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Die ersten Kühe sind vor gut einem Jahr in den neuen Stall der Ahndorfer Milchbauern Marika Reiche und Jens Timmermann umgezogen. Um den Stall auszulasten, wollten sie neue Kühe kaufen. Doch bei den niedrigen Milchpreisen sind ihnen die Hände gebunden. Foto: phs
Die ersten Kühe sind vor gut einem Jahr in den neuen Stall der Ahndorfer Milchbauern Marika Reiche und Jens Timmermann umgezogen. Um den Stall auszulasten, wollten sie neue Kühe kaufen. Doch bei den niedrigen Milchpreisen sind ihnen die Hände gebunden. Foto: phs

Landwirtschaftsminister Christian Meyer: „Der Milchmarkt brennt“

Sechs Jahre ist es her, dass Lüneburgs Milchbauern auf die Straße gegangen sind und ihre Milch aus Protest gegen die niedrigen Preise in den Ausguss gekippt haben. Jetzt ist der Milchpreis erneut im Keller, die Verzweiflung unter den Bauern groß und ein Ende des Abwärtstrends nicht in Sicht. „Der Milchmarkt brennt“, sagt Niedersachsens Landwirtschaftsminister Christian Meyer im Sommer-Interview mit der LZ. Doch ob die Lösung, die der Grüne präsentiert, funktioniert? Die Meinungen unter Lüneburgs Milchbauern sind gespalten.

off Lüneburg. 26 Cent. So viel hat ihm die Molkerei im letzten Monat für den Liter Milch bezahlt. 24 Cent, heißt es, werden es bei der nächsten Abrechnung sein. Wie tief der Preis danach noch fällt, darüber streiten die Experten. „Manche meinen, die Krise hält bis zum Herbst an“, sagt Milchbauer Jens Timmermann, „andere sagen, sie dauert mindestens noch bis nächsten Sommer.“ Rote Zahlen schreibt der Landwirt mit der Milcherzeugung schon seit drei Monaten. „Weniger als 34 Cent pro Liter reichen für uns vorne und hinten nicht“, sagt er, „das heißt, wir arbeiten schon seit Wochen umsonst und quälen uns von einem Monat zum anderen.“

Vor einem Jahr war der Ahndorfer noch zuversichtlich, er hatte einen neuen Stall gebaut, wollte das Ende der Milchquote im April nutzen, um zu wachsen. „Jetzt haben wir noch nicht mal das Geld, um neue Kühe zu kaufen“, sagt Timmermann. Es geht ihm wie derzeit allen Milchbauern egal ob sie 60 oder 600 Kühe im Stall haben die schlechten Preise bedrohen ihre Existenz. Wie schlimm es noch wird, weiß derzeit niemand. Auch Niedersachsens Agrarminister Christian Meyer nicht. Er muss ebenfalls zusehen, wie ein Milchbauer nach dem nächsten aufgibt. Dabei glaubt er, den richtigen Weg aus der Krise zu kennen.

„Noch liegt die Milchproduktion in Deutschland vor allem in der Hand bäuerlicher Familienbetriebe“, sagt Meyer. „Und damit das so bleibt, muss sich endlich etwas ändern.“ Er fordert, dass ebenso wie auf dem Zuckermarkt interveniert wird, sobald der Milchpreis unter ein bestimmtes Niveau fällt. „Aber nicht mit Exportsubventionen“, so der Minister, „sondern mit Mengenreduzierungen.“

Meyers Forderung deckt sich mit der des Bundesverbandes Deutscher Milchbauern (BDM): Ist zu viel Milch auf dem Markt und der Preis im Sinkflug, muss weniger produziert werden. „Landwirte können die Milchmenge ihrer Kühe zum Beispiel über die Fütterung steuern“, sagt Meyer. Doch dafür müsse es Anreize geben. Seine Vorstellung und die des BDM: „Diejenigen, die in Krisensituationen freiwillig weniger Milch produzieren, erhalten von denen, die mehr Milch produzieren, eine Ausfallzahlung.“ Ein Konzept, das bei den Milchbauern in der Region sowohl Hoffnung als auch Skepsis weckt.

