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Lüneburg warb lange mit der Kraft des Moorbades als Kur- und Soleheilbad. Moor und Titel sind längst weg, heute wird im Kurzentrum mit Wellness mehr Umsatz gemacht. Foto: nh
Lüneburg warb lange mit der Kraft des Moorbades als Kur- und Soleheilbad. Moor und Titel sind längst weg, heute wird im Kurzentrum mit Wellness mehr Umsatz gemacht. Foto: nh

Titel, Thesen, Tourismus

as Lüneburg. Insgesamt 110 Orte in Niedersachsen haben es: ein sogenanntes staatlich anerkanntes Prädikat. Das steigere die Attraktivität des Ortes, meint das niedersächsische Wirtschaftsministerium. Immerhin etwa die Hälfte aller Übernachtungen landesweit finden in einem der staatlich anerkannten Kur- oder Erholungsorte statt. Die Stadt Lüneburg durfte sich mal mit dem Titel „staatlich anerkanntes Sole- und Moorheilbad“ schmücken. Vergangenheit. Die Gemeinde Amelinghausen hingegen darf sich seit 1974 staatlich anerkannter Erholungsort nennen.

Kneipp-Heilbad, Mineralheilbad, Moorheilbad, Nordseeheilbad, Soleheilbad, Thermalheilbad, Heilklimatischer Kurort, Kneipp-Kurort, Ort mit Heilquellen-Kurbetrieb, Ort mit Heilstollen-Kurbetrieb, Ort mit Moor-Kurbetrieb, Ort mit Sole-Kurbetrieb, Luftkurort, Nordseebad, Erholungsort das sind die Prädikate, die in Niedersachsen vergeben werden. Nicht einfach so. „Um die Anerkennung zu erhalten, muss eine Vielzahl von Voraussetzungen erfüllt werden. Es gibt dabei sowohl ,allgemeine Voraussetzungen, die von allen Orten gleichermaßen zu erfüllen sind, als auch ,artbezeichnungsspezifische Voraussetzungen, die entsprechend dem kennzeichnenden Heilmittel zu erfüllen sind“, erläutert Sabine Schlemmer-Kaune, Pressesprecherin des niedersächsischen Wirtschaftsministeriums. Die Prüfung über das Vorliegen der Anerkennungsvoraussetzungen erfolge nach der Niedersächsischen Verordnung über die staatliche Anerkennung von Kur- und Erholungsorten (KurortVO) sowie in Anlehnung an die Begriffsbestimmungen des Deutschen Heilbäderverbandes e.V. und des Deutschen Tourismusverbandes e.V. für Heilbäder und Kurorte, Luftkurorte, Erholungsorte.

Lüneburg erhielt 1977 den Titel „staatlich anerkanntes Kur- und Soleheilbad“. Zwölf Jahre später wurde er wieder aberkannt. Der Grund: In Lüneburg herrschte dicke Luft. Genauer gesagt: Ein Gutachten des Deutschen Wetterdienstes hatte festgestellt, dass die vom Heilbäderverband festgelegten Grenzwerte für Feinstaub in der Luft rund um das Lüneburger Kurzentrum erheblich überschritten wurden. Pech für die Salzstadt, denn mit dem Klimagutachten wollte sie eigentlich den Kurort-Titel bestätigen lassen. Der gestiegene Feinstaubwert sei auf 30 Prozent mehr zugelassene Autos zurückzuführen, argumentierte damals die Stadt. Erhalten habe die Stadt 1977 den Titel auch aufgrund der Sole- und Mooranwendungen, die im Kurmittelzentrum verabreicht wurden, sagt Daniel Gritz Pressesprecher der Stadt. Doch schon bei der Verleihung des Prädikats sei der Badebetrieb der Kurgäste extrem rückläufig gewesen. Ende der 90er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts entschloss sich die inzwischen gegründete Kurmittel GmbH aufgrund weiterer Einbrüche im Kurmittelbereich durch die Gesundheitsreform verstärkt auf Wellness zu setzen. Mit Erfolg. Die Besucherzahlen im SaLü nehmen Jahr für Jahr zu.

Und dann trägt Lüneburg seit 2007 ja auch noch einen Namenszusatz: Hansestadt. Sie gehört damit zu dem illustren Kreis von 245 Städten, die einst Handelspolitik in der Hanse betrieben. Statt Kurtitel ist heute der reiche Schatz an historischen Gebäuden ein Pfund, das Touristen zieht.

Amelinghausen ist seit mehr als 40 Jahren anerkannter Erholungsort inzwischen der einzige im Landkreis Lüneburg, wie Samtgemeindebürgermeister Helmut Völker sagt. Alle zehn Jahre muss sich der Heideort dazu einem Prüfverfahren unterziehen. „Zuletzt wurde uns die Urkunde am 8. Oktober 2010 überreicht“, berichtet Helmut Völker. Das Anerkennungsverfahren ist allerdings mit erheblichem bürokratischen Aufwand verbunden. Abgefragt wurden in einer umfangreichen Checkliste Unterkunftsmöglichkeiten, Erholungseinrichtungen, klimatische und hygienische Voraussetzungen sowie medizinische Einrichtungen. Dazu kamen Gutachten zum Bioklima und zur Luftqualität. Das bringt Kosten mit sich: Rund 8000 Euro investierte die Gemeinde dafür. Der Niedersächsische Städte- und Gemeindebund weist auf die hohen Kosten des bürokratischen Verfahrens hin. Aber: Die Prädikatisierung stelle sicher, dass das hohe Qualitätsniveau erhalten bleibt. Helmut Völker begrüßt das Qualitätsmanagement, ohne das es kein Prädikat gibt: „Die staatliche Anerkennung als Erholungsort garantiert ein gewisses Qualitätsniveau. Sie steht bei Gästen und Geschäftspartnern der Erholungsorte für Vertrauen, Identität und Profil.“ Die Gästezahlen in Amelinghausen sind auch aus diesem Grund in den vergangenen Jahren stabil geblieben. Laut niedersächsischem Wirtschaftsministerium sind Kur- und Erholungsorte zudem berechtigt, zur Deckung ihres Aufwandes Fremdenverkehrsabgaben und Kurbeiträge zu erheben. In Amelinghausen wurde das jüngst diskutiert.

Für Bleckedes Bürgermeister Jens Böther haben Prädikate wie „staatlich anerkannter Erholungsort“ im 21. Jahrhundert an Strahlkraft eingebüßt. So war der Ortsteil Alt Garge einmal Erholungsort, der Titel wurde aber längst wieder aberkannt. Böther sagt, heute seien andere Kriterien wichtig. „Wir liegen im Biosphärenreservat Elbtalaue, das ist unser Qualitätsmerkmal. Wir werben mit Natur- und Rad-Tourismus.“