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Über die Ausbildungsförderung durchs Arbeitsamt freuen wir uns, nicht aber über die zusätzlichen finanziellen Belastungen, sagen Harriet Rink-Schulz und Sohn Brian. Foto: t&w
Über die Ausbildungsförderung durchs Arbeitsamt freuen wir uns, nicht aber über die zusätzlichen finanziellen Belastungen, sagen Harriet Rink-Schulz und Sohn Brian. Foto: t&w

Berufsstart mit Hindernissen

us Lüneburg. Dass der Weg ins Berufsleben mitunter steinig sein kann, ist bekannt. Doch wer körperlich gehandicapt ist, hat es mitunter doppelt schwer. Diese Erfahrung hat jetzt Brian Schulz gemacht. Der 21-jährige Bardowicker erkrankte vor vier Jahren an Colitis ulcerosa, einer in Schüben verlaufenden chronischen Entzündung der Darmschleimhaut. In der Folge verpasste er einen Großteil des Unterrichts in der Berufsschule. Am Ende wurde ihm zwar bescheinigt, die Schule besucht zu haben, doch benotet wurde er nicht — und ging dann bei der Ausbildungsplatzsuche stets leer aus. Nach intensiven Bewerbungsrunden und nur durch Zufall ist er nun in einem Berufsausbildungswerk an der Ostsee untergekommen. Jetzt plagen ihn und seine Mutter finanzielle Probleme.

„Ich weiß nicht, wie wir über die Runden kommen sollen“, sagt Brians Mutter Harriet Rink-Schulz. Viele Jahre hat die 46-Jährige in Lüneburg als Fahrlehrerin gearbeitet, unzählige Überstunden geleistet, oft auch am Wochenende gearbeitet. Vor zwei Jahren dann kam für sie krankheitsbedingt das berufliche Aus, seitdem erhält sie wegen voller Erwerbsminderung 829 Euro Rente und 136 Euro Sozialhilfe, außerdem 184 Euro Kindergeld für Sohn Brian. Ihr Problem: Das Geld reiche schon nicht, um davon die laufenden Kosten für ihren Lebensunterhalt sowie für Auto und Abzahlung des Eigenheims zu bestreiten. Wenn dann noch ihr Sohn im Urlaub oder an Wochenenden nach Hause kommt, müsse sie ihn zusätzlich mitversorgen, „das Geld habe ich aber nicht“.

Um Brian den Weg ins Arbeitsleben zu ermöglichen, hatte die Bundesagentur für Arbeit in Lüneburg die Kosten für die Ausbildung im Berufsbildungswerk Bugenhagen in Timmendorfer Strand an der Ostsee übernommen, eine Einrichtung für die Ausbildung von Jugendlichen mit körperlichen Beeinträchtigungen. Im August 2014 konnte der 21-Jährige beginnen, zunächst mit der Ausbildung zum Fachinformatiker für Anwendungsentwicklung, jetzt für Systemintegration. Im August 2018 will ihr Sohn die Ausbildung abgeschlossen haben. „Wir hätten schon ein Jahr früher starten können, wenn uns das Arbeitsamt besser beraten hätte. Erst nach einem Jahr machte uns zum Glück eine Ärztin auf die Fördermaßnahme aufmerksam“, wundert sich Harriet Rink-Schulz.

Die Kosten für Ausbildung, Unterkunft und Verpflegung in dem Berufsbildungswerk übernimmt komplett das Arbeitsamt, außerdem bekommt Brian monatlich 104 Euro Ausbildungsgeld. Auch bei Absolvierung des Berufs-Praktikums am Wohnort und Unterkunft bei den Eltern wird eine Verpflegungspauschale gezahlt, allerdings nur in Höhe von 3,80 Euro pro Tag. Wie davon ein heranwachsender Mann ernährt werden soll, konnte auch die Agentur nicht sagen. „Das sind gesetzliche Regelungen, ich will das nicht bewerten“, sagte Jeannette Unterberger, Pressesprecherin der Arbeitsagentur in Lüneburg.

Neben der aus ihrer Sicht viel zu niedrigen Verpflegungspauschale der Arbeitsagentur ärgert die Bardowickerin vor allem aber, dass ihrem Sohn, der in der Einrichtung inzwischen in einer Selbstversorger-Gruppe lebt, nur 20 Euro pro Woche für Frühstück und Abendbrot zur Verfügung stehen, die Mittagsverpflegung ausgenommen, die wird gestellt. „Außerdem bekommt er kein Verpflegungsgeld, wenn er am Wochenende, im Urlaub oder bei Krankheit zu Hause ist“, beklagt Mutter Harriet.

Gabriele Farsch, Internatsleiterin des Berufsbildungswerks in Timmendorf, bestätigt: „Die Verpflegungspauschale zahlen wir dann, wenn die Auszubildenden in der ausbildungsfreien Zeit in der Einrichtung bleiben. Für die Zeit zu Hause zahlen wir nicht.“ Und zu den 20 Euro erklärt sie: „Bislang gab es keine Probleme. Aber hier soll natürlich niemand verhungern.“ Da Brian zudem besonders auf seine Ernährung achten müsse, zahle die Einrichtung statt 3,90 sogar 4,90 als Pauschale. Auch könne Brian jederzeit wieder in die Vollverpflegung zurückkehren. Da sie um die angespannte finanzielle Situation der Familie wisse, „haben wir ihm kürzlich aus Spendenmitteln Geld mit nach Hause gegeben“.

Zwar habe Harriet Rink-Schulz überlegt, einen 450 Euro-Job zu übernehmen, da sie davon aber nur ein Drittel behalten dürfe, das obendrein noch auf die Sozialhilfe angerechnet werde, „macht das für mich keinen Sinn“.

Christian Ratzeburg, Fachdienstleiter Sozalhilfe und Wohngeld beim Sozialamt des Landkreises Lüneburg, kann den Einzelfall zwar nicht bewerten, sieht aber hier keine außergewöhnliche Notlage. „Wenn man Kindergeld, Ausbildungsgeld und die Verpflegungspauschale auf einen Monat hochrechnet, kommt man auf 402 Euro. Einem Über-18-Jährigen, der zu Hause lebt, stehen als Sozialhilfe-Regelsatz lediglich 320 Euro zu.“

3 Kommentare

  1. Die Aussage …. „450Euro-Job macht für mich keinen Sinn“ macht für mich keinen Sinn. Sorry .. auch wenn ich die Gründe nachvollziehen/verstehe kann. Aber Arbeiten gehen macht für mich immer Sinn.

    • Ron , wie ist es, gehen sie arbeiten um zu leben, oder leben sie ,um zu arbeiten? ausbeutung beginnt man bei sich zuerst .wer bereit ist, für hungerlöhne zu arbeiten, sorgt dafür, dass diese löhne noch weiter sinken. wieviel hunger hält ein mensch aus?

      • Ich gehe arbeiten um mein Lebensunterhalt selber zu bestreiten. Ich gebe Ihnen Recht liebster Klaus …. Für 4 Euro/Std. würde ich auch nicht arbeiten.. das ist Ausbeutung. Aber seit Einführung des Mindestlohns ist die Ausbeutung strak urück gegangen. Im Artikel wird übrigens nicht erwähnt zu welchen Konditionen dieser 450Euro-Job ist. Gehen wir mal von Mindestlohn aus .. das ist am wahrscheinlichsten.