Donnerstag , 8. Dezember 2016
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Auch kleine schauspielerische Einlagen gehörten zum Programm des selbstgestalteten Informationsabends, den die Bleckeder Gymnasiasten während ihrer Projektwoche auf die Beine gestellt haben. Foto: t&w
Auch kleine schauspielerische Einlagen gehörten zum Programm des selbstgestalteten Informationsabends, den die Bleckeder Gymnasiasten während ihrer Projektwoche auf die Beine gestellt haben. Foto: t&w

„Wir alle, wir sehen die Boote“ — Infoabend über Flüchtlinge am Gymnasium Bleckede

off Bleckede. Pia Steinhauer steht im Forum des Bleckeder Gymnasiums am Rednerpult und spricht ins Mikrofon. „Ich habe am letzten Sonntag mit meiner Großmutter über ihre Flucht gesprochen.“ Die Stimme der 16-Jährigen ist fest und klar. „Und sie hat mir erzählt, dass sie, als sie hier angekommen sind, von einem Landwirt zum Grünkohlessen eingeladen wurden.“ Doch ihre Großmutter habe Grünkohl nur als Schweinefutter gekannt und sich nicht überwinden können, ihn zu essen. „Der Bauer schloss daraus, dass sie die Einladung nicht würdigte.“ Ein Missverständnis, das keiner aufklären konnte, weil sich die Sprache der beiden unterschied. „So musste die Familie meiner Großmutter Beschuldigungen und Vorwürfe über sich ergehen lassen.“ Pia macht eine Pause. Es ist still im Saal.

Die Schülerin erzählt die Geschichte ihrer Großmutter am Ende eines Informationsabends zum Thema Flüchtlinge und sie möchte damit zeigen, dass „wir uns gegenseitig besser kennenlernen müssen, uns austauschen müssen über die Kultur, die Normen und über das, was hier und dort einen hohen Stellenwert hat“. Mit rund einem Dutzend Mitschülern hat sie den Abend während einer Projektwoche Anfang Juni vorbereitet. Und es geht ihr wie den meisten ihrer Mitstreiterinnen: Sie ist für dieses Projekt über sich hinausgewachsen.

Stundenlang haben die Schülerinnen das Thema recherchiert, sodass sie dem Publikum an diesem Abend die Flüchtlingsströme erklären können, das Asylverfahren, die Fluchtgründe und -wege sowie den Unterschied zwischen Asyl und Flüchtlingsschutz. Ein Teil der Gruppe hat außerdem Interviews geführt, mit Flüchtlingen, Mitgliedern von Willkommens­initiativen, Lehrern und Behördenvertretern gesprochen. Die Ergebnisse präsentieren die Schülerinnen mit Vorträgen, einer selbst gestalteten Ausstellung, einem Poetry Slam, Gedichten, Geschichten und Reden. Eine Mischung, über die Bleckedes Bürgermeister Jens Böther zum Abschluss sagt: „Ihr habt mich sehr berührt.“

Emilia Erber steht auf der Bühne, ein Mitschüler spielt Klaviermusik. Sie greift zum Mikro, die 16-Jährige hat ihre Gefühle in einem Text verarbeitet, alle Scheinwerfer sind auf sie gerichtet, während sie Sätze wie diese vorträgt: „Hunderte Menschen dicht an dicht, glauben an das, was der Schlepper verspricht… Wir alle hier, wir sehen die Boote, verhängen Einreiseverbote, wollen keine Flüchtlingsquote… Ich seh dich vor deinem flimmernden Bildschirm sitzen, darauf bedacht, alle Bilder abzuschirmen. Vergisst unter all den Zahlen, all den Illegalen, dass es Menschen sind, die sterben sterben werden… Der Traum verpufft, Festung Europa, das Meer voller Toter.“

Die Schülerinnen informieren an diesem Abend nicht nur, leiten nicht nur eine Podiumsdiskussion mit Bürgermeister Jens Böther sowie den Vertretern der Willkommensinitiativen, Lerke Scholing und Birger Rietz. Die jungen Frauen zeigen, dass sie empört sind über die europäische Flüchtlingspolitik, dass sie sich einen anderen Umgang mit Flüchtlingen wünschen, dass sie etwas ändern wollen. „Anfangs wollten wir nur eine Informationsveranstaltung machen“, sagt Tabea, „jetzt bin ich selbst überrascht, wie vielseitig der Abend geworden ist.“

Und nicht nur das: Aus Projektwoche wird Engagement, die Schülerinnen haben Pläne geschmiedet, sich in der Bleckeder Flüchtlingshilfe zu engagieren. „Wir wollen einen Kinoabend mit Flüchtlingen machen“, sagt Pia, „außerdem planen wir eine Radtour und wir wollen kostenlosen Nachhilfeunterricht anbieten.“ Während sie auf der Bühne sitzt und davon erzählt, hört auch ihre Großmutter ihr zu. Sie sitzt im Publikum und ist „unfassbar stolz“ auf ihre Enkelin. Denn sie weiß aus eigener Erfahrung wie es ist als Flüchtling in der Fremde.