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8. August 1975: Auf den Tag genau vor 40 Jahren raste eine Feuerwalze durch die Heide und vernichtete 13.000 Hektar Wald und Heide.
8. August 1975: Auf den Tag genau vor 40 Jahren raste eine Feuerwalze durch die Heide und vernichtete 13.000 Hektar Wald und Heide.

Heute vor 40 Jahren: Heide-Inferno kostet sechs Menschen das Leben

Seit Wochen hat es nicht geregnet. Die Luft flimmert, es ist drückend heiß. 33 bis 35 Grad. Selbst die Nächte bringen längst keine Abkühlung mehr. Mensch und Natur leiden extem unter der Hitze im August 1975. Norddeutschland ist  ein Glutofen. Die Wälder sind knochentrocken, die Moore ausgedörrt, die Gräben trockengefallen. Beste Voraussetzungen also für ein unvorstellbares Feuer-Inferno, das heute vor genau 40 Jahren seinen Anfang nahm, sechs Menschen das Leben kostet und 13.000 Hektar Wald, Heide und Moor in den Landkreisen Gifhorn, Lüchow-Dannenberg und Celle vernichtet. 

kre Lüneburg. Auch für den damaligen Ortsbrandmeister Hermann Stelter aus Kirchgellersen werden in diesen Tagen die Ereignisse von damals wieder lebendig. Als Feuerwehrmann stand er mit an der Flammenfront. Im Gespräch mit der LZ erinnert er sich.

Es ist Sonntag, der 10. August, als um 18 Uhr in Kirchgellersen der Sirenenalarm losgeht. Großwaldbrand im Landkreis Gifhorn. Die alarmierten Kräfte aus Kirchgellersen, Bardowick und Neetze sammeln sich in Melbeck. Hier erfahren die Lüneburger auch, wo genau sie eingesetzt werden sollen, nämlich am Ortsausgang Neudorf-Platendorf zur Bekämpfung eines Moorbrandes. Doch schon der erste Einsatz zeigt die Schwierigkeiten und die Grenzen des Gerätes auf: Als die Tanklöschfahrzeuge aus Bardowick und Neetze von der Straße ins Gelände fahren wollen, fahren sie sich fest. Kameraden aus Kirchgellersen müssen sie freischleppen. Nicht das einzige Problem, mit dem Kräfte noch in den nächsten Tagen zu kämpfen haben.

Der 10. August geht als der schlimmste Tag im zehntägigen Kampf gegen die Feuerhölle in die Geschichte ein: Der Wind hat den fast gelöschten Brand bei Stüde im Landkreis Gifhorn wieder angefacht, weitere Brände brechen aufgrund der extremen Wetterlage in Lüchow-Dannenberg und Celle aus. Lüneburgs Regierungspräsident Dr. Rainer Frede löst Katastrophenalarm aus. Aus Leiferde bei Gifhorn ist ein neuer Brandherd gemeldet worden. Feuerwehrleute aus Wolfsburg rasen zum Brandort. Fünf von ihnen bezahlen den Einsatz mit ihrem Leben. Ihr Auto wird von allen Seiten von den Flammen umzingelt. Der Sauerstoff wird knapp, der Wagen springt nicht an. Zu Fuß wollen sich die Männer in höchster Not in in Sicherheit bringen. Zu spät! Sie ersticken. Kameraden finden wenig später die verkohlten Leichen. Zuvor ist schon Gifhorns Kreisbrandmeister im Einsatz einem Herzinfarkt erlegen.

Die Feuerwalze tötet und zerstört nicht nur, sie zeigt auch gnadenlos die damaligen Mängel und das heillose Durcheinander im deutschen Katastrophenschutz auf: Kompetenzggerangel, unzureichende Nachrichtenverbindungen und Verständigungsschwierigkeiten sowie Fehleinschätzungen der Lage. Löschfahrzeuge werden ohne Funkverbindung in die Flammen geschickt, von Bundeswehr und anderen Hilfsorganisationen errichtete Funkverbindungen brechen zusammen.

Ein Problem, mit dem auch die Feuerwehrmänner aus dem Landkreis Lüneburg zu kämpfen haben: Es gibt keine Funkverbindungen zur Einsatzleitung, man musst sich so behelfen. Auch die Ablösung erschöpfter Kräfte funktioniert erst nach 24 Stunden. Auch eine geregelte Versorgung und Unterbringung können sich die Feuerwehrmänner in diesen Tagen nur wünsche: „Die Männer haben auf der Wiese geschlafen.“ Stelter erkennt, dass das so nicht funktioniert. Statt die Ganze Truppe erschöpft nach Lüneburg in ihren Einsatzwagen zurückfahren zu lassen, schlägt der Kirchgellerser Ortsbrandmeister , „Shuttlefahrten“ mit einem Mannschaftstransportwagen vor. Dann können die wenigen Tanklöschfahrzeuge vor Ort bleiben, wo sie mehr gebraucht werden.

Die Meldungen überschlagen sich jetzt fast minütlich. Luftbeobachgter Heidulf Mastalerz meldet einen neuen Waldbrand ungeheuren Außmaßes bei Eschede im Landkreis Celle. Von Löschkräften keine Spur.

Am Dienstag, 12. August, müssen Kräfte aus Artlenburg, Barendorf, Dahlenburg, Lüneburg , Melbeck und Kirchgellersen erneut ausrücken. Im Gartower Forst ist ein Waldbrand außer Kontrolle geraten. Erst nach zwei Tagen und zwei Nächten haben die Feuerwehrmänner die Lage in Nähe der Ortschaft Nemitz unter Kontrolle.
Insgesamt waren im August 1975 mehr als 13 000 Feuerwehrleute mit 550 Fahrzeugen aus neun Bundesländern, 5000 Helfer und 30 Fahrzeuge des Technischen Hilfswerks, 2 650 Helfer und 300 Fahrzeuge vom DRK, ASB, Malteser- und Johanniter-Hilfsdienst im Einsatz. Außerdem 11000 Soldaten, 1 800 Radfahrzeuge, 360 Kettenfahrzeuge und 60 Hubschrauber der Bundeswehr, drei Löschflugzeuge des Französischen Zivilschutzes sowie Bundesgrenzschutz, Polizei und britische Rheinarmee.

Rauchverbot  im Wald

Die Waldbrandgefahr ist wieder hoch. „Das sehr warme und trockene Wetter lässt die Waldbrandgefahr im Niedersächsischen Landeswald wieder deutlich ansteigen“, warnt Rainer Baumgart, Sprecher der Landesforsten. Ab der Waldbrandgefahrenstufe drei wird die Waldbrandüberwachungszentrale in Lüneburg besetzt. Von hier aus wird mit insgesamt 20 hochmodernen Waldbrandüberwachungskameras eine Waldfläche von 440.000 Hektar überwacht. Wird eine Rauchentwicklung lokalisiert, erfolgt eine automatische Meldung an die Zentrale. Hier wertet das fünf-köpfige Expertenteam die Livebilder aus und alarmiert.
Jetzt gilt in und am Wald:

— kein offenes Feuer
— Grillen nur auf Grillplätzen
— bis 31. Oktober ein allgemeines Rauchverbot
— Autos mit Katalysatoren nicht über trockenem Gras abstellen
— keine Zigarettenkippen aus dem Auto werfen,
— jeden Waldbrand unter der Notrufnummer 112 sofort melden

Katastrophenschutz optimiert

Behörden und Katastrophenschützer haben aus der Waldbrand-Desaster ihre Lehren gezogen: Die Wehren verfügen über mehr Allradfahrzeuge, über Vielkanal-Funkgeräte, Bundeswehr- und Waldbrand-Einsatzkarten.
Sie könne Wasser aus in der Erde gelassenen ausrangierten Öltanks mit bis zu 100.000 Litern Fassungsvermögen zapfen, aus Seen, Fischteichen und Kiesgruben.
Auch das Waldbrandfrüherkennungssystem wurde optimiert, mit Hilfe von hochmodernen Kameras. Außerdem ist Lüneburg der Feuerwehrflieger stationiert. Ausbildung und Ausrüstung der Wehren wurden optimiert und das Brand- und Katastrophenschutzgesetz neu geregelt.

Brandschutz durch Waldumbau

Auch waldbaulich hat sich einiges getan: Waldbrandschutz durch Waldumbau lautet die Devise, denn: Kiefernbestände gelten bis zu einem Alter von etwa 50 Jahren als hochgradig waldbrandgefährdet. In dicht stehenden Jungbeständen können aufgrund von absterbenden Ästen und Harzen die gefürchteten Vollfeuer entstehen, die durch gefährlichen Funkenflug andernorts wieder neue Brandherde verursachen. Um das Feuerrisikio zu minimieren, setzen die Landesforsten auf strukturreiche Mischwälder durch Durchforstung, durch Naturverjüngung und durch das gezielte Anpflanzen von Laubbäumen. „Eine Waldbrandgefährdung besteht in solchen Beständen nur noch bei extremer Trockenheit“, sagt Waldexperte Reiner Baumgart.

Aus dem LZ-Archiv:

>>> Wenn die Heide glüht
>>> Die Heide eine einzige Flammenhölle
>>> 08