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In vielen Super- und Drogeriemärkten werden Auffüller von Subunternehmen eingesetzt. Foto: t&w
In vielen Super- und Drogeriemärkten werden Auffüller von Subunternehmen eingesetzt. Foto: t&w

Job-Absage per SMS — Eine Regalaufstockerin berichtet

ca Lüneburg. Es ist ein Job auf Abruf. Und Melanie Schubert weiß nicht, wie viele Stunden sie überhaupt arbeiten kann. Die 40-Jährige füllt in Drogeriemärkten Regale auf. Eigentlich zweimal die Woche von acht bis zwölf Uhr. Sie verdient den Mindestlohn, also 8,50 Euro die Stunde. Leben könnte sie davon nicht, selbst wenn sie die vollen 16 Stunden im Monat leisten könnte. Sie ist eine sogenannte Aufstockerin. Das heißt, ohne Unterstützung des Jobcenters würde sie nicht über die Runden kommen. Ihr Schicksal ist der Frau aus dem Landkreis peinlich, deshalb möchte sie nicht, dass ihr wirklicher Name in der Zeitung steht.

Melanie Schubert ist nicht alleine mit ihrem Los. Laut Statistik der Arbeitsverwaltung haben im Februar, das ist die aktuellste Zahl, in Stadt und Kreis 1109 Frauen und Männer nicht mehr als 450 Euro im Monat mit einem Minijob verdient und waren als Aufstocker auf Beihilfen angewiesen. Insgesamt gab es 2584 „erwerbstätige Leistungsbezieher“.

Melanie Schubert hat sich ihren Job selbst gesucht: „Ich will nicht zu Hause sitzen, mir fällt die Decke auf den Kopf.“ Wenn ihr Sohn in den Kindergarten geht, dann möchte sie vormittags arbeiten: „Ich kann doch nicht nur von Stütze leben.“ Was sie verdient, werde ihr zum großen Teil auf ihre Beihilfe angerechnet und abgezogen: „Aber ich fühle mich nicht so abhängig vom Staat.“ Sie lebt mit ihrem Kind von rund 1000 Euro im Monat, die Hälfte geht fürs Wohnen drauf.

Für Unternehmen ist das „Modell Zuruf“ bequem. Das weiß auch die Chefin des Jobcenters, Angelika Brauer. Die Behörde kennt verschiedene Supermärkte und Drogeriemarkt-Ketten, die das Auffüllen der Regale an „Drittfirmen vergeben, die Mitarbeiter erkennt man oft daran, dass sie ein Schild Gast tragen“. Es gebe zwei Formen: Manche dieser Firmen stellen die Auffüller an, dann erhalten sie immerhin den Mindestlohn. Die andere Variante ist die angebliche Selbstständigkeit. Die Auffüll-Firmen vergeben den Auftrag an Subunternehmer. Wie die zurechtkommen, ist dann ihre Sache.

Der Behördenleiterin gefällt diese Form von Arbeitsalltag nicht. Sie räumt ein, dass für manchen der Minijobber der Aufwand kaum im Verhältnis zum Ertrag stehe. Aber statthaft seien solche Arbeitsverhältnisse aus rechtlicher Sicht.

Und für Melanie Schubert gibt es kaum eine Alternative. Sie hat ihre Berufsausbildung abgebrochen, dann als Verkäuferin und schließlich zehn Jahre beim Tiefkühlkost-Produzenten Pickenpack gearbeitet. Als der vor eineinhalb Jahren ins Trudeln geriet und Personal abbaute, um wieder zukunftsfähig zu werden, zählte die Mutter eines Kindes zu denen, die gehen mussten. Es gab eine Zeit lang quasi ein Übergangsgeld, doch eine neue Arbeit hat sie nicht gefunden.

Eine Stelle zu ergattern, sei nicht einfach, sie besitzt kein Auto und wohnt in einem Ort im Landkreis. Da gebe es für den Vormittag nicht viele Alternativen, erzählt sie. Also war sie froh, den Packjob zu finden. Zu harten Bedingungen: „Wenn nichts zu tun war, habe ich kurz vorher eine Absage per SMS bekommen oder eine Kollegin hat mich nach eineinhalb Stunden nach Hause geschickt.“

Auf ein paar Bewerbungen habe sie nicht mal eine Antwort erhalten. Nun hat sie in einem Lebensmittelmarkt nachgefragt, ob dieser eine Ganztagsstelle für sie hat. Eine Betreuung des Sohnes würde sie über Großeltern und Jugendangebote organisieren wollen: „Wenn das klappt, könnte ich wieder von meinem eigenen Geld leben.“ Wenn, denn eine Zusage vom Chef hat sie noch nicht.