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Jörg Beck (l.) hält den Papiersack auf und Uwe Gamradt schaufelt Teile des Ameisenhügels behutsam hinein. Foto: be
Jörg Beck (l.) hält den Papiersack auf und Uwe Gamradt schaufelt Teile des Ameisenhügels behutsam hinein. Foto: be

Neues Refugium für ganzes Volk +++ Mit Video

dth Mechtersen/Dachtmissen. Im kleinen Maßstab hat Mechtersen dem Ort Dachtmissen zu einem Einwohneranstieg um gut 10000 verholfen: Die Rede ist von Roten Waldameisen. Die Gartenbesitzerin Eveline Mertens bangte zunehmend um ihr grünes Kleinod in Mechtersen, angesichts der wachsenden Population der streng geschützten Tierchen. Sie hatte zudem Kritik am Landkreis Lüneburg als Untere Naturschutzbehörde geübt, wegen mangelnder finanzieller Unterstützung bei der gebotenen Umsiedlung der Ameisen. Nach der „Invasion aus der Komposttonne“ rückten jetzt die ehrenamtlichen Helfer der Deutschen Ameisenschutzwarte (DASW) an. Jörg Beck aus Soltau und Uwe Gamradt aus Holm-Seppensen griffen zu Schaufeln, Tonnen und Papiersäcken und nahmen den Ameisenstaat mit. Ihm gewährt jetzt die Dachtmisserin Brigitte Lüdeke im Privatwald ein neues Refugium.

Was für ein Gewusel: Als Gamradt in die ehemalige Komposttonne blickt, schleppen Arbeiterinnen hektisch Blattschnipsel hier- und Tannennadeln dorthin. Als ob noch einmal schnell die Wohnung komplett umdekoriert werden soll, obwohl bereits Abrissbagger und Umzugswagen vor der Tür stehen. Auch im weiteren Umfeld des kleinen Hofstaats rennen Hunderte der Millimeter großen Sechsbeiner mit ihren dicken Unterleibern über graue Gehwegplatten und durch Beete und blitzschnell die Hosenbeine hinauf, außen wie innen. Vielleicht liegt es neben dem bevorstehenden Umzug auch am miesen Regenwetter, dass die Ameisen kaum Motivation haben zu beißen. Aber es krabbelt überall am Körper und nicht nur im übertragenen Sinne wie Ameisen.

Die DASW-Experten Gamradt und Beck lassen sich nicht irritieren. Mit Schaufeln heben sie vorsichtig Stück für Stück den Ameisenbau ab, um zunächst einzuschätzen, wie tief sich der Ameisenstaat im Erdreich fortsetzt. Für Menschen gilt: Haus bauen, Apfelbaum pflanzen. Hier ist es etwas anders: Erst wurde der Apfelbaum gepflanzt, und um den später verbliebenen Baumstumpf richteten sich die Roten Waldameisen häuslich ein. Der Stumpf soll auch das Fundament des neuen Heims bleiben.

Das lose Material inklusive Waldameisen füllen Beck und Gamradt vorsichtig in Papiersäcke und Kunststoff-Tonnen. Beck sagt, triefend vom Regenwasser: „Wir gehen davon aus, dass wir mehrere Ameisenköniginnen erwischt haben.“ Sie sind überlebenswichtig für den Wiederaufbau des Staates am neuen Standort. Ansonsten gilt: Der Ameisenstaat als Organismus muss als Ganzes erhalten bleiben, „der Rest sind Einzelschicksale“. Dann setzt Sebastian Blask den bestellten Mini-Bagger ratternd und tuckernd in Bewegung, schaufelt den freigelegten Baumstumpf aus dem Erdreich. Zusammen mit dem größten Teil des Ameisenbaus in Tüten und Tonnen landet der Stumpf auf der Ladefläche eines Autoanhängers. Der letzte Teil der Umsiedlung steht bevor.

Gamradt und Beck fahren sofort los nach Dachtmissen, dort wartet Waldbesitzerin Brigitte Lüdeke auf die Ameisen-Experten und führt sie in den Forst. Dort legen sie den Baumstumpf ab und türmen die gesammelten Werke, fernab des Weges, zu einem neuen, zirka halben Meter hohen Hügel auf. Nicht nur in und auf Hose und Hemd von Beck krabbelt es. Auch das Gewusel setzt wieder ein. Die Neuordnung der neuen Wohnstätte hat begonnen. Zum Abschluss verstreut Beck ein Pfund Zucker auf und um das Nest he­rum. Gamradt sagt: „Nach dem Umzugsstress müssen auch die etwas essen.“

Umsetzung muss genehmigt sein

Rote Waldameisen sind streng geschützt. Sie dürfen nicht beseitigt, getötet, ihr Lebensraum darf nicht zerstört werden. Ausnahmegenehmigungen für Notumsetzungen erteilt der Landkreis als Untere Naturschutzbehörde. Eine Umsetzung muss allerdings fachgerecht ausgeführt werden. Dafür stehen die ehrenamtlichen Experten der Deutschen Ameisenschutzwarte bereit. Uwe Gamrath und Jörg Beck sind die Vorsitzenden der Kreisgruppe Nördliches Niedersachsen, die den Kreis Lüneburg mit betreut. Beck ist zudem Vorsitzender des Deutschen Ameisen-Erlebnis-Zentrums in Soltau. Kontakt: % 0 51 91 / 9 27 47 74 (Beck) oder % 0 41 87 / 90 05 16 (Gamradt). Infos: www.ameisenschutzwarte.de.