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Seit Monaten ist Kerstin Hedelt mit Flüchtlingen im Gespräch, dokumentiert ihre Schicksale für Rechtsanwälte und Menschenrechtsorganisationen. Foto: t&w
Seit Monaten ist Kerstin Hedelt mit Flüchtlingen im Gespräch, dokumentiert ihre Schicksale für Rechtsanwälte und Menschenrechtsorganisationen. Foto: t&w

Protokollantin der Flucht

off Lüneburg. Es fing an mit einer Kanne Tee und Keksen. Um ihre neuen Nachbarn willkommen zu heißen, klopfte Kerstin Hedelt an einem Tag im Dezember an der Tür der Ochtmisser Flüchlingsunterkunft. Sie überreichte Selbstgebackenes und wurde aus Dank zum Tee eingeladen, bald kam sie jede Woche zur gemeinsamen Teestunde, fing an, Gitarrenunterricht zu geben, hielt irgendwann das erste Behördenschreiben in den Händen und dokumentierte kurz darauf die erste Fluchtgeschichte. Inzwischen hat die 55 Jahre alte Lüneburgerin die Schicksale von mehr als ein Dutzend Flüchtlingen zu Papier gebracht. „Und ich bin entsetzt darüber, was diese Menschen erleben mussten“, sagt sie, „nicht nur in ihren Heimatländern, sondern leider auch in Europa.“

Von der Manzke-Friedenstiftung ist Kerstin Hedelt für ihr Engagement vor kurzem ausgezeichnet worden, angefangen hatte sie mit den Interviews kurz vor Weihnachten, „um den Flüchtlingen zu helfen und ihre Rechtsanwälte so gut wie möglich zu informieren“. Es sei wichtig, dass die Verteidiger genau wissen, was welcher Flüchtling wo erlebt hat, sagt Hedelt. „Und irgendjemand muss sich die Mühe machen, das für sie zu fragen, aufzuzeichnen und übersetzen zu lassen.“

Mittlerweile sammelt sie die Berichte auch für Menschenrechtsorganisationen wie „Bordermonitoring“ oder den niedersächsischen Flüchtlingsrat, anonymisiert, aber in vollem Umfang. Die meisten Aufzeichnungen umfassen mehrere DINA4-Seiten, beginnen in Syrien, Libyen, dem Irak und führen über Italien, Ungarn oder Bulgarien nach Lüneburg. Ein neuer Schwerpunkt ihrer Arbeit sind dabei die Erfahrungen, die Flüchtlinge in europäischen Ländern gemacht haben. Ihr Ziel: „Ich will zeigen, dass Dublin eine Lüge ist.“

Was sie meint, ist die sogenannte Dublin-III-Verordnung, wonach das Land für einen Flüchtling zuständig ist, das er zuerst betreten hat. Die Theorie dahinter: Es ist egal, ob jemand den Antrag auf Asyl in Schweden oder Polen, Deutschland oder Italien stellt. In allen Mitgliedsstaaten wird er gleich behandelt. „Eine Illusion“, sagt Kerstin Hedelt, „weder werden die Flüchtlinge in allen europäischen Ländern gleich behandelt, noch erhalten sie überall das gleiche Asylverfahren.“

Mehr als 20 Fluchtberichte hat sie inzwischen selbst verfasst oder angeleitet. „Und was die Menschen aus Ungarn, Italien oder Bulgarien berichten, zeigt mehr als deutlich, dass diese Länder mit der großen Zahl an Flüchtlingen überfordert sind, es ganz klare Missstände gibt, in die wir Flüchtlinge aus Deutschland nicht zurückschicken können.“ Was mit Tee und Keksen anfing, ist ihr zur Herzenssache geworden. „Es muss sich einfach etwas ändern.“ Und dafür dokumentiert sie weiter.

Kurze Ausschnitte der Aufzeichnungen lesen Sie unten, ausführlichere Berichte stehen auf der Internetseite der Lüneburger Willkommensinitiative.

Bericht aus Italien

„Direkt nach unserer Ankunft wurde den anderen Flüchtlingen das Gepäck weggenommen (mein Gepäck hatten mir die Räuber ja schon in der Wüste abgenommen)… Das Gepäck enthielt hauptsächlich Kleidung, die haben die Italiener einfach weggeschmissen. Wir durften nicht auf die Toilette gehen und bekamen kein Wasser. Ich als auch die anderen 50 Flüchtlinge verweigerten die Abgabe der Fingerabdrücke. Daraufhin prügelten die Polizisten uns mit Schlagstöcken auf Arme, Beine und Hüften. Einigen Flüchtigen wurde auch Beruhigungsmittel verabreicht, die als „Bonbons“ ausgegeben wurden. Die Betroffenen gaben in halbwachem Zustand ihre Fingerabdrücke ab. Auch mir wurden Beruhigungsmittel verabreicht, die mich benebelten.“ Flüchtling aus Syrien, geb. 1990

Erlebnisse in Ungarn

„Auf meiner Flucht aus Syrien erreichte ich mit meinen Begleitern die ungarische Grenze. Wir waren sehr müde und erschöpft, hungrig und durstig und befanden uns orientierungslos in einem Wald…. Ein Bus kam, uns wurden Handschellen angelegt, mit Schlägen und Fußtritten wurden wir in den Bus gestoßen. Dann wurden wir in ein großes, Tierkäfig ähnliches Gefängnis mit ekelerregendem Gestank nach Exkrementen gestoßen. Es befand sich draußen, hatte ein Dach und zwei Wände, an zwei Seiten waren Gitter. Dadurch war es sehr kalt und feucht. Das Gefängnis war völlig überfüllt, es gab keine Schlafstelle, keine Sitzmöglichkeiten. Man konnte sich nur hinhocken. Es gab Toiletten an der Rückwand, aber ohne Türen. Es war menschenunwürdig und wir fühlten uns wie Tiere. Die ganze Nacht über wurden Menschen herausgerufen und wieder hineingeschickt. Wenn jemand zu spät reagierte, wurde er angepöbelt und getreten…. Der Dolmetscher ging und drei Polizisten kamen. So nahmen einen von uns mit, zogen ihn in einem Raum und schlossen die Tür. Wir hörten ihn schreien, er rief seine Mutter und seinen Vater um Hilfe. Ich fühlte mich wie ein Tier vor der Schlachtbank.“ Syrischer Flüchtling, geb. 1980

Aufzeichnungen aus Bulgarien

„… dann wurden wir in einem großen Polizeiauto nach Sofia ins Gefängnis gebracht. In vier Räume wurden ca. 50 Flüchtlinge gesteckt, das heißt 12 Personen pro Raum, der etwa 20 Quadratmeter groß war und keine Fenster hatte. Um Mitternacht wurde das Licht ausgemacht. In unserem Raum stand nur ein Bettgestell, das keine Matratze hatte. Wir schliefen alle auf dem Fußboden. Es gab eine Toilette in dem Raum, die aber abgeschlossen war. Wir bekamen jeder eine leere Cola-Blechdose, in die wir hineinpinkeln sollten bei Bedarf. Wer mehr Notdurft hatte, musste sie in dem Raum verrichten, der entsprechend übel nach Urin stank. Jeden Tag kam der Polizeichef und fragte aufs Neue, ob wir nun endlich unsere Fingerabdrücke geben wollten. Wenn wir verneinten, wurden wir in einen anderen Raum gebracht, geschubst und mit einem Stock geschlagen auf Rücken, Schultern, Arme und Beine.“ Kurdischer Flüchtling, Syrien, geb. 1990