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Aus zehn Metern Entfernung gelang Hans Röhr dieser Schnappschuss von einem Seeadler auf seinem Scheunendach  direkt neben einem Storchennest. Dass die Tiere Menschen so nah an sich heranlassen, ist ungewöhnlich. Foto: röhr
Aus zehn Metern Entfernung gelang Hans Röhr dieser Schnappschuss von einem Seeadler auf seinem Scheunendach direkt neben einem Storchennest. Dass die Tiere Menschen so nah an sich heranlassen, ist ungewöhnlich. Foto: röhr

Seeadler attackiert Störche

emi Barförde. Hans Röhr spricht laut und hastig. Seit mehr als 20 Jahren beobachtet der Barförder die Störche in den Nestern auf seinem Bauernhof, in jeder Lebenslage und zu jeder Tageszeit hat er sie schon abgelichtet. Doch das, was sich jetzt keine 15 Meter von seinem Haus entfernt ereignete, hat der 71-Jährige noch nie erlebt. Ein Seeadler attackierte drei Jung­störche in ihrem Nest. Der Angriff endete erfolglos, doch der Schreck bei Röhr sitzt tief und die Fragen bleiben: Seit wann greifen Seeadler Störche an? Warum wagt sich das scheue Tier so nah an den Menschen?

Barförde, Montagnachmittag, Röhrs Mieterin beobachtet die Szene vom Balkon aus: Ein Seeadler fliegt mit seinen scharfen Krallen voran auf die rund zehn Wochen alten Störche zu. Er packt sich den schwächsten, die übrigen Vögel hacken mit ihren Schnäbeln nach ihm. Erst als die Zuschauerin laut ruft, dreht der Angreifer ab. Der kleine Storch fällt kopfüber in einen Haselnussstrauch.

Der Seeadler dagegen wird in der Folgezeit immer wieder im Dorf gesichtet. Mal thront er majestätisch auf Hans Röhrs Jungviehstall, dann fliegt er zum Scheunendach und lässt sich schließlich seelenruhig in Hans Röhrs zweitem, verwaisten Storchennest nieder.

Dass ein ausgewachsener Seeadler schwache Vögel angreift, könne vorkommen, sagt Joachim Schwarz von der Arbeitsgemeinschaft Adlerschutz Niedersachsen. Zwar zählen eher Fisch, Wassergeflügel und Aas zu seinen Leibspeisen. „Aber die Jungen liegen da wie auf dem Präsentierteller, warum sollte er es nicht versuchen?“

Stutzig macht den Experten dagegen die Distanzlosigkeit des Tieres: „Es ist sehr ungewöhnlich, dass ein Seeadler so dicht an Menschen herankommt. Eigentlich deutet das darauf hin, dass er etwas hat. Aber wenn er jagt, ist er kerngesund“, sagt Schwarz. Ist das Tier also von klein auf an Menschen gewöhnt? „Ich will das nicht ausschließen, aber das ist nur eine Mutmaßung.“

Was der Tierfreund aber weiß, ist, dass der Seeadler aus Schleswig-Holstein stammt. Das verrät der Ring an seinem linken Bein. „Es muss ein junger Adler sein“, sagt Joachim Schwarz. „So richtig jagen kann der noch nicht. Er versucht wohl, leichte Beute zu machen.“ Den kleinen Storch, der in den Haselnussstrauch stürzte, hat er zwar nicht erwischt, er ist unversehrt. Aber für Hans Röhr haben die unruhigen Zeiten womöglich gerade erst begonnen. Denn der Angreifer kann jederzeit wiederkommen.

Zehn auf einen Streich

So viel Seeadlernachwuchs gab es noch nie im Landkreis Lüneburg. Joachim Schwarz und seine Kollegen von der Arbeitsgemeinschaft Adlerschutz Niedersachsen zählten dieses Jahr zehn Jungvögel an fünf Horststandorten. „Das ist Rekord!“, freut sich der Brietlinger. Im vergangenen Jahr wurden fünf Adlerjunge gemeldet, 2013 waren es sieben. Gründe für die erfreuliche Bilanz sieht Schwarz in den verbesserten Umweltbedingungen und der ungestörten Brutzeit. „Und manchmal ist es auch einfach Glück.“
Niedersachsenweit haben in diesem Jahr von 44 Revierpaaren 27 erfolgreich gebrütet und 44 kleine Seeadler aufgezogen.