazis – Münzfund bei Lüneburg gibt Archäologen viele Rätsel auf + + + Mit LZplay-Video

kre Lüneburg. 217 Goldmünzen, vergraben und vergessen unter einem Baum. Es ist der größte Goldfund, der je in Lüneburg gemacht wurde. Und der die Phantasie beflügelt, wie kaum ein anderer. Am Dienstag stellte das Landesamt für Denkmalpflege den Sensationsfund im Museum Lüneburg vor.

Damit ist Lüneburg also nicht mehr nur die Stadt, in der das Ende des Zweiten Weltkrieges mit der Teilkapitulation auf dem Timeloberg eingeleitet wurde. Die Stadt, in der zurzeit der vermutlich letzte große NS-Prozess der Geschichte stattfindet. Sondern Lüneburg ist jetzt auch die Stadt, in der der bislang größte Reichsbank-Goldschatz aus der NS-Zeit im norddeutschen Raum entdeckt wurde.

Denn dass die Goldmünzen vor dem Vergraben im Tresor der Reichsbank gelegen haben, ist unstrittig. Belege dafür sind zwei Aluminiumplomben mit Reichsadler, Hakenkreuz und der Prägung „Reichsbank Berlin 244“.

Für Sondengänger Florian Bautsch hat sich der Goldfund gelohnt: Der 31-Jährige hat 2500 Euro ,,Finderlohn“ erhalten. Foto: t&w
Für Sondengänger Florian Bautsch hat sich der Goldfund gelohnt: Der 31-Jährige hat 2500 Euro ,,Finderlohn“ erhalten. Foto: t&w

Den genauen Fundort wollten die Archäologen nicht preisgeben — aus Sorge, dass illegale Schatzjäger das Areal heimsuchen könnten. Nur so viel: Das Gelände, auf dem die Münzen gefunden wurden, gehört zur städtischen Stiftung Hospital zum großen Heiligen Geist, und befindet sich irgendwo im Lüneburger Stadteil Oedeme.

Dort war Florian Bautsch im Oktober mit seinem Metalldetektor unterwegs. Nicht einfach so, sondern im Auftrag des Lüneburger Stadtarchäologen Prof. Dr. Edgar Ring. Bautsch, ein archäologisch interessierter junger Mann, sollte mit seiner Sonde eigentlich einen Hügel untersuchen, von dem Ring annahm, dass es sich um einen Grabhügel handeln könnte. Stattdessen entdeckte der 31-jährige Sondengänger erst eine und dann neun weitere Goldmünzen. Bautsch informierte Ring und den damaligen Bezirksarchäologen Dr. Jan Joost Assendorp. Unter größter Geheimhaltung wurden in den folgenden zwei Wochen weitere 207 Goldmünzen aus dem Erdreich geborgen.

Zumindest, was nach dem Verbuddeln mit dem Münzschatz passiert ist, können die Archäologen rekonstruieren: Sie sind sich sicher, dass die Münzen in zwei verplombten Geldsäcken, eingeschlagen in Teerpappe, am Fuße eines später umgestürzten Baumes vergraben wurden. Im Laufe der Jahrzehnte wuchs an gleicher Stelle jedoch ein neuer Baum. Das Problem: Durch das Wurzelwerk wurden Teerpappe und Beutel offenbar aufgerissen und auf einen kleinen Bereich verstreut.

Dank moderner Detektor-Technik und der Akribie der Ärchäologen konnten alle Münzen gesichert werden. 127 belgische und 74 französische Goldmünzen. Dazu zwölf italienische und drei österreichisch-ungarische Münzen. Die älteste Münze wurde 1831 geprägt, die jüngste trägt das Prägejahr 1910. Das Gesamtgewicht beträgt fast genau 1,4 Kilogramm, der aktuelle Goldwert liegt derzeit bei rund 45000 Euro.

Was allerdings nach wie vor unklar ist: Wie sind die Goldmünzen aus der Lüneburger Reichsbank-Filiale in der Roten Straße unter den Baum gekommen? Wem haben sie gehört und wer hat sie dort versteckt?

,,Wir gehen nicht davon aus, dass sich die Münzen zum damaligen Zeitpunkt in Privatbesitz befunden haben“, sagt Landesarchäologe Dr. Henning Haßmann. Denn dagegen spreche zum einen, dass die Beutel aus der Reichsbank verplombt waren. Zum anderen drängten die NS-Schergen die Bürger zur Ablieferung ihres Goldes und anderer Edelmetalle, um die Kriegsmaschinerie am Laufen zu halten.

Von wem also die Goldmünzen während der letzten Kriegstage oder danach vergraben wurden, ist nun die Frage, die Archäologen zu klären versuchen — und hoffen dabei auch auf die Hilfe von Zeitzeugen. Erste Recherchen hätten keine Hinweise auf eine Straftat wie Bankraub ergeben. ,,Der wäre auch verjährt“ sagt Arnd Hüneke, Justiziar des Landesamtes für Denkmalpflege. Was anderes wäre es, wenn die Münzen in Zusammenhang mit einem Raubmord oder einem Kriegsverbrechen stünden — diese Verbrechen verjähren nicht.

Nachdem die Münzen geborgen worden waren, wurden sie zunächst wie jede andere Fundsache dem Fundbüro in Lüneburg gemeldet. Als niemand Anspruch auf die Münzen anmeldete und auch das Bundesfinanzministerium den „Schatz dankend ablehnte“, hat nun das Land Niedersachsen ,,wegen des herausragenden wissenschaftlichen Wertes“ das sogenannte „Schatzregal“ und die Münzen in Landesbesitz genommen.

In Lüneburg soll der Goldschatz nur ,,temporär“ öffentlich gezeigt werden, am Sonntag 19. Juli, im Museum in der Willy-Brandt-Straße. Doch einen gibt es schon, der nun ebenfalls Anspruch auf das Gold erhebt. Nicht für sich, sondern für die Bürger der Stadt Lüneburg: Bürgermeister Eduard Kolle ist nämlich auch Vorsitzender der Stiftung Hospital zum großen Heiligen Geist. „Ich werde prüfen lassen, ob wir als Grundbesitzer einen Anspruch auf den Fund haben“, sagt er und fügt an: „Eine kostenlose Dauerausstellung des Münzschatzes in Lüneburg ist das Mindeste, was ich mir für Lüneburg erhoffe.“

Gold weckt eben Begehrlichkeiten — damals wie heute!

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