Als Vorsitzender des BDM im Kreis verteidigt Milchbauer Ottfried Wolter die Idee. „Wir haben eine Krise, weil zu viel Milch auf dem Markt ist“, sagt er. Und obwohl sich der Preisabsturz abzeichnete, „hat niemand etwas unternommen“. Hätte eine Marktbeobachtungsstelle rechtzeitig Alarm geschlagen, hätten die Bauern auf EU-Ebene nur fünf Prozent weniger Milch erzeugt, „müssten wir heute nicht schon wieder um unsere Existenz bangen“.

Damit das funktioniert, müssen Politik und Bauern EU-weit an einem Strang ziehen. Doch Bund und EU haben sich laut Meyer auf die Position zurückgezogen, der Markt reguliert sich selbst, das Höfesterben sei der übliche Strukturwandel. „Allein auf Landesebene sind uns oft die Hände gebunden“, sagt der Minister. „Ich kann ja keine Mengenregulierung nur für Niedersachsen einführen.“

Gleichzeitig sind auch nicht alle Milchbauern von dem Konzept überzeugt. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Solidargemeinschaft für dieses Konzept funktioniert“, sagt Milchviehhalter Alfred Ritters aus Barförde. „Jemanden fürs Nichtstun zu bezahlen, das kann man doch keinem verkaufen.“ Hinzu käme, dass es so einfach nicht geht, wie es sich der Minister vorstellt: Weniger Futter, gleich weniger Milch. „Kühe sind Hochleistungstiere und keine Maschinen, wenn wir denen einfach die Energie kürzen, werden sie krank.“ Milchmenge ließe sich aus seiner Sicht nur über den Tierbestand regulieren, „das heißt, für weniger Milch müssen mehr Kühe zum Schlachter.“

Ritters glaubt an einen anderen Weg. „Wir müssen uns als Erzeuger zusammenschließen, um mehr Macht gegenüber dem Handel zu besitzen.“ Mit der Gründung der Norddeutschen Milcherzeugergemeinschaft (NordMeG) haben er und andere Bauern 2012 den ersten Schritt gemacht. „Doch um damit eine Krise zu verhindern, sind wir noch zu klein.“ Mindestens 60 Prozent aller deutschen Milchbauern müssten an einem Strang ziehen, „dann hätten wir vielleicht Chancen, uns zu behaupten“.

Ob es gelingt, mit einem der Konzepte der nächsten Krise vorzubeugen, den Milchmarkt auf Dauer zu stabilisieren? Milchbauer Jens Timmermann kann es nur hoffen. „Mit dem neuen Stall haben wir uns für eine Zukunft als Milcherzeuger entschieden“, sagt er, „doch wenn es mit dem Preisverfall so weitergeht, eine Krise die nächste jagt, wird es schwer, diese Zukunft zu halten.“

Die Träume des Agrarministers

Von gerechter Tierhaltung, Freilandschweinen und mehr Nachhaltigkeit: Christian Meyer über zweieinhalb Jahre Amtszeit

Agrarminister Christian Meyer ist mit dem, was er in zweieinhalb Jahren Amtszeit erreicht hat, „sehr zufrieden“. Trotzdem gibt es auch Enttäuschungen, eine ist, „dass wir mit der Stabilisierung des Milchmarktes nicht vorankommen“. Foto: t&w
Agrarminister Christian Meyer ist mit dem, was er in zweieinhalb Jahren Amtszeit erreicht hat, „sehr zufrieden“. Trotzdem gibt es auch Enttäuschungen, eine ist, „dass wir mit der Stabilisierung des Milchmarktes nicht vorankommen“. Foto: t&w

off Lüneburg. Die Hälfte seiner Amtszeit ist rum – und Niedersachsens Landwirtschaftsminister Christian Meyer zieht Bilanz. Im Interview mit der LZ spricht er über die größten Enttäuschungen, verrät, mit welchen Bauern er am liebsten Kaffee trinken würde und was ihm lieber ist, Fleisch oder Gemüse.

