Aktuell
Home | Lokales | Brücke entzweit Bürger am Strom
Foto: A/t&w
Foto: A/t&w

Brücke entzweit Bürger am Strom

kre Neu Darchau/Neuhaus. Morgens, halb zehn Uhr in Neu Darchau. Wer Ruhe und Stille sucht, in dem kleinen Ort an der Elbe findet er sie. Kein nervender Autoverkehr, keine hektische Betriebsamkeit — dafür aber viel Leerstand. „Zu vermieten“,, „zu verkaufen“ — Schilder wie diese finden sich viele in den leeren Schaufenstern ehemaliger Geschäfte entlang der Hauptstraße. Nicht nur bei der Apotheke, für die sich ebenfalls kein Nachfolger gefunden hat. Und die letzte Hoffnung der verbliebenen Gewerbetreibenden auf den wirtschaftlichen Aufschwung wird der Landkreis Lüneburg am kommenden Montag zu Grabe tragen — wenn er die Pläne zum Bau der Elbbrücke endgültig beenden wird. Aus Kostengründen. Nach der Euphorie der Wiedervereinigung und der Rückgliederung des Amtes Neuhaus haben jetzt endgültig die Buchhalter das Sagen.

So jedenfalls sieht das der Neu Darchauer Supermarkt-Inhaber Holger Hildebrandt: „Ich bin von dieser politischen Entwicklung maßlos enttäuscht“, sagt der 55-Jährige. Auch andere diesseits und jenseits der Elbe können den Rückzieher nicht verstehen. Kritiker des Millionen-Vorhabens dagegen fühlen sich in ihrer Einschätzung bestätigt. Die Mauer ist gefallen — jetzt ist es das Brückenprojekt, das die Bürger trennt. In Befürworter und in Gegner. Die LZ hat sich vier Tage vor der Abstimmung im Kreistag auf Rundreise begeben und mit den Bürgern vor Ort gesprochen.

Der Einkauf ist erledigt. Jetzt sitzen die drei Neu Darchauerinnen beim Bäcker, trinken ihren Kaffee und tauschen sich über die neuesten Neuigkeiten aus? „Die Brücke?“, die ist doch kein Thema mehr, sagt eine Kundin und setzt nach: ,,Das ist auch gut so!“ Ihr Eigenheim hätte an Wert verloren, wenn die Vorland-Brücke direkt an ihrem Grundstück vorbei geführt worden wäre, und im Übrigen: „Auf der anderen Seite sind doch nur Elb-Dörfer. Was sollen wir denn da?“

Holger Hildebrandt sieht das ganz anders! Anfang der 1990er-Jahre hatte er seinen Supermarkt erweitert, die Verkaufsfläche verdoppelt, einen Getränkemarkt eröffnet. Neu Darchau war nicht mehr der A… der Welt, sondern lag plötzlich mitten im Herzen Deutschlands. „Blühende Landschaften“, hatte Altkanzer Helmut Kohl (CDU) versprochen. Und die Brücke? Die sollte dafür sorgen, dass zusammenwächst, was zusammengehört.

Holger Hildebrandt hatte der Politik vertraut, sein Personal aufgestockt, auch Mitarbeiter aus Neuhaus eingestellt. Dass einige von denen ausgerechnet dann krank wurden, wenn die Fähre nicht fährt, der Hildebrandt hats hingenommen. Mit der Brücke wird es besser, war immer seine Hoffnung. Doch die ist zerplatzt wie eine Seifenblase. Die Brücke, von der sich Hildebrandt den Aufschwung für die 1500 Einwohner zählende Gemeinde versprochen hat, kommt nicht.

Aber genau genommen ist die Ernüchterung schon vor Jahren in Neu Darchau eingekehrt. Den Getränkemarkt musste Hildebrandt schon vor langer Zeit schließen, Arbeitskräfte entlassen. ,,Es wird in Deutschland für so viele Projekte Geld ausgegeben. Warum ist dann keines für unsere Brücke da?“, hadert der Unternehmer mit den Entscheidungen.

Mit Klaus-Peter Dehde regiert jetzt in Neu Darchau ein SPD-Bürgermeister — und erklärter Brückengegner. Dass beim Fährfest im Neu Darchauer Hafen vor wenigen Wochen noch nicht einmal Würstchen aus dem örtlichen Supermarkt auf dem Grill landeten, sondern in Dahlenburg eingekauft wurden, ärgert Hildebrandt schon. Die Brücke der Einheit ist längst zu einem Projekt der Zwietracht geworden.

Auf der Neu Darchauer Fähre steht an diesem Morgen Frank Stoll am Ruder. Das endgültige Aus der Brücke sichert dem Fährmann wohl langfristig den Arbeitsplatz, aber kurzfristig alles andere als ein ruhiges Leben: Stoll kommt erstens aus der Gemeinde Amt Neuhaus und ist zweitens Kreistags-Mitglied in der Fraktion „Die Linke“, die am Montag während der Kreistagssitzung noch einmal vehement die Fortführung der Brückenplanung fordern wird. Dass Stoll seinen Arbeitsplatz auf der Fähe hat, genauso wie fünf andere Neuhäuser auch, zählt in diesen Tagen nicht: ,,Hier gehts nicht um deinen Arbeitsplatz, hier gehts um die Brücke“, hatte jüngst ein Neuhäuser Landwirt Frank Stoll angefahren und gefordert — „du musst für die Brücke stimmen!“ Unausgesprochen blieb: „…und gegen deinen Arbeitsplatz und den deiner Kollegen…“ Stoll hat seine Linie gefunden: Er wird sich bei der Abstimmung am Montag im Kreistag enthalten.

Ruhe, da ist er sich sicher, wird danach trotzdem nicht einkehren: „Die Diskussion um die Brücke wird weitergehen.“

„Wir halten Wort“: CDU, FDP, Linke und Unabhängige haben noch einmal den Landkreis mit Plakaten zugepflastert, damit die Welt später weiß, dass es nicht diese Parteien waren, sondern Rot-Grün, die das Brückenprojekt an die Wand gefahren haben. So jedenfalls planen die Oppositionsparteien im Kreistag die Legenden-Bildung. „Was natürlich Quatsch ist“, sagt ein Neuhäuser, denn auch diese Parteien hatten Jahre Zeit, das Projekt zu verwirklichen. Haben sie aber nicht! Dafür hatten sich alle Politiker von Rang auf dem Deich gezeigt. Gab ja auch schöne Fotos: Glogowski, Gabriel, Wulff, Mc-Allister… — die Riege der Ministerpräsidenten. Aber außer Spesen nichts gewesen.

Ausbaden müssen es letztlich die Bürgermeister hüben wie drüben im Ostteil des Landkreises: „Verkehrswege sind Standortfaktor und Lebensadern der Wirtschaft“, mahnt die Neuhäuser Bürgermeisterin Grit Richter — ohne Brücke sieht sie ihre Kommune vom Rest des Landkreises abgehängt. Politisch, wirtschaftlich, menschlich….

„Ohne Not werden die Planungen eingestellt“, kritisiert auch Bleckedes Bürgermeister Jens Böther, der gemeinsam mit seinen Amtskollegen Richter und Christoph Maltzan (Dahlenburg) bei Landrat Manfred Nahrstedt vorstellig war, um auch noch einmal in letzter Sekunde für die Beibehaltung des Brückenprojekts zu werben. ,,Wenn man wirklich will, findet man auch Wege“, ist Böther überzeugt. Der Landrat, die SPD und die Grünen aber wollten nicht, sagt der Bleckeder Bürgermeister — „es fehlt der politische Wille!“

Bleckedes Rathauschef Böther ist gespannt, ob die Kreistagspolitiker am Montag wenigstens die Größe besitzen, zu ihrer ablehnenden Haltung zu stehen: „Eine namentliche Abstimmung ist das Mindeste“, appelliert Böther an das Ehrgefühl der Volksvertreter. Damit die Wähler wissen, wer die Brücke nicht will.

Chronologie

  • Januar 1991: Die Landkreise Lüchow-Dannenberg und Hagenow sowie die Bürgermeister beidseits der Elbe und die Stadt Lüneburg machen sich für eine Elbbrücke stark.
  • Mai 2001: Der Lüneburger Kreistag beschließt gegen die Stimmen der Grünen den Brückenbau.
  • Mai 2005: Der Kreis erlässt den Planfeststellungsbeschluss für die Elbbrücke.
  • März 2006: Das Verwaltungericht Lüneburg legt die Pläne auf Eis, da der Kreis eine Landesstraße ohne ausreichende rechtliche Grundlage beplant.
  • Juni 2007: Das Oberverwaltungsgericht Lüneburg kippt den Planfeststellungsbeschluss endgültig.
  • Januar 2009: Neustart – die Kreise Lüneburg und Lüchow-Dannenberg unterzeichnen den Brückenvertrag.
  • Januar 2013: Bürgerbefragung zur Elbbrücke.
  • April 2015: Das vom Kreis beauftragte Hamburger Planungsbüro legt eine aktualisierte Kostenermittlung vor: Demnach steigen die Kosten von 45 auf 58 Millionen Euro.