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In Geesthacht befindet sich die einzige Staustufe der Elbe auf deutschem Gebiet. Gebaut wurde das Stauwehr zwischen 1957 und 1960. Foto: dth
In Geesthacht befindet sich die einzige Staustufe der Elbe auf deutschem Gebiet. Gebaut wurde das Stauwehr zwischen 1957 und 1960. Foto: dth

Wenn die Elbe zum Stausee wird

dth Geesthacht/Lauenburg. Selbst der Elbe-Seitenkanal hätte in den vergangenen Wochen wassermäßig unter Schwindsucht gelitten, gäbe es das Stauwehr Geesthacht nicht. Das 220 Meter lange Bauwerk wurde parallel zur benachbarten Schleuse mit zunächst einer Kammer vor rund 55 Jahren fertiggestellt und ist die einzige Staustufe der Elbe auf deutschem Gebiet. Während des zuletzt anhaltenden extremen Niedrigwassers staute das Wehr das Wasser der Elbe, um in Teilbereichen den Wasserspiegel auf vier Meter über Normalnull zu halten. Die Stauwirkung reicht nach Angaben des Wasser- und Schifffahrtsamtes (WSA) Lauenburg flussaufwärts bis in Höhe Lauenburg und Hohnstorf. Von dem stabilen Wasserstand profitierten somit sowohl der Elbe-Seitenkanal, der in Höhe Artlenburg in Richtung Süden abzweigt, sowie der Elbe-Lübeck-Kanal, der sich ab Lauenburg in Richtung Norden schlängelt, sagt WSA-Leiterin Bettina Kalytta.

„Die stürmische Entwicklung der Seeschiffahrt stellte immer größere Anforderungen an das Fahrwasser zum größten deutschen Seehafen, Hamburg. Die Unterelbe wurde ständig vertieft, der Hafen ausgebaut. Das führte zu unangenehmen Folgen im Flussverlauf. Die Elbe bohrte sich immer tiefer ins Bett, es kam zu starken Gefällen. Überdies sank der Grundwasserspiegel in Richtung Bleckede enorm“, heißt es in alten LZ-Berichten, die die Beweggründe für den Bau der Staustufe in den 1950er-Jahren zusammenfassen. WSA-Leiterin Kalytta sagt: „Bei normalen Verhältnissen ist die Staustufe Geesthacht in erster Linie die Grenze für den durch die Nordsee von Ebbe und Flut beeinflussten Elbe-Bereich.“ Vor allem bei extremeren Verhältnissen wie starkem Niedrigwasser oder Hochwasser ist die regulierende Funktion des Stauwehrs von besonderer Bedeutung, um wasserwirtschaftliche Bedingungen und die Fahrwasserverhältnisse in einer gewissen Balance zu halten.“

Das Stauwehr verfügt über vier 50 Meter lange Wehröffnungen, in denen sogenannte Stahlsektoren hoch oder runtergefahren werden, um den Wasserdurchfluss zu regulieren und die Mindest-Stauhöhe von vier Metern zu halten. In einer Beschreibung des WSA heißt es dazu: „Das Fahren der Sektoren geschieht hydraulisch, durch Veränderung des Wasserdrucks in den Sektorenkammern. Bei Sturmfluten senken sich die Stahlsektoren dagegen aufgrund des Drucks der Flutwelle selbstständig in die Sektorengruben.“ Bei größeren Sturmfluten sind so die Wasserstandsveränderungen, wie etwa 1976, bis in den Raum Neu Darchau spürbar. Weiter heißt es: „Wenn die Sturmflut vorüber ist, ist der erforderliche Wasserdruck vom Oberwasser wieder vorhanden, damit die Sektoren aus der Sektorgrube gefahren werden können.“ Das Wehr übernimmt dann wieder seine Staufunktion bei Niedrigwasser und reguliert den Abfluss bei Hochwasser. Durch die Stauwirkung beim Niedrigwasser hat die Elbe zuletzt einiges an Strömung verloren, für Elbfischer wurde es schwieriger, Fische zu fangen, die sich zunehmend in der Breite des Flusses verteilten.

Der Höhenunterschied am Stauwehr liegt in der Regel zwischen 1,30 Meter bei Flut und 3,50 Meter bei Ebbe. Damit Boote und Schiffe unbeschadet die Elbe bei Geesthacht passieren können, wurde von 1957 bis 1960 parallel zum Stauwehr der Schleusenkanal mit zunächst einer Kammer errichtet und durch einen Erweiterungsbau in den Jahren 1978 bis 1981 um eine zweite Kammer ergänzt. Die Schleusenkammern haben jeweils eine Länge von 230 Metern und eine Breite von 25 Metern. Sowohl Wehr als auch Schleuse werden vom WSA Lauenburg betrieben. Leiterin Kalytta sagt: „Für den Schleusenbetrieb ist rund um die Uhr im Schichtbetrieb mindestens ein Mitarbeiter im Einsatz. Bei Normalbetrieb wird das Wehr automatisch gesteuert, bei Eisgang, Hochwasser oder Sturmfluten wird das Wehr personell besetzt.“

Ähnlich wie die kleineren Schleusen und Wehre an der Ilmenau, sind auch Stauwehr und Schleuse bei Geesthacht angeordnet. Der Fluss gabelt sich in Höhe Geesthacht und trifft hinter einer Elbinsel wieder zusammen. Im nördlichen Arm liegt die Schleuse, im südlichen das Stauwehr. Letzteres ist vor allem in den Anfangsjahren immer wieder Freizeitkapitänen zum Verhängnis geworden, sie zerschellten mit ihren Booten am Wehr, wurden von der starken Strömung mitgerissen und ertranken. Die Warnhinweise wurden seinerzeit verstärkt, nicht in den falschen Elbarm abzubiegen. Kalytta sagt: „Seit meinem Amtsantritt 1998 kann ich mich nicht an derartige Unfälle erinnern.“

Durch den damaligen Bau der Staustufe aus Wehr und Schleuse wurde nicht nur ein fester Pegelstand für das Pumpspeicherwerk und das Kernkraftwerk Krümmel garantiert, sondern schuf auch die Voraussetzungen für den späteren Bau des Elbe-Seitenkanals, der im kommenden Jahr vier Dekaden in Betrieb sein wird. 2010 wurde die Wehranlage von Vattenfall durch Europas größte Fischtreppe ergänzt.

Wehr für 18,5 Millionen D-Mark
Für den Bau des Stauwehrs flossen seinerzeit 18,5 Millionen D-Mark, weitere 12,5 Millionen D-Mark für den Schleusenkanal und 17,3 Millionen für die erste Schleusenkammer. Hinzu kamen weitere 16 Millionen D-Mark für Grunderwerb und wasserwirtschaftliche Maßnahmen, insgesamt rund 64,4 Millionen D-Mark. Der Bau der zweiten Schleusenkammer war im Entwurf mit weiteren 20 Millionen D-Mark veranschlagt worden. Zum Vergleich: Die Kosten für die geforderte neue Binnenwasserschleuse bei Scharnebeck werden auf rund 260 Millionen Euro geschätzt.
Die Staustufe Geesthacht ist auch Teil einer der „Technik-Touren“ der Touristinformation Geesthacht. Weitere Infos dazu unter Tel.04152/836258 oder unter www.geesthacht.de.