Was sind Ihre drei größten Erfolge als Landwirtschaftsminister?
Christian Meyer: Erstens, dass wir den Tierschutzplan der Vorgängerregierung fast eins zu eins umsetzen können, manchmal sogar noch schneller sind, wie bei dem Verbot des Schnabelkürzens bei Legehennen ab 2017. Ein zweiter wichtiger Erfolg ist die Umschichtung der Agrarförderung zugunsten kleiner und mittlerer Betriebe. Außerdem ist es uns gelungen, dass tatsächlich nur noch Landwirte und keine großen Konzerne wie Lufthansa mehr gefördert werden. Und drittens haben wir den Verbraucherschutz verbessert, das Kontrollnetz deutlich verstärkt.

Was sind die größten Enttäuschungen?
Meyer: Ich bedaure, dass wir mit einer Stabilisierung des Milchmarktes nicht vorankommen. Das ist frustrierend. Auch bei Pflanzenschutzmitteln mit dem Wirkstoff Glyphosat hätte ich gerne mehr Einfluss genommen und den Einsatz des Pflanzenschutzmittels grundsätzlich verboten. Immerhin haben wir als Landesregierung per Erlass eingeführt, dass Glyphosat von Kommunen nicht mehr auf öffentlichen Flächen eingesetzt wird. Enttäuschend finde ich auch, dass wir den Kommunen nicht mehr Einfluss bei der Steuerung von Stallbauvorhaben verschaffen können. Hier ist der Bund in der Pflicht: Er sollte endlich das Baugesetzbuch entsprechend ändern.

Wie wird Niedersachsens Landwirtschaft aussehen, wenn der erste grüne Landwirtschaftsminister Niedersachsens mal abtritt?
Meyer: Tiere werden gerechter gehalten, die Landwirtschaft insgesamt wird ökologischer sein. Wir werden die Umweltbelastungen in den Griff bekommen und die Landwirtschaft zu mehr Nachhaltigkeit bringen müssen. Außerdem müssen Landwirte von ihrer Arbeit besser leben können, Produkte endlich fair bezahlt werden.

Wenn Christian Meyer Landwirt wäre, was wären Sie für einer?
Meyer: Ein biologisch wirtschaftender Milchviehhalter mit Weidehaltung. Vielleicht würde ich eine seltene Rasse halten wie Rotes Höhenvieh am besten mit Hörnern. In letzter Zeit finde ich aber auch Freiland-Legehennenhaltung in fahrbaren Mobilställen durchaus spannend. Vielleicht wird das mein Plan für den Ruhestand. Zwei Bienenstöcke haben wir ja schon im Ministeriumsgarten.

Wenn Sie sich entscheiden müssten: Als welches landwirtschaftliche Nutztier möchten Sie wiedergeboren werden?
Meyer: Als Milchkuh in einem Bio-Betrieb, da lebt es sich vermutlich am besten. Oder als ein richtig schönes Freilandschwein, das sich draußen im Dreck suhlen kann und gut beschäftigt ist.

Was wäre Ihnen lieber? Kaffeetrinken mit einem konventionellen oder einem Bio-Bauern?
Meyer: Mit einem konventionellen Landwirt. Ich suche gerne den Dialog, höre gerne andere Meinungen und würde gerne mit ihm über die Zukunft der Landwirtschaft reden.

Acker oder Brachland?
Meyer: Acker. Denn wir brauchen die Nahrungsmittelproduktion. Natürlich brauchen wir auch mehr Naturschutz, aber da ist Brachland ohnehin nicht so besonders wertvoll. Dann lieber einen Blühstreifen für Bienen.

Lieber Rind oder Schwein im Stall?
Meyer: Rind.

10 oder 100 Kühe?
Meyer: 10. Aber nur, wenn der Milchpreis nicht bei unter 30 Cent, sondern eher bei mehr als 40 Cent liegt. Dann bin ich mit 10 Kühen glücklicher als mit 20.

Fleisch oder Gemüse auf dem Teller?
Meyer: Gemüse.