Aktuell
Home | Lokales | Amelinghausen | Wundermittel gegen Wespen
Vor Jahren fand Susanne Cassier in den Organza­beuteln eine dekorative Verpackungsmöglichkeit für ihren selbst gestalteten Schmuck. Dass die Säckchen heute Weintrauben vor dem Wespenfraß schützen, hätte sie sich damals nicht träumen lassen. Foto: t&w
Vor Jahren fand Susanne Cassier in den Organza­beuteln eine dekorative Verpackungsmöglichkeit für ihren selbst gestalteten Schmuck. Dass die Säckchen heute Weintrauben vor dem Wespenfraß schützen, hätte sie sich damals nicht träumen lassen. Foto: t&w

Wundermittel gegen Wespen

emi Rehlingen. Wespen, die sich an den Trauben in den Weinregionen Deutschlands satt fressen — die kleinen Plagegeister sorgen derzeit dafür, dass bei einer Amelinghausener Firma das Telefon nicht mehr still steht. „Täglich bekommen wir Anrufe von verzweifelten Winzern, manche fangen fast an zu heulen, weil sie nicht mehr weiter wissen, wie sie ihre wertvollen Reben noch schützen können“, sagt einer der beiden Gesellschafter, Michael Anlauf. Seit sechs Jahren betreibt der Rehlinger zusammen mit seinem Bruder einen Online-Shop für Organzabeutel. Was die Säckchen mit dem Wespenfraß zu tun haben? „Ein Weinbauer hat angefangen, seine Trauben damit einzutüten, dann hat das schnell die Runde gemacht.“

Als im Frühjahr die ersten, vorsichtigen Nachfragen von Winzern aufliefen, war die Überraschung in der Amelinghausener Firma groß. „Wir wurden kalt erwischt“, sagt Michael Anlauf. Regelrecht mit Anfragen überrollt werden die Brüder Anlauf und ihre sieben Mitarbeiter, seit ihre Beutel im Juli als „Tipp des Tages“ gegen Wespenfraß in einer Fernsehsendung angepriesen wurden. Vor allem bei Bio-Bauern und Hobby-Winzern sind die Organzasäcke beliebt.

Organza ist ein steifes, sehr dünnes Gewebe aus Seide oder Chemiefasern, die Säckchen lassen sich am oberen Ausgang mit einem Satin- oder Organza­band ganz einfach zuziehen. Obstfreunde wie Beatrice Grewer schwören auf das Material. „Wir haben ein paar Weintrauben zum Privatverzehr auf der Terrasse“, erzählt die Hamburgerin. „Normalerweise beißen Wespen die Trauben an, dadurch beginnen sie zu faulen.“ Seit sie und ihr Mann angefangen haben, Organzabeutel über die Trauben zu stülpen, seien die Beeren gerettet und es kämen weniger Wespen.

Warum die Beutel aus dem transparenten, schillernden Gewebe so gut zu diesem Zweck geeignet seien, erklärt Michael Anlauf: „Sie sind luft- und sonnendurchlässig, gleichzeitig können sich die Insekten nicht durch den Stoff hindurchfressen. Außerdem lassen sich die Beutel ganz einfach zuziehen und wieder entfernen. Sie sind damit wiederverwendbar.“

Eigentlich werden Organza­beutel in allen Formen und Farben vor allem als Verpackungsmaterial und zur Dekoration verwendet. Auf die Idee gebracht, die Stoffsäckchen zu vertreiben, hat Michael Anlauf seine Frau Susanne Cassier. „Zum kreativen Ausgleich neben der Schule designe ich Schmuck“, erzählt die 50-Jährige. „Vor rund sieben Jahren habe ich nach einer Verpackung gesucht, um die Schmuckstücke nett zu präsentieren.“ In einem Bastelladen stieß sie auf die Organzabeutel.

Weil diese damals noch sehr teuer gewesen seien, ergänzt Michael Anlauf, habe er recherchiert, woher die Säckchen kommen und wo sie hergestellt werden. Schnell witterte der heute 49-Jährige das Geschäft, verkaufte die Stoffbehältnisse zunächst über Ebay und gründete schließlich mit seinem Bruder den Online-Shop.

Michael Anlauf hat seine Nische gefunden. Aber dass seine Beutel einmal Wespen vertreiben und „kleine“ Weinbauern glücklich machen würden, hätte sich auch der Rehlinger nie träumen lassen.