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Bei schlechtem Wetter bleiben die Gäste aus, das Café im Kurpark ist wetterfühlig. Die Neue Arbeit hat unter der Woche zu wenig Kunden. Anders ist es bei Veranstaltungen, dann herrscht Andrang. Foto: t&w
Bei schlechtem Wetter bleiben die Gäste aus, das Café im Kurpark ist wetterfühlig. Die Neue Arbeit hat unter der Woche zu wenig Kunden. Anders ist es bei Veranstaltungen, dann herrscht Andrang. Foto: t&w

Neue Arbeit zieht Reißleine

ca Lüneburg. Einer der größten Anbieter im sozialen Bereich hat vorläufige Insolvenz angemeldet: die Neue Arbeit, ein Tochterunternehmen des Herbergsvereins. Geschäftsführer Michael Elsner und seine kaufmännische Leiterin Tanja Herzig haben am Dienstag den Gang zum Amtsgericht am Ochsenmarkt angetreten. Das Führungsduo betont, man sei weder zahlungsunfähig noch überschuldet, das habe man den Kollegen auf einer Betriebsversammlung erklärt. Doch aufgrund unsicherer Einnahmen ziehe man rechtzeitig die Reißleine. Ziel sei es, das Unternehmen mit seinen Unterabteilungen zu restrukturieren, sich von unrentablen Teilen zu trennen, um dann weiterzumachen. Die Zahl von rund 130 Mitarbeitern in den Kreisen Lüneburg und Uelzen solle voraussichtlich auf unter 100 sinken.

Zur neuen Arbeit gehören viele Bereiche, die Lüneburger immer wieder nutzen: wie etwa Sack & Pack, die Umzugssparte Pack & Go, Grün- und Bauwerker, Hauswirtschafter mit Wäscherei und Reinigungsabteilung, das Fundus-Kaufhaus in Dahlenburg sowie die gastronomische Abteilung. Während die erst genannten Bereiche schwarze Zahlen schreiben, sieht es bei der Gastronomie zum Teil anders aus.

Die Gemeinschaftsverpflegung in der Mensa Volgershall, die täglich rund 750 Essen an Kitas und Schulen liefert, und das Café im Kloster laufen bestens. Anders schaue es im Kurpark und im Museum am Wandrahm aus. Dort fehlten grundsätzlich Kunden, auch weil das Haus zu wenig Besucher zähle. Elsner: „Das Museum ist mit uns nicht zufrieden und wir mit uns auch nicht.“ Hier liegt ein Ende nahe. Im Lüneburger Kurpark habe man bei den rund 40 Veranstaltungen pro Saison gut zu tun, doch im Normalbetrieb fehlten Kunden. Auch eine Einschränkung der Öffnungstage und -zeiten habe keine Entlastung gebracht. Hier will Elsner mit der Stadt besprechen, ob man zu einer Lösung kommen kann.

Ein großes Problem liegt aus Sicht von Tanja Herzig und Elsner in Uelzen. Die Mehrwert-Kaufhäuser in der Zuckerstadt und in Bad Bevensen generierten gute Umsätze, doch eine Wäscherei sei ein Sorgenkind.

Am meisten zu schaffen macht der GmbH das Ausbleiben von Fördermitteln. Bei der Neuen Arbeit erhalten Menschen eine Chance, die auf dem regulären Arbeitsmarkt Probleme hatten. Wie auch andere Bildungsträger muss das Unternehmen mit neuen Bedingungen leben. In den vergangenen Jahren hatte die Europäische Union den alten Regierungsbezirk Lüneburg als benachteiligtes Gebiet eingeschätzt, um einen Ausgleich zu schaffen, flossen Hunderte von Millionen, eben auch in soziale Projekte. Vorbei, denn die Förderperiode ist ausgelaufen.

Das war absehbar. Wie berichtet, hat die Neue Arbeit, wie auch andere Anbieter etwa die Awo, reagiert. Es gab Umstrukturierungen, so machten Elsner und Kollegen das Café Pausenbrot im Haus der Volkshochschule dicht — es lohnte nicht. Doch alle Schnitte reichten nicht aus. Denn das Prinzip Hoffnung funktionierte nicht.

Die Geschäftsführung ging davon aus, dass sie im Herbst mit neuen Vorhaben die aus Brüssel gespeisten Töpfe hätte anzapfen können. Doch das Land Niedersachsen und die N-Bank, die das Geld verteilt, wollen frühestens im März kommenden Jahres die Schatulle öffnen. „Das ist für uns zu spät, um planen zu können“, sagt Elsner. Zwar habe man Kofinanzierungen über die Arbeitsämter in Uelzen und Lüneburg eingeworben, aber ob die Idee dann auch in Hannover akzeptiert werