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Werksleiter Werner Pertek guckt nach Schwachstellen in der Produktion und setzt auf neue Fertigungstechniken. Foto: t&w
Werksleiter Werner Pertek guckt nach Schwachstellen in der Produktion und setzt auf neue Fertigungstechniken. Foto: t&w

Chinesische Hochzeit – Johnson Controls fusioniert mit Konzern

ca Lüneburg. Der Auftrag war bereits in Tschechien. Nun hat das Lüneburger Johnson-Controls-Werk ihn doch noch ergattert: Teile des Opel Insignia werden an der Ilmenau gefertigt. Das sichert Jobs, aber die Belegschaft muss finanzielle Abstriche hinnehmen. „Die Mitarbeiter mussten freiwillige soziale Leistungen hergeben“, sagt Werksleiter Werner Pertek. Denn auch im Konzern gelte ein harter Wettbewerb, der beste und günstigste Anbieter mache das Rennen. „In Tschechien liegen die Lohnkosten pro Stunde bei 8,50 Euro, hier bei 28.“ Die Folge: Kosten reduzieren beim Lohn, durch mehr Automatisierung und logistische Vorteile.

Auf die 1000 Beschäftigten kommen weitere Veränderungen zu. Wie berichtet, hatte der US-Konzern Johnson Controls im vergangenen Jahr mit der chinesischen Yanfeng-Gruppe über ein Joint Venture verhandelt. Das tritt nun in Kraft. Künftig gibt es nach Firmenangaben ein „Gemeinschaftsunternehmen für Entwicklung, Vertrieb und Produktion von Innenraumkomponenten für die Fahrzeugindustrie“. Yanfeng hält 70, die Amerikaner 30 Prozent an der Verbindung.

Pertek sieht in der Kooperation einen gewaltigen Schritt nach vorn: „Die Chinesen sind fokussiert auf neue Technik, die sie zu Hause und in Osteuropa einsetzen können.“ Der neue Konzern sei auf dem gewaltigen Markt China genauso zu Hause wie in Europa und den USA. Forschung und Entwicklung könne weltweit genutzt werden.

In den Vorjahren hatten die Werke an der Lüner Rennbahn und in der Goseburg Aufträge verloren. Die Chefs hatten Mitarbeiter verschreckt, weil sie in einer Umfrage nahelegten, auf zehn Prozent des Gehalts zu verzichten. Zudem wurde die Zahl der Zeitarbeiter reduziert.

Offenbar lag einiges im Argen, denn der Konzern holte Pertek zurück, der das Werk 2010 verlassen hatte. Eigentlich wollte er sein Golf-Handicap verbessern. Daran konnte er aber nur wenige Wochen feilen, dann ging er in andere Werke, um Abläufe effizienter zu machen, und arbeitete als Unternehmensberater. Vor ein paar Monaten kam er zurück und krempelte die Ärmel hoch.

Aus dem Arbeitnehmerlager war zuvor zu hören, dass Lüneburg rote Zahlen schreiben würde. Pertek sagt, dass er eigentlich nichts sagen will: „Die Ergebnisse waren nicht so, wie man sich das vorgestellt hat. Wir sind jetzt wettbewerbsfähig.“ Das lässt sich daran ablesen, dass Aufträge hereingekommen sind, eben für den Opel Insignia und für Mercedes. Dazu bewerbe sich der Standort um Aufträge für sieben weitere Modelle: „Wenn wir zwei, drei kriegen, bin ich zufrieden.“

Pertek setzt darauf, dass Besprechungen nicht in Büros, sondern in der Produktion abgehalten werden. Wenn Fehler gemacht werden, müssen das die Verantwortlichen sofort erfahren: „Dann können wir sie abstellen.“ Kontinuierlicher Verbesserungsprozess heißt das im Manager-Deutsch, Pertek und seine Kollegen nehmen es handfester: „Wenn du dich nicht veränderst, hast du verloren. Zurücklehnen geht nicht.“ Immer wieder muss die Produktion angepasst werden.

Er steht neben einem Roboter, der mit 200 Grad Hitze ein Pulver erwärmt, die flüssige Masse auf eine Form presst und so die Haut für die Oberfläche einer Instrumententafel gießt. Stolz auf die Technik erklärt der Ingenieur ein Produktionsprinzip: Wenn ein Autohersteller in der Premiumklasse eine Verkleidung aus Leder mit gesteppten Nähten verbaut, wandert das Outfit quasi in die Tiefe. Gleiche Optik, aber günstigeres Material aus Kunststoff soll dann für Mittelklasse und Kleinwagen zum Einsatz kommen — und trotzdem edel anmuten: „Darin liegt die Kunst, dem Kunden das anzubieten.“ Für kleines Geld versteht sich.

Pertek, nahe Lüneburg zu Hause, hat auf einer Hamburger Werft Maschinenschlosser gelernt, bevor er ein Ingenieur-Studium anschloss. Er ist 66 und will im Laufe des Jahres aufhören: „Ein Nachfolger wird gesucht.“ Der werde einen guten Standort übernehmen mit einer Belegschaft von motivierten Leuten, bestens ausgebildet.

Doch die Zukunft sieht nicht rosig aus. Denn der erwartete Umsatz geht im Vergleich zu diesem Jahr um mehrere Millionen Euro zurück, eine genaue Summe nennt der Konzern nicht. „In geringem Umfang bauen wir Personal ab“, sagt Pertek. Es werde Leiharbeiter treffen. Aber durch neue Aufträge und dadurch, dass Produktion in die Werke verlagert werde, gebe es einen Ausgleich. Und eins ist für den Werksleiter klar: „Wir müssen immer auf Innovationen setzen. Erbhöfe gibt es auch in einem Konzern nicht.“ Der Standort kämpft um jeden Auftrag. Und will auf seine Stärke setzen: Veränderung.

Koproduktion
Die Konzerne Johnson Controls und Yanfeng Automotive Trim Systems werden zu einem der größten Zulieferer der Autoindustrie. Nach eigenen Angaben erwirtschaften die Partner einen Jahresumsatz von 8,5 Milliarden US-Dollar und verfügen über einen Auftragsbestand im Volumen von zehn Milliarden Dollar. Die Zentrale des Unternehmens liegt in Shanghai. Zu der Gruppe zählen mehr als 90 globale Entwicklungs- und Produktionsstätten sowie Kundenzentren in den USA, Europa, China und Indien. Die Produktion umfasst Instrumententafeln, Cockpitsysteme, Mittelkonsolen und Dachbedieneinheiten.