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Der Rollstuhl als Barriere: Senioren, die auf die Fahrhilfe angewiesen sind und allein wohnen möchten, schauen bei der neuen Seniorenwohnanlage an der Wallstraße in die Röhre. Foto: t&w
Der Rollstuhl als Barriere: Senioren, die auf die Fahrhilfe angewiesen sind und allein wohnen möchten, schauen bei der neuen Seniorenwohnanlage an der Wallstraße in die Röhre. Foto: t&w

Kein Platz im Ursulahaus

us Lüneburg. Es ist eines der sozialen Vorzeigeprojekte der Stadt. In bester Lage am Rand der Lüneburger Innenstadt entstehen derzeit auf dem Gelände der früheren St. Ursula-Schule zwischen Wall- und Ritterstraße 34 neue Sozialwohnungen, allesamt barrierefrei und reserviert für Senioren mit schmalem Geldbeutel. Auch an Rollstuhlfahrer wurde gedacht, für sie sind vier rollstuhlgerechte Wohnungen im Erdgeschoss des „Ursulahauses“ vorgesehen, freundliche 3-Zimmer-Wohnungen mit jeweils mehr als 60 Quadratmeter Wohnfläche — ein Problem, wie nun der Behindertenbeirat herausgefunden hat.

„Die Wohnungen sind zu groß für einen alleinlebenden Rollstuhlfahrer mit Wohnberechtigungsschein“, sagt Kirstin Linck. Wie die stellvertretende Vorsitzende des Behindertenbeirats von Stadt und Landkreis Lüneburg berichtet, überschreiten die Wohnungen die zulässige förderfähige Größe für Wohngeldempfänger, diese betrage für Einzelpersonen maximal 50 Quadratmeter, für Rollstuhlfahrer 60 Quadratmeter. „Damit hätten Alleinstehende im Rollstuhl keine Chance, in der Seniorenwohnanlage unterzukommen. Wurde das bei der Planung denn übersehen?“, fragt Linck.

„Nein, wurde es nicht“, sagt Heiderose Schäfke. „Wir haben bewusst darauf verzichtet, weil es nicht in das Raumkonzept passte“, erklärt die Geschäftsführerin der Lüneburger Wohnungsbau GmbH (Lüwobau), Bauherrin der Seniorenwohnanlage. Rollstuhlfahrer lebten oft mit Angehörigen zusammen, gelegentlich auch mit ihrem Pflegepersonal, deshalb habe man sich für 3-Zimmer-Wohnungen mit einer Größe ab 65 Quadratmetern entschieden. „Hinzu kommt, dass wir aktuell auch keinen Bedarf an Wohnungen für alleinlebende Rollstuhlfahrer sehen“. Den Bedarf gebe es durchaus, hält Kirstin Linck dagegen: „Ich könnte spontan drei Personen nennen, die auf der Suche sind.“ Außerdem habe sie bereits wiederholt Interessenten an die Lüwobau verwiesen. Einen stark wachsenden Bedarf an Ein-Personen-Haushalten für Senioren weist auch der neue Wohnungsmarktbericht der niedersächsischen NBank aus (siehe Info-Box).

Heiderose Schäfke verweist zudem darauf, dass Raumkonzept und Wohnungsgrößen aufgrund der vom Land erhaltenen Fördermittel vorgegeben seien. Außerdem habe man das Konzept mit dem Senioren-Servicebüro abgestimmt, auch der Aufsichtsrat der Lüwobau habe dem zugestimmt.

„Wir haben verschiedene Zielgruppen auf dem Wohnungsmarkt, aber wir können nicht alle Zielgruppen in einem Haus abdecken. Deswegen sind auch weitere Projekte Auf der Höhe und in der Dorette-von-Stern-Straße in Vorbereitung“, sagt Oberbürgermeister Ulrich Mädge als Vorsitzender des Aufsichtsrats. Die Lüwobau achte bei allen Sanierungen und Neubauten auf das Thema Barrierefreiheit, jede achte Neubauwohnung müsse nach Landesbauordnung rollstuhlgerecht sein. „Im Übrigen würde ich mir wünschen, dass auch andere Wohnungsbaugesellschaften unserem Vorbild folgen und in gleicher Anzahl Wohnraum für verschiedene Interessen- und Zielgruppen bauen.“

Unterdessen laufen die Arbeiten zur Fertigstellung des Ursulahauses nach Plan, im Dezember will man fertig sein, berichtet Heiderose Schäfke. Das Interesse an den Wohnungen ist groß, laut Schäfke kommen auf jede Einheit vier Interessenten. Eine Entscheidung, wer den Zuschlag letztlich bekommt, stehe aber noch aus.

Senioren schätzen Ein-Personen-Haushalt
Der Anteil der Senioren (60 Jahre und älter) an der Bevölkerung wird bis 2035 von aktuell landesweit rund 27 auf etwa 36 Prozent steigen. Wie das Niedersächsische Sozialministerium unter Bezug auf den jetzt neu vorgelegten Wohnungsmarktbericht der landeseigenen NBank mitteilt, wird es starke absolute Zuwächse vor allem in den heute noch jungen Teilräumen geben, die sich im Westen des Landes und im Raum um Hamburg, Bremen, Braunschweig und Wolfsburg befinden. Im Süden und Nordosten des Landes bleibe die Zahl der Senioren dagegen relativ stabil. Mit der wachsenden Zahl der älteren Bevölkerungsgruppe in Niedersachsen steige der Bedarf an barrierefreiem Wohnraum und kleineren Wohnungen.
Laut Wohnungsmarktbericht sind von den etwa 3,8 Millionen Haushalten mehr als zwei Drittel kleine Haushalte mit ein oder zwei Personen. Der Ein-Personen-Haushalt ist mit 40 Prozent die häufigste Haushaltsform in Niedersachsen. Ein Drittel davon wird von Senioren bewohnt. „Viele ältere Menschen, die ein Eigenheim besitzen, werden darüber nachdenken, in eine kleinere, barrierefreie und möglichst zentral gelegene Wohnung umzuziehen“, sagt Ministerin Cornelia Rundt, „entsprechend der Verschiebung der Altersstruktur wird das Thema Barrierefreiheit erheblich an Bedeutung gewinnen.“

One comment

  1. Wozu die ganze Aufregung? Die maximalen Wohnungsgrößen für einen B-Schein stehen nicht im Gesetz, sondern „nur“ in den Verwaltungsvorschriften, sind also nicht in Stein gemeißelt.

    Außerdem kann die Stadt in bestimmten Fällen nach Paragraph 8 Absatz 5 des Nds. Wohnraumgesetzes durchaus von der Größe nach oben abweichen, wenn sie einen B-Schein ausstellt. Wenn die Stadt und die von ihr beherrschten Wohnungsbauunternehmen „bewusst darauf verzichten“, auch bedürftigen Singels mit Rolli eine Wohnung in angemessener Größe für ein selbstbestimmtes Leben anzubieten, muss die Stadt schon sehr gute Gründe haben, wenn sie von der Möglichkeit, Ausnahmen von der Wohnungsgröße zuzulassen, KEINEN Gebrauch macht. Oder sollte einfach nur die prestigeträchtige Tiefgarage unter dem Ursulahaus wichtiger gewesen sein, als bezahlbaren, angemessen Wohnraum für Menschen mit Behinderung zu schaffen?