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Der Lüneburger Sascha Firtina, im Kingii-Team zuständig für das Marketing, demonstriert im Adendorfer Freibad, wie sich der Schwimm-Airbag unter Wasser aufbläst. Foto: t&w
Der Lüneburger Sascha Firtina, im Kingii-Team zuständig für das Marketing, demonstriert im Adendorfer Freibad, wie sich der Schwimm-Airbag unter Wasser aufbläst. Foto: t&w

Lebensretter am Handgelenk

cec Lüneburg. Ertrinken ist ein stiller Tod. Wer unter Wasser gerät, kann in der Regel nicht schreien. Darum passiert es häufig, dass im gefüllten Freibad, aber auch auf offenen Gewässern ein Mensch unbemerkt von den anderen Badenden um ihn herum stirbt. Michael Brendle musste selbst diese Erfahrung machen und den Tod eines guten Freundes verschmerzen, der im gemeinsamen Urlaub in Griechenland im Meer ertrank. Ein Erlebnis, das ihm keine Ruhe ließ. „Es kann doch nicht sein, dass wir im 21. Jahrhundert für alles Sicherheitssysteme haben, Fahrradhelme, Sicherheitsgurte, man aber im Wasser nicht richtig geschützt ist“, sagt der 23-jährige Student. Mit weiteren gemeinsamen Freunden, unter ihnen sein ehemaliger Gastvater während eines Auslandsaufenthalts in Kalifornien, Athanasios Thomas Agapiades, sprach er immer wieder über den Unfall, seine Ursachen und wie man ihn hätte verhindern können. Aus den Gesprächen entwickelte sich eine Idee. Heute steht sie kurz vor der Markteinführung: Kingii ein Schwimm-Airbag fürs Handgelenk. Jetzt präsentierten Brendle und zwei Lüneburger Mitstreiter aus dem deutsch-US-amerikanischen Entwicklungs- und Vermarktungsteam den Lebensretter im Miniformat im Adendorfer Freibad.

372000 Menschen ertrinken laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) weltweit jedes Jahr, 400 davon in Deutschland. „Die Dunkelziffer liegt aber wesentlich höher, da es in 77 Ländern keine genauen Aufzeichnungen gibt“, weiß Brendle. Ertrinken sei damit die dritthäufigste Unfall-Todesursache. Oftmals passieren Badeunfälle plötzlich und ohne große Vorwarnung. Genau hier kommt Kingii ins Spiel. Der Lebensretter in Miniformat wird wie ein Armband vor dem Gang ins Wasser am Handgelenk angelegt. In einer brenzligen Situation muss nur der Hebel betätigt werden und innerhalb von Sekunden bläst sich ein Luftkissen auf und sorgt für den benötigten Auftrieb. Wassersportler, Angler, aber auch Kinder, die aus dem Schwimmflügel-Alter heraus sind, können sich am Ballon festhalten und in Sicherheit bringen oder bringen lassen, denn auch das ist ein Vorteil des Schwimm-Airbags: Durch die grellrote Farbe fällt der Verunglückte schneller ins Auge.

Von der Geburt der Idee im März 2014 bis zur heutigen Marktreife verging nicht viel Zeit. Von dem Gedanken überzeugt, die Wassersicherheit zu revolutionieren und einen neuen Sicherheitsstandard zu schaffen, ging das Kingii-Team leidenschaftlich und unter Opfern an die Arbeit. Zunächst wurde ein Prototyp getestet, erst trocken, dann im Wasser. Wie schnell faltet sich der Ballon aus? Unter welchem Druck reißt die Verbindung vom Airbag zur Basis am Handgelenk? Wie reagiert das Material auf Salzwasser, Wind und Wellen? Die ausgewiesene Tragfähigkeit des Ballons liegt bei 124 Kilogramm „das Gewicht unseres schwersten Bekannten in der Testphase“, sagt Brendle. Da die Mitglieder des Kingii-Teams aus unterschiedlichen Wohnorten kommen, sei man für die vergangenen vier Monate, für die Konzeptionierung von Marketing und Vertrieb, sogar extra zusammen in eine Lüneburger Wohnung gezogen, berichtet Brendles Mitstreiter Eike Freitag, der 26-jährige freiberufliche Vertriebs- und Eventmanager kümmert sich um den Vertrieb: „Am Ende haben wir nur noch vier Stunden die Nacht geschlafen.“ Am 30. Juni machte Kingii sein Produkt dann via „Thunderclap“, einer Web-Plattform für Viralkampagnen, publik. „Binnen kürzester Zeit hatten wir 1,5 Millionen Menschen erreicht“, freut sich Freitag. Und auch das ursprüngliche Finanzierungsziel von 65000 US-Dollar sei von der über die Webseite „Indiegogo“ gestarteten Crowdfunding-Kampagne binnen kürzester Zeit um das Achtfache überschritten worden. Noch ist kein einziger Kingii verkauft, der Online-Shop geht erst im September an den Start, dennoch gibt es sogar schon Interessenten aus dem Profibereich: „Derzeit verhandeln wir mit dem größten europäischen Ausrüster für Katastrophenschutz-Ausrüstung“, berichtet Eike Freitag. Denn auch bei den Katastrophenhelfern, etwa vom THW, gebe es immer mal wieder Todesfälle, da die Retter aus Gründen der Bewegungsfreiheit beim Einsatz auf die vorgeschriebene Rettungsweste verzichten.