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Uwe Hoek, Hans-Edmund Ksoll, Christel Fontaine und Ludwig Kurtenbach (v.l.) legten in Nimwegen an vier Tagen Distanzen von insgesamt 120 bis 160 Kilometern zurück. Angetan waren sie dabei auch vom Charme der Stadt  wie Lüneburg schmückt die viele Backsteinbauten. Foto: t&w
Uwe Hoek, Hans-Edmund Ksoll, Christel Fontaine und Ludwig Kurtenbach (v.l.) legten in Nimwegen an vier Tagen Distanzen von insgesamt 120 bis 160 Kilometern zurück. Angetan waren sie dabei auch vom Charme der Stadt wie Lüneburg schmückt die viele Backsteinbauten. Foto: t&w

So weit die Füße tragen — Lüneburger bei Volkswanderung in Nimwegen

cec Lüneburg. Gerade haben sie sich in der Sitzgruppe in der ersten Etage der LZ zum Gespräch niedergelassen, als der Fotograf kommt und zum Fototermin in den Innenhof bittet. Nochmal die 24 Stufen runter? Und dann wieder rauf? Das geht nicht ganz ohne Gegenwehr: ein leichtes Ächzen hier, ein kleiner Seufzer dort. Denn gelaufen sind Christel Fontaine (73), Ludwig Kurtenbach (71), Hans-Edmund Ksoll (64) und Uwe Hoek (57) in den vergangenen Tagen genug. Bei der 99. Auflage einer der weltweit größten Volkswanderungen, der „Vierdaagse“ im niederländischen Nimwegen, sind sie an vier aufeinanderfolgenden Tagen jeweils zwischen 30 und 40 Kilometer gewandert. Zurück in Lüneburg fällt darum jeder weitere Schritt schwer. Mit „heiter bis wolkig“ beschreibt Ksoll den aktuellen Zustand seiner Füße, er ist Vorsitzender des Lüneburger „Clubs der begeisterten Nimwegen-Wanderer“, dem alle vier angehören.

Und begeistert sind sie trotz der Strapazen, denn die Veranstaltung bringt nicht nur Wanderfreunde aus aller Welt in Nimwegen zusammen, sondern mobilisiert nahezu die gesamte Einwohnerschaft der niederländischen Hansestadt. 42684 Männer, Frauen und Kinder zwischen 12 und 92 Jahren alt aus rund 60 Nationen gingen an den Start. Teilnehmer aus Australien, Belgien, Kanada, Frankreich, Deutschland und den Vereinigten Staaten waren ebenso unterwegs wie Wanderer von den Bermudas, Fidschi-Inseln, aus Gabun, Malawi, Ost-Timor oder Trinidad-Tobago. Gut eine Million Zuschauer befeuerten und fütterten die Wanderer am Straßenrand, reichten Bananen, Äpfel, Süßigkeiten und Getränke oder Gartenschläuche zur Abkühlung. „Die Atmosphäre ist unvergleichlich, ich habe jetzt noch eine Gänsehaut“, berichtet Ksoll.

Ihresgleichen suche auch die Gastfreundschaft der Nimweger: Er und seine Mitstreiter übernachteten zwar auf einem Campingplatz, doch viele Einwohner der Hansestadt würden private Räume für die Wanderer zur Verfügung stellen, manche sogar ihr Haus komplett räumen. Für einen Bekannten, der nach jahrelanger „Vierdaagse“-Teilnahme ein neues Quartier suchte, seien die Gastgeber mit Liegen in den Keller gezogen, damit er noch bei ihnen unterkommen konnte. Andere räumten ihr Mobiliar auf die Straße, erzählt Christel Fontaine: „Die tragen die Couch raus und sitzen darauf am Straßenrand.“ Ausnahmezustand.

1909 fand der zunächst rein militärische Nimwegenmarsch zum ersten Mal statt. „Französisches, niederländisches, belgisches und deutsches Militär wollten sich sportlich miteinander vergleichen“, weiß Hans-Edmund Ksoll, „der Gedanke dahinter war, dass Soldaten sich nicht nur bekämpfen, sondern auch freundschaftlich miteinander umgehen können.“ Anfang der 1920er-Jahre kamen dann Zivilisten hinzu, Soldaten gehen aber immer noch mit, 5000 waren es in diesem Jahr. Abhängig vom Alter und Geschlecht laufen die Teilnehmer tägliche Distanzen von 30, 40 oder 50 Kilometern freiwillig.

Warum tun sie sich das an? „Das habe ich mich zwischendurch auch gefragt“, räumt Christel Fontaine ein, die mit Ludwig Kurtenbach im Gespann lief. Am letzten Tag, auf den letzten fünf Kilometern blieb sie mit diesem Gedanken einfach stehen. Kurtenbach zog sie dann weiter, lief ihr zuliebe langsamer. Ihre Motivation: „Ich will einfach einmal im Jahr sehen, ob ich das noch schaffe und wo ich kräftemäßig stehe“, bilanziert Fontaine, die das sechste Mal dabei war, „das ist mein Test für den Rest des Jahres.“

Zu zweit geht alles besser, meinen auch Ksoll und sein Laufpartner Uwe Hoek. Ksoll, der das 16. Mal mitging, hatte am zweiten Tag einen Hänger, spürte vom linken Fuß nur noch den Ballen, Hoek ging am dritten Tag in die Knie, an dem sieben geringe, aber sich lang hin ziehende Steigungen „à la Stöteroggestraße“ zu bewältigen waren. Doch gemeinsam kamen sie ins Ziel: „Wenn wir einen Tiefpunkt erreichen, motivieren wir uns gegenseitig.“