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Johannes Georg Tyczka ist glücklich, dass er sich im Alter mit Themen intensiver befassen kann, die ihn schon als Jugendlicher interessiert haben. Als Gasthörer hat er Seminare in Englisch, Geschichte und Philosophie belegt. Foto: t&w
Johannes Georg Tyczka ist glücklich, dass er sich im Alter mit Themen intensiver befassen kann, die ihn schon als Jugendlicher interessiert haben. Als Gasthörer hat er Seminare in Englisch, Geschichte und Philosophie belegt. Foto: t&w

Silberrücken im Hörsaal — Johannes Georg Tyczka studiert an der Leuphana

cec Lüneburg. Zahlen, Daten, Fakten darum drehte sich das Berufsleben von Johannes Georg Tyczka. Der 72-jährige Verfahrensingenieur war als Lebensmitteltechnologe in der Getränkeindustrie tätig, zuerst in der Technik, später im Export. Heute, als Rentner, haben seine Inhalte eine ganz andere Richtung genommen, befasst er sich mit großen Geistern wie Aristoteles und Platon, englischer Literatur oder der Entstehung der konservativen Partei in Preußen nach 1848. Tyczka gehört zu den 115 Studenten, die an der Leuphana als Gasthörer studieren. Eine komfortable Situation: Ohne den Druck von Klausuren und Credit Points kann er ganz seinen Interessen nachgehen, sofern es seine Zeit erlaubt.

„Das Rentnerdasein ist ja häufig eine schlichte und trostlose Sache“, sagt Tyczka und meint damit vor allem die Leere, die nach dem Wegbrechen der beruflichen Verantwortung eingetreten ist. „Ich könnte ja jetzt den ganzen Tag Dias und Fotos sortieren, aber das ist mir zu langweilig, ich möchte etwas geistig Anspruchsvolles machen“, umschreibt der zweifache Vater und „Luxus-Opa, weil meine Kinder weiter entfernt wohnen“, seine Motivation, noch einmal Hörsaalluft zu schnuppern. Technik und Naturwissenschaften hat er als Jugendlicher am humanistischen Gymnasium in Bad Godesberg eigentlich wenig abgewinnen können, ihn fesselten Fächer wie Geschichte, Politik, Englisch und Griechisch. Dennoch entschied er sich für eine Ingenieursausbildung, aus pragmatischen Gründen. „Wenn du jetzt Englisch und Geschichte studierst, schreibst du irgendwann aus 12 Büchern zu einem Thema das 13.“, habe er sich damals vor Augen geführt. Stattdessen nahm er sich eine Liste mit technischen Berufen und den dazugehörigen Voraussetzungen vor und wählte Brauereitechnik, weil dort die Biologie eine große Rolle spielt, das einzige naturwissenschaftliche Fach, das ihn sehr interessierte.

Es folgte eine typische Ingenieurskarriere in der Getränkeindustrie, Labor, Betriebstechnik, später plante und kalkulierte Tyczka als verantwortlicher Ingenieur für ein Hamburger Unternehmen den Bau von Brauereianlagen im Ausland. Sein letzter Arbeitgeber ging 2002 in die Insolvenz und der damals 59-Jährige in die Arbeitslosigkeit und anschließende Rente, in der er die Herausforderungen und Fragen des Arbeitslebens vermisste und sich darum neue suchte zum einen als ehrenamtlicher Mitarbeiter im Lüneburger Brauereimuseum, zum anderen an der Leuphana. Für 102 Euro pro Semester darf er hier als Gasthörer vier Stunden in der Woche Seminare und Vorlesungen belegen, hätte er mehr Zeit zur Verfügung, könnte er auch aufstocken auf acht Stunden für 153 Euro. Für Flüchtlinge ist das Gasthörerprogramm kostenlos.

Aus einem Extra-Vorlesungsverzeichnis sucht er sich Themen heraus, die ihn als Jugendlicher interessiert haben, für die er sich aber erst jetzt reif genug fühlt. Leidenschaftlich gerne beschäftigt er sich mit Geschichte, Englisch und Philosophie, belegt etwa Veranstaltungen wie „Living With Uncle Sam“, in der es um die Abgrenzung der kanadischen zur US-amerikanischen Kultur geht, oder „Management und Philosophie“. Platons Höhlengleichnis zum Beispiel, erinnert sich der Rentner, da sei er als Schüler froh gewesen, wenn er es im Griechisch-Unterricht habe übersetzen können, von Verstehen könne aber keine Rede gewesen sein. „Heute habe ich viel mehr Verständnis und finde es unglaublich faszinierend.“

Anders als während seines ersten Studiums empfindet Tyczka auch den Umgang von Professoren und Studenten. „Es ist mehr Miteinander als Gegeneinander und die Studenten haben auch eine enorme Zugewandtheit uns gegenüber“. „Uns“ meint die meist älteren Gasthörer. „Es heißt zwar Gaststudium, es sind aber fast alles Silberrücken“, sagt der Senior und schmunzelt. Und die täten gut daran, sich in den Veranstaltungen mit ihrem Wissen auch mal zurückzuhalten. Von Lehrenden habe er gehört, dass sie Gaststudenten aufgrund Besserwisserei auch schon mal haben zurechtweisen müssen. „Aber ich bin mir stets bewusst, dass ich dort Gast bin.“

2 Kommentare

  1. Auch wenn das Bildungsinteresse eines Einzelnen – unabhängig des Alters – immer sehr löblich ist, so sollte dies doch auch mit einer gewissen Reflektion einhergehen.

    Spätestens dann, wenn Kapazitäten (räumlich technisch, personell) in Anspruch genommen, die dann an anderer Stelle ggf. fehlen, da fest eingeschriebene Studierende keinen Platz im Hörsaal bekommen wird dies bedenklich.

    Ebenso könnten die Gasthörer-Plätze für mehr ausländische Studierende oder Flüchtlinge besser genutzt werden. Es geht hier nicht darum, die „Alten“ von der Uni zu verbannen, denn Sie können ja auch Lebens- und Berufserfahrung an die jüngere Generation weiter geben. Jedoch gibt es hier sicherlich bessere Wege als die über die Gasthörerschaft.

    Das sich der Herr in dem Artikel bewusst ist, dass er „Gast“ an der Uni ist, trifft erfahrungsgemäß leider auf die wenigsten zu. Die kontinuierliche Besserwisserei und das „sich-gerne-selber-reden-hören“ (egal ob es zum Thema passt oder nicht) ist in dieser Altersgruppe leider sehr ausgeprägt.

    Wie erwähnt, wäre hier eine deutlichere Reflektion wünschenswert.

    • Deutschland, deine Erzieher

      Die Kindergärtnerin im Hof singt »Backe, backe Kuchen«, kommt bei den sieben Sachen, die man zum Backen guten Kuchens brauche, aber nur auf »Eier und Schmalz, Milch und Mehl« sowie Safran. Das wird nicht nur ein sehr fader Kuchen, so wird bei den Kindern auch die Grundlage für eine lebenslange Matheschwäche gelegt. Die Folgen lassen sich leicht ausmalen: Schulabbruch, Bäckerlehre, Entlassung wegen fader Backwerke, schließlich zweiter Bildungsweg und Ausbildung zum Erzieher. Zukünftigen Generationen bleibt nur die Hoffnung auf den endgültigen Sieg der Aufbackwarenketten, um diesen Teufelkreis zu durchbrechen. Oder die auf das Ende der Mathematik als Schulfach. O tempora, o mores!