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Ein echter Hingucker ist der nachgebaute Schiffsbug im Garten von Celina, Neele Joanne, Mona Lara und Christian Müller. Foto: t&w
Ein echter Hingucker ist der nachgebaute Schiffsbug im Garten von Celina, Neele Joanne, Mona Lara und Christian Müller. Foto: t&w

Wie Urlaub vor der Haustür — Verein Am Schildstein wird 80 Jahre alt

as Lüneburg. Ein Schrebergarten, das ging für Celina Müller eigentlich gar nicht. „Meine Eltern hatten einen, und da musste ich jäten, das fand ich fürchterlich“, erzählt die 32-Jährige mit einem Schmunzeln. Vor fünf Jahren entschloss sie sich mit ihrem Mann Christian, doch selbst eine Parzelle zu pachten. Erstmal hatten sie nur im Hinterkopf, dass ihre Töchter dort prima spielen könnten und man dort auch mal gemütlich feiern könnte. Inzwischen sind sie begeisterte Kleingärtner geworden, in der Kolonie „Am Schildstein“, die am Sonnabend 80-jähriges Bestehen feiert.

Rosa Phlox, Rosen und Pfingstrosen teilen sich ein Beet mit Porree, die Kartoffeln versprechen wie die Steckrüben eine gute Ernte, Erbsen, Zwiebeln und Erdbeeren waren sehr ertragreich, Kürbis und Zucchini ranken prächtig, Himbeer- und Brombeersträucher säumen akkurat die Grenze zum Nachbargarten. All das und noch vieles mehr wächst in Müllers Garten. Die Beete sind picobello geharkt. „Eine gewisse Ordnung muss schon sein, damit alles gedeiht. Aber jeder Halm wird hier nicht gezupft“, sagt Celina Müller. Ihr Mann und die Töchter Mona Lara (15) und Neele Joanne (7) haben es sich auf der leicht erhöhten Terrasse bequem gemacht, die das Bug eines Schiffes einrahmt. Das hat Friedhelm Petersen gestaltet, der einst Binnenschipper war. Bis vor fünf Jahren hat er diese und die Parzelle daneben bewirtschaftet dann übernahmen die Müllers sozusagen das Kommando über eine Parzelle und leben mit Petersen in guter Nachbarschaft. „Ich hab von ihm auch eine Menge Tipps fürs Gärtnern bekommen. Der Austausch ist einfach wichtig.“

Bis vor fünf Jahren hat die Familie in Mechtersen gelebt mit Garten, dann zog sie an den Oedemer Weg nach Lüneburg. Erst dachten sie, wir haben ja den Kurpark vor der Tür, da brauche es keinen Garten. Aber der fehlte dann doch, „besonders für unsere Kinder“, sagt Christian Müller. Seine Frau wandte sich an Frank Becker, Vorsitzender der nahen Kolonie Am Schildstein. Die Parzelle von Petersen gefiel ihr. „Aber wir waren skeptisch, ob wir den Ansprüchen gerecht werden könnten. Denn unser Nachbar hatte 30 Jahre lang die Parzelle mit ganz viel Herzblut bewirtschaftet.“ Die Sorgen waren unbegründet, die vier wurden von den Vereinsmitgliedern freundschaftlich aufgenommen. Und sie freuten sich über Ratschläge von alten Kleingärtner-Hasen, die wissen, wies funktioniert zum Beispiel mit dem Bewässern, wie groß die Abstände bei bestimmten Pflanzen sein müssen oder wie Obstbäume richtig beschnitten werden. Die prächtig blühenden Rosen sind ein Ergebnis des richtigen Beschnitts.

Gemeinschaft wird nicht nur beim Austausch von Tipps groß geschrieben. Bei Geräten hilft man sich gegenseitig aus, tauscht Ableger wenn einer grillt, liegt immer ein Würstchen mehr auf dem Rost. Und ein Plausch über den Gartenzaun ist stets willkommen. „Unsere Nachbarn zur anderen Seite kommen aus Armenien, die reichen manchmal tolle Kräuter über den Zaun oder leckere Fleischspieße. Ganz liebe Menschen, mit denen wir gerne reden.“

Dass ein Kleingarten viel Zeit und Arbeit bedeutet, unterschätze mancher, sagt Christian Müller, der laut seiner Frau inzwischen Spezialist in der Beseitigung von Unkraut ist. Auch Tochter Mona-Lara packt gerne mit an, wenns nicht gerade Unkraut zupfen auf den Wegen ist. Neele Joanne mag am liebsten Erd- und Himbeeren pflücken. Was geerntet wird, dient dem Eigenverbrauch „oder wir tauschen mal mit Nachbarn“, erzählt Celina Müller, die Früchte auch zu Marmeladen und Gelees verarbeitet. Doch trotz aller oder gerade wegen der Arbeit haben die Müllers ihr grünes und blühendes Reich zu schätzen gelernt. „Es ist positive Arbeit, die sehr entspannend sein kann. Was man heute nicht schafft, wird halt morgen gemacht. Außerdem gibt es weit und breit keinen Lärm. Es ist wie Urlaub vor der Haustür“, schwärmt das Ehepaar. Und Tochter Mona Lara findet, dass es hier herrliche Rückzugsmöglichkeiten vom Schulalltag gibt. Ohne Schrebergarten gehts bei der Familie gar nicht mehr. Celina Müller ist inzwischen sogar Schriftführerin im Verein, Ehrenamt wird bei allen Kleingärtnern großgeschrieben. Dank ihrem Fleiß und Engagement sind alle 17 Kolonien grüne Oasen, von denen alle Bürger profitieren.

Größte Kolonie Lüneburgs

Frank Becker ist seit zehn Jahren Vorsitzender des Kleingartenvereins. Foto: t&w
Frank Becker ist seit zehn Jahren Vorsitzender des Kleingartenvereins. Foto: t&w

Die Kleingartenkolonie „Am Schildstein“ ist mit einer Gesamtfläche von 143,8 Hektar die größte Kolonie in Lüneburg, sie zählt 306 Parzellen. „Knapp unter 300 sind derzeit verpachtet. Der Leerstand ist also gering“, freut sich Frank Becker, der seit zehn Jahren Vereinsvorsitzender ist.

Pächter sind größtenteils Familien, „und wir sind multikulti, pflegen ein gutes Miteinander der Nationen. Alle kommen gern zur Gemeinschaftsarbeit, da entstehen viele Freundschaften“. Zu den Pächtern gehört auch der Streuobstwiesenverein, der sich um den Erhalt alter Apfelsorten kümmert. „Auch in vielen Gärten sind solche Bäume zu finden. Das zieht immer wieder Interessenten, die pachten möchten.“

Am Sonnabend, 8. August, wird der 80. Geburtstag der Kolonie tüchtig gefeiert. Los geht es ab 14 Uhr vor dem Vereinsheim, wo ein Zelt aufgebaut ist. Neben Bratwurst, Kuchen und Getränken ist auch gute Laune garantiert. Es spielt die Band „Manos Journey“ – mit Christian Müller am Bass.