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Die gelbe Invasion -- nicht nur in Oedeme fragt man sich: Wohin mit dem Jakobskreuzkraut? Foto: t&w
Die gelbe Invasion -- nicht nur in Oedeme fragt man sich: Wohin mit dem Jakobskreuzkraut? Foto: t&w

Wenn „Stalins Rache“ zur Gefahr wird — Giftpflanzen vermehren sich

Ob Herkulesstaude oder Jakobskreuzkraut, die giftigen Pflanzen vermehren sich zusehends und werden nicht nur in den Wäldern für Förster zur wachsenden Herausforderung. Zwei aktuelle Beispiele aus Adendorf und Oedeme zeigen wie Privatpersonen aktiv werden, um ihre Mitbürger zu warnen oder sogar zur Bekämpfung der nicht heimischen Pflanzen in der Nähe von Siedlungsbereichen aufrufen.

dth Adendorf. Aus Sorge um die Gesundheit spielender Kinder oder um Hundehalter, die mit ihren Schützlingen in dem Bereich der ehemaligen Gärtnerei Gassi gehen, warnte der Adendorfer Sascha Kierzkowski die Anwohner im Wohngebiet Sternengrund mit einem Faltblatt vor der Herkulesstaude, auch Riesen-Bärenklau oder „Stalins Rache“ genannt. Wie kürzlich berichtet, gehört die Staude zu den Neophyten, die sich zunehmend unkontrolliert auch in hiesigen Waldgebieten vermehren. Der Pflanzensaft kann unter Einwirkung von Sonnenlicht auf der Haut schmerzhafte Verätzungen hervorrufen. Das verwilderte Areal in Adendorf, südlich des Bardowicker Weges, wurde nun auf Initiative der Gemeinde Adendorf abgesperrt. Zwar verschwindet damit auch ein bei Anwohnern beliebter Spazierweg hinter Maschendrahtzaun, aber das Areal soll mittelfristig ohnehin Bauland werden.

Der 41 Jahre alte Kfz-Mechaniker Kierzkowski hatte sich kürzlich in Lüneburg einen Schrebergarten zugelegt und war auf der Suche nach Silberdisteln. Kierzkowski sagt: „Einige sehen das als Unkraut an, aber die Distel blüht schön und ist interessant für Bienen und Schmetterlinge.“ Bei der Pflanzensuche entsann er sich des alten Adendorfer Gewächshauses aus seiner Jugendzeit in der Nähe der Bunsenstraße, heute steht von der Konstruktion nur noch ein Gerippe. Eine interessante Wildpflanze hat er auch entdeckt, aber solche, die wirklich niemand in seinem Garten haben möchte: mehr als 30 Herkulesstauden.

Mit Flyern warnte er die Anwohner („Bitte halten Sie ihre Tiere und Kinder von dem alten verlassenen Gewächshaus fern“) und informierte die Gemeinde Adendorf. Ordnungsamtsleiter Tim Conrad setzte die Mitarbeiter des Bauhofs in Bewegung, sie machten insgesamt 35 Stauden den Garaus. Ein Privateigentümer, dem eine Teilfläche gehört, errichtete im Gegenzug einen rund 125 Meter langen Maschendrahtzaun entlang des Geländes an der Bunsenstraße und der Daimlerstraße.

Doch zur Beseitigung der Pflanzen sagt Kierzkowski: „Sie haben nur die großen Pflanzen abgeschnitten. Dabei hilft nur Gift oder Ausgraben. Die Pflanze bringt jetzt eine Notblüte hervor und die Samen werden von keinem Zaun aufgehalten.“

Dazu sagt Ordnungsamtsleiter Conrad: „Richtig gefährlich ist der direkte Hautkontakt mit der Herkulesstaude, deshalb war uns zunächst daran gelegen, die Pflanzen an der Oberfläche zu beseitigen und den Zutritt zum Gelände zu verhindern.“ Ein Teil der insgesamt 4866 Quadratmeter großen Fläche südlich des Bardowicker Weges ist seit vergangenem Jahr in Eigentum des DLRG-Kreisverbands, ein Abschnitt in privater Hand und einer weiterhin in Eigentum der Gemeinde. Bis zum Ende des Jahres werde aber das Gesamtareal laut Conrad ohnehin Bauland. Deswegen sei ein erneutes Austreiben der Herkules-Staude nicht zu befürchten. Denn: „Wenn dort gebaut wird, muss sowieso alles gerodet werden.“

Bloß nicht einfach mit dem übrigen Gartenabfall entsorgen

In voller Blüte steht seit wenigen Wochen vielerorts auch das bei Verzehr giftige Jakobskreuzkraut (LZ berichtete), das nicht nur für den Menschen, sondern vor allem für Weidetiere eine Gefahr darstellt. Um der flächendeckenden Verbreitung zumindest an einigen Stellen Einhalt zu gebieten, hat Elke Schröder beherzt – mit Schutzhandschuhen bewehrt – zugegriffen, reihenweise die giftigen Korbblütler ausgerissen. Und zwar entlang des Feldwegs zwischen Oedeme und Rettmer.

Säckeweise hat Elke Schröder das giftige Jakobskreuzkraut zwischen Oedeme und Rettmer ausgerissen. Auch auf Kinderspielplätzen verbreiten sich die nicht-heimischen Pflanzen. Foto: t&w
Säckeweise hat Elke Schröder das giftige Jakobskreuzkraut zwischen Oedeme und Rettmer ausgerissen. Auch auf Kinderspielplätzen verbreiten sich die nicht-heimischen Pflanzen. Foto: t&w

Rund zehn große Säcke hat sie damit gefüllt und wusste zunächst nicht, wohin damit. Kompost, Bio- oder Hausmüll? Hubert Ringe vom Müllentsorger GfA weiß Rat: „Giftige Pflanzen wie Herkulesstaude, Jakobskreuzkraut oder Ambrosia werden bei uns abgenommen und im Kompostwerk abgeladen. Dort erreichen wir, anders als beim Kompost zu Hause, über einen längeren Zeitraum Kompostierungs-Temperaturen von mindestens 75 Grad, dabei werden auch die Samen zerstört.“

Die Pflanzen sollten, nicht nur bei größeren Mengen, getrennt vom „ungefährlichen“ Gartenabfall abgegeben werden. Wer die Problem-Pflanzen zur GfA bringt, muss das am Deponie-Eingang anmelden. Zum Schutz der Deponie-Mitarbeiter, die sonst mit den giftigen Pflanzenteilen in Kontakt kommen könnten. Die Neophyten werden dann gesondert im Biokomposter behandelt.

Mehr zahlen müssen die GfA-Kunden für diesen zusätzlichen Aufwand nicht: „Die Gebühr ist die gleiche wie für den gewöhnlichen Gartenabfall.“ Für bis zu einen Kubikmeter sechs Euro. „Das demotiviert doch die Leute, sich zu bücken“, meint aber Elke Schröder zur Gebühr, schließlich kommen die entsorgten Giftpflanzen von öffentlichen Flächen und nicht aus ihrem Garten. Doch sie macht weiter. „Die Samen machen sich schon abflugbereit, wenn wir jetzt nicht agieren, kriegen wir das nie in den Griff.“

Elke Schröder ist kürzlich in den „Arbeitskreis Jakobskreuzkraut“ eingetreten. Für 25 Euro Jahresbeitrag hat sie unter anderem Faltblätter erhalten, um die Anwohner zu warnen. „Schließlich wächst das Zeug schon auf Kinderspielplätzen.“ Im Landkreis Lüneburg ist der Arbeitskreis Jakobskreuzkraut schon länger aktiv. Dessen stellvertretende Vorsitzende Karin-Ose Röckseisen wirbt ebenfalls dafür, möglichst viele der Kreuzkrautpflanzen auszureißen, um die Vermehrung zu reduzieren. Die Erkennungsmerkmale: Die Pflanze ist 50 bis 150 Zentimeter hoch, ihre Blütendolden haben viele kleine gelbe Korbblüten, jede Blüte hat 13 Blütenblätter. Die Stängel sind oft violett gefärbt, die dunkelgrünen Blätter sind zudem unregelmäßig gefiedert. Weitere Informationen gibt es hier. kre/dth