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Führerscheinprüfungen sind Extremsituationen, nicht nur für den Prüfling. Fahrlehrer Mehmet Karasu (r.) beklagt sich aber über Prüfer, die in seinen Augen willkürlich die Fahrkunst der Prüflinge bewerten. Foto: t&w
Führerscheinprüfungen sind Extremsituationen, nicht nur für den Prüfling. Fahrlehrer Mehmet Karasu (r.) beklagt sich aber über Prüfer, die in seinen Augen willkürlich die Fahrkunst der Prüflinge bewerten. Foto: t&w

Willkür bei der Fahrprüfung? — Vorwürfe gegen TÜV Nord

us Lüneburg. Mehmet Karasu ist sauer. Seit 23 Jahren ist er Fahrlehrer, schon in Bielefeld und Freiburg im Breisgau hat er Fahrschüler auf die Prüfung vorbereitet. Doch Situationen wie in Lüneburg habe er noch nicht erlebt. Seine harsche Kritik richtet sich gegen den TÜV, genauer gegen Mitarbeiter, die am Ende der Führerscheinausbildung die Prüfung abnehmen. „Ich habe den Eindruck, dass Prüfungen von der Tagesform der Prüfer abhängen“, sagt der 48-Jährige, der seit fünf Jahren eine Fahrschule im Landkreis betreibt und zum Rundumschlag ausholt: Er wirft gar einigen Prüfern mangelnde Kenntnis der Straßenverkehrsordnung vor. Kritik, die der TÜV postwendend zurückweist.

„Es gibt eine Prüfungsrichtlinie, danach wird geprüft,“sagt Ulrich Nolte, stellvertretender Regionalleiter beim TÜV Nord und ebenfalls Prüfer. Bei nicht eindeutigen Entscheidungen werde in der Regel noch vor Ort das Gespräch mit dem Fahrlehrer gesucht. „Unsere Prüfer müssen an fünf Tagen pro Jahr zu Fortbildungen. Wer daran nicht teilnimmt, bekommt eine Erinnerung. Passiert auch danach nichts, ruht die Prüferlaubnis.“ Im Übrigen könne er die Vorwürfe nicht nachvollziehen.

Stein des Anstoßes bei den Prüfungen soll unter anderem dieses Schild gewesen sein. Foto: t&w
Stein des Anstoßes bei den Prüfungen soll unter anderem dieses Schild gewesen sein. Foto: t&w

Bei offiziellen Beschwerden „auch das kommt mal vor, aber es sind sehr wenige“ , muss der Prüfer eine Stellungnahme abgeben, sagt Nolte. Sollte sich dabei zeigen, dass der Prüfer falsch geurteilt hat, werde die Prüfung nachträglich anerkannt, „aber nur, wenn die Prüfung zu Ende gefahren wurde“. Im anderen Fall muss die Abnahme wiederholt werden, dann entfallen aber die Prüfgebühren. Auch gehe es den Prüfern nicht darum, Fahrschüler hereinzulegen. „Wenn ich davon höre, gibt es intern eine Ansage“, wird Nolte deutlich. Und: Sollte ein Prüfer den Toleranzbereich bei den Durchfallquoten überschreiten, finde ein klärendes Gespräch mit dem jeweiligen Mitarbeiter statt.

Fahrlehrer Karasu hält dagegen mit einem Beispiel, das sich nach seiner Erinnerung so zugetragen hat: „Laut Straßenverkehrsordnung muss ein Fahrzeug bei einer abknickenden Vorfahrt anhalten, wenn hinter der Abknickung ein Fußgänger die Straße überqueren will. Der Prüfer aber sah das anders, bewertete es als Fehler, als der Prüfling anhielt. Die Straßenverkehrsordnung sagt aber etwas anderes aus.“ Und er legt nach: Bei einer Pkw-Fahrprüfung mit Anhänger bog der Prüfling vor einem Schild mit dem Hinweis „Durchfahrt verboten für vierrädrige und zweirädrige Kraftfahrzeuge“ und dem Zusatzschild „600 m“ rechts ab. Ein Fehler, wie der Prüfer danach geurteilt haben soll, der Prüfling hätte weiterfahren müssen, da es keine anderslautende Anweisung gegeben habe. Für Karasu ergibt es jedoch keinen Sinn, „einen Pkw mit Anhänger in eine solche Straße hineinfahren zu lassen. Im Gegenteil, das Verhalten des Fahrschülers war doch vorausschauend.“ Hinzu komme, dass er seinem Schüler diese Situation anders erklärt habe und er nun blamiert dastehe. „Das ist meinem Ruf abträglich.“

Mehmet Karasu sagt, er kenne weitere Beispiele. „Ich verlange ja gar nicht, dass alles hundertprozentig sein muss, aber wenigstens sollte es TÜV-intern einheitlich gehandhabt werden.“ Er habe sich deshalb auch schon an den TÜV Nord gewandt, bis heute aber keine Reaktion erhalten.

Ihm gehe es nicht darum, die Arbeit des TÜV generell zu kritisieren, „vieles läuft da problemlos“, sagt Karasu. Auch sei es nicht etwa eine zu hohe Durchfallerquote, die ihn antreibe. Im Übrigen sei er nicht der Einzige, der Probleme habe: „Ich kenne Kollegen, die es ähnlich sehen, sich aber nicht äußern, weil sie Angst vor möglichen Konsequenzen haben.“ Ein Fahrlehrer äußerte dann doch gegenüber der LZ Kritik, die sich eng an die von Mehmet Karasu vorgebrachten Punkte anlehnt. Namentlich genannt werden aber wollte der lieber nicht.

Andere Fahrerlehrer dagegen sehen es anders und stärken den Prüfern den Rücken. „Die Prüfer sind nicht unsere Feinde, das sage ich auch immer unseren Fahrschülern“, versichert Fahrlehrer Alfred Kautz. Seit 27 Jahren schult er in Lüneburg. Natürlich gebe es auch mal umstrittene Situationen, die er aber mit dem Prüfer direkt kläre. Auch habe manch ein Prüfer ein „Steckenpferd“, der eine achte mehr auf den Sicherheitsabstand, der andere auf die korrekte Geschwindigkeit bei der Abfahrt von der Ostumgehung, „doch darauf stellt man sich ein“. Uneinheitliches oder willkürliches Vorgehen der Prüfer kenne er nicht.

Ein „deutliches Nein, keine Probleme“ kommt auch von Fahrlehrer Dierck Schaack. „Es gibt eindeutige Prüfungsrichtlinien, und danach wird hier in Lüneburg geprüft. Einigen Fahrschulen gefällt das nicht, doch das hat nichts mit den Prüfern zu tun.“

2 Kommentare

  1. Mir wurde auch berichtet, das frauenfeindliche Äußerungen bei einer Prüfungsfahrt gemacht wurden!
    Aus Angst – da die Prüfung nicht bestanden wurde und man ja abhängig von den
    Herren ist – nichts gesagt wurde! Die sitzen am längeren Hebel!!!

  2. Ich denke da irrt Herr Karasu. Wenn ich der abknickenden Vorfahrt folge, befinde ich mich weiterhin auf der Hauptstraße und vollziehe somit keinen Abbiegevorgang gemäß §9(3) StVO (ich folge einfach der Vorfahrtstraße). Somit bin ich auch nicht verpflichtet, einem Fußgänger Vorrang zu geben, wenn er hinter der abknickenden Vorfahrt die Straße überqueren will (sofern dort nicht zufällig ein Fußgängerüberweg beschildert ist).

    Und auch bei der durchfahrtsbeschränkten Straße kann ich nicht zustimmen. Es ergibt sehr wohl einen Sinn, einen Fahrschüler dort reinfahren zu lassen. Der Prüfer hätte dort z.B. die Gelegenheit gehabt, um den Fahrschüler in 600 Metern das Wenden mit dem Anhänger durchführen zu lassen. Oder er wollte sehen, ob der Prüfling nach 600 Metern wirklich anhält, wenn ihm keine weiteren Anweisungen gegeben werden. Man darf als Prüfling übrigens ruhig nachfragen, wenn Fahranweisungen unklar sind. Auch dadurch kann ein Prüfer erkennen, ob die Beschilderung richtig erkannt wurde. Einfach eigenmächtig woanders langfahren ist jedenfalls keine gute Idee. Ob das dann gleich zum Durchfallen führen muss, steht auf einem anderen Blatt.