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Inzwischen ist Jasmin sieben Monate alt, hat sich prächtig entwickelt. Nachdem das Frühchen aus der Klinik entlassen wurde, unterstützte Christine Heuermann (r.) Mutter Katarzyna Schwantes zu Hause bei der Betreuung ihres Kindes. Foto: t&w
Inzwischen ist Jasmin sieben Monate alt, hat sich prächtig entwickelt. Nachdem das Frühchen aus der Klinik entlassen wurde, unterstützte Christine Heuermann (r.) Mutter Katarzyna Schwantes zu Hause bei der Betreuung ihres Kindes. Foto: t&w

Eine Kinderlotsin für Jasmin Unterstützung bei Nachsorge von Frühgeborenen

as Lüneburg. Das erste Mal, dass man ihr ihre Tochter auf die Brust legte, war am Heiligabend. Der erste Körperkontakt mit ihrer Tochter Jasmin war für Katarzyna Schwantes ein großer Moment des Glücks, aber auch der Unsicherheit. Denn Jasmin war per Kaiserschnitt am 18. Dezember vergangenen Jahres in der 27. Woche im Lüneburger Klinikum zur Welt gekommen. Das Frühgeborene wog damals gerade mal 770 Gramm, musste in der Intensivstation der Kinderklinik medizinisch betreut werden. Auch Katarzyna Schwantes wurde in der Klinik zwei Monate schrittweise angeleitet, ihr Kind zu versorgen. Fachkinderkrankenschwester Christine Heuermann stand ihr dabei zur Seite. Und sie begleitete Mutter und Kind auch in den ersten Monaten zu Hause. „Ohne Christine hätte ich mir das nicht vorstellen können“, sagt die Mutter über die Kinderlotsin.

„Kinderlotse Zentrum für Familienbegleitung“ heißt der Hamburger Verein, der sich vor sieben Jahren gründete, weil kleine Patienten der Universitätsklinik Eppendorf auch nach der Entlassung besonderer Betreuung und Unterstützung bedurften. Neben Kindern mit chronischen Erkrankungen, Krebs- und Herzerkrankungen sind das auch Frühgeborene, die Eltern nach der Entlassung aus der Klinik vor Herausforderungen stellen. „Viele Familien fühlen sich damit überfordert. Die Verunsicherung wächst und der Druck steigt. Hier hilft ein Team von Kinderlotsen“, erläutert Katrin Seidel, Leitung Sozialmedizinische Nachsorge. Seit einem Jahr gibt es eine Kooperation mit dem Klinikum Lüneburg, denn in der Intensivstation der Kinderklinik werden pro Jahr 45 sogenannte Frühchen unter 1500 Gramm versorgt und betreut. Das Einzugsgebiet umfasst neben Stadt und Landkreis Lüneburg auch Winsen, Buchholz, Geesthacht und Dannenberg.

„Ein Frühgeborenes ist in jeder Beziehung etwas anderes, man ist in ständiger Angst, dass etwas passieren kann oder dass man etwas falsch macht.“
Katarzyna Schwantes und Dariusz Bonk

Während Eltern bei einer normalen Geburt gut vorbereitet sind durch Geburtsvorbereitung und Säuglingspflegekurse, sind Frühchen-Geburten eine große Herausforderung. „Manche kommen bereits in der 23./24. Woche zur Welt, wiegen gerade mal 450 oder 500 Gramm. Sie werden dann sofort auf die Intensivstation gebracht, die Mutter bleibt erst noch auf der Wöchnerinnen-Station“, erklärt Christine Heuermann. Wenn die Mutter dann ihr Kind erstmals besucht, liegt es im Inkubator, ist verkabelt mit einem Monitor, der die Vitalparameter kontrolliert, wird per Magensonde ernährt, muss eventuell beatmet werden. Nicht nur emotional für Mütter eine schwierige Situation, sondern sie müssen zum Beispiel auch lernen, den Winzling zu wickeln, ihrem Kind per Magensonde Muttermilch zuzuführen, was zur Mundpflege getan werden kann und dass nicht jedes Piepen des Monitors auch für eine lebensbedrohliche Situation steht. Katarzyna Schwantes und ihr Lebenspartner Dariusz Bonk fühlten sich dabei gut unterstützt. Die beiden haben zwar bereits vier Kinder im Alter von acht bis 15 Jahren, doch das waren Normalgeburten. „Ein Frühgeborenes ist in jeder Beziehung etwas anderes, man ist in ständiger Angst, dass etwas passieren kann oder dass man etwas falsch macht“, sagen die Eltern, während Jasmin inzwischen sieben Monate alt putzmunter auf dem Arm von Mama mit einer Spielmaus kuschelt. Schlimm sei für sie gewesen, dass sie in den ersten Tagen nach der Geburt ihr Kind nicht sehen konnte, „weil ich mich vom Kaiserschnitt erholen musste“. Schuldgefühle hätten sie gequält, nachdem sie zwar schon aus der Klinik entlassen war, dann aber der Spagat gelingen musste zwischen der Versorgung ihres Neugeborenen in der Klinik und ihrer Kinder zu Hause, erzählt die Lüneburgerin.

Kurz bevor Jasmin aus der Kinderklinik entlassen wurde, erfuhr das Ehepaar dann von Christine Heuermann, dass auch eine Nachsorge möglich ist. Ein Angebot, das die Eltern gerne in Anspruch nahmen, weil die Unsicherheit bleibt, wenn es zum Beispiel darum geht, ob das Kind genug trinkt und es mit dem Stillen klappt. „Aber es bleibt auch die Angst, dass etwas mit dem Kind nicht in Ordnung sein könnte“, sagt Katarzyna Schwantes. Christine Heuermann stellte einen Antrag bei der Krankenkasse der Eltern, die die Nachsorge für drei Monate bewilligte. Bei ihrem ersten Besuch in der Familie überprüfte sie Trinkmenge und Gewichtszunahme des Kindes, informierte zum plötzlichen Kindstod sowie zur Reanimation und besprach mit den Eltern, was im Rahmen der Physiotherapie und Frühförderung für Jasmin getan werden kann. „Sie hat auch dafür gesorgt, dass wir ganz schnell einen Termin beim Kinderkardiologen und Augenarzt bekommen haben“, erzählt die Mutter. Zwischen den beiden Frauen hat sich in dieser Zeit auch ein so vertrauensvolles Verhältnis entwickelt, dass sich Katarzyna Schwantes bei der Kinderlotsin auch gut aufgehoben fühlte, wenn es um die Verarbeitung belastender Situationen ging. Für die Lüneburger Mutter hat sich die Nachsorge durch die Kinderlotsin bewährt.

Katrin Seidel weist allerdings auf ein Problem hin: Nicht alle Krankenkassen würden die Nachsorge bewilligen. Und das Kilometergeld für die Kinderlotsen wird von den Kassen nicht erstattet, muss vom Verein genau wie ein Auto für die Außenstelle in Lüneburg und nicht bewilligte Leistungen aus Spenden aufgebracht werden. Pro Jahr sind das rund 40000 Euro. Weitere Informationen zu dem Projekt gibt es unter www.kinderlotse.org im Internet.