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Das Klärwerk an der Bockelmannstraße: Wie sauber soll und muss hier in Zukunft gereinigt werden? Foto: t&w
Das Klärwerk an der Bockelmannstraße: Wie sauber soll und muss hier in Zukunft gereinigt werden? Foto: t&w

Vierte Reinigungsstufe für das Lüneburger Klärwerk?

ca Lüneburg. Im Abwasser schwimmen eine Menge winzig feiner Elemente, die herkömmliche Kläranlagen nicht herausfiltern können. Die Grünen im Lüneburger Rat regen nun an, darüber nachzudenken, das Klärwerk um eine vierte Reinigungsstufe zu erweitern. Hintergrund ist unter anderem die Wasserrahmenrichtlinie der Europäischen Union, die kurz gesagt Flüsse und Gewässer sauberer machen soll. Die Grünen wollen mit ihrem Fragenkatalog für den Umweltausschuss auch Medikamentenrückstände in den Fokus rücken. Doch an der Bockelmannstraße wissen der Chef der Abwassergesellschaft (AGL), Lars Strehse, und der Leiter der Kläranlage, Torsten Bolick, dass es um wesentlich mehr Stoffe geht. Und das macht die Sache schwierig.

Pestizide sind ebenso in der Kloake zu finden wie Spuren von Arzneimitteln, dazu kommt unter anderem noch Mikroplastik. Feinste Teilchen sind in Kosmetika enthalten und können beim Waschen von Funktionskleidung gebildet werden. Strehse und Bolick berichten, dass Kommunen in der Schweiz, in Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg Anlagen betreiben, die feinste Stoffe aus dem Abwasser hi­nausziehen.

Dabei geht es darum, zu klären, welche Verfahren Sinn ergeben. So kann Aktivkohle wie eine Art Magnet wirken, an der sich bestimmte Stoffe anlagern. Die Kohle muss regelmäßig ausgetauscht werden. Andere Ansätze bringen Ozon oder UV-Strahlung zum Einsatz.

Die AGL arbeitet mit Klaus Kümmerer zusammen, er ist Professor für nachhaltige Chemie und stoffliche Ressourcen an der Leuphana. Wie die Praktiker sieht auch der international renommierte Wissenschaftler Schwierigkeiten: Ein einzelnes Verfahren eigne sich nicht für alle Stoffe. Aktivkohle kann manche Substanz vollständig binden, andere aber nur zum Teil oder eben auch gar nicht. Durch die Behandlung mit Ozon oder dem UV-Licht wiederum können Stoffe aufgesprengt werden, doch es ist unklar, was für neue Verbindungen entstehen und wie giftig sie möglicherweise sind. Durch die Behandlung verändern sie sich und sind möglicherweise gar nicht mehr zu fassen.

In Zahlen liest sich das etwa so: Bolick sagt, es gebe rund 3000 Arzneimittelwirkstoffe, viele von ihnen landen über die Toilette oder Dusche, etwa wenn eine Salbe abgewaschen wird, in den Systemen der AGL. Doch während sich das eine Schmerzmittel biologisch abbaut, schaut es bei einem nächsten ganz anders aus.

Noch etwas treibt Strehse und Bolick um: Ab welcher Konzentration gelten Stoffe als bedenklich? Mit welchen will man sich überhaupt beschäftigen? Die gesetzlichen Vorgaben sind dünn oder fehlen. Ein weiterer Punkt ist die La­bortechnik. Fahndet man heute im Mikrogrammbereich, geht es um Nanogramm und weniger. Bildlich: Mit der Analysetechnik fischen die Klärwerker heute nach Medizinbällen, künftig könnte es um Tischtennisbälle und Erbsen gehen.

Strehse, Bolick und auch Prof. Kümmerer schauen daher nicht nur auf die Becken an der Bockelmannstraße und anderswo, sondern auf Erzeuger und Konsumenten. Das bedeutet politischen Druck und Appelle: Zum einen müsse die Indus-trie dazu gebracht werden, bestimmte Substanzen nicht mehr zu verwenden oder zu ersetzen. Zum anderen ist auch der Verbraucher gefragt: Warum versenkt er abgelaufene Tabletten im Klo? Warum benutzt er ein Shampoo, das so schön glitzert, das aber Nano-Plastik enthält? Auch könnten Ärzte und Apotheker für die Problematik sensibilisiert werden, eher Mittel abzugeben, die bei vergleichbarer Wirksamkeit den Umweltansprüchen genügen.

Kümmerer sagt: „Es besteht kein Grund, in Aktionismus zu verfallen.“ Man solle sich Zeit nehmen, um mittelfristig handeln zu können. Es sei zum Beispiel sinnvoll, erstmal zu schauen, was im Lüneburger Abwasser mitschwimmt. Dazu zählt eine Bestandsaufnahme von Firmen und dem, was aus ihren Rohren in der Kanalisation landet. Die Uni arbeitet da mit der AGL zusammen. Studenten leisten entsprechende Praktika.

Auch Strehse und Bolick wollen abwarten. Zwar bringen sie sich auf den aktuellen Stand der Diskussion, doch einen Grund, in konkrete Planungen einzusteigen, sehen sie nicht: Es gebe keine gesetzlichen Vorgaben, in was solle man investieren? Auch das Verfahren der Wahl sei ja unklar.

Eins scheint relativ sicher: Wenn neue Vorgaben kommen, wird auch das Klärwerk in Lüneburg, das zu den etwa 270 Großanlagen der Republik zählt, ausgebaut werden müssen. Und da die Entsorgung von Abwasser über Gebühren finanziert wird, dürfte auch der Bürger zur Kasse gebeten werden. Allerdings rechnen die Praktiker damit, dass sie dann auf Fördermittel aus Brüssel und Berlin hoffen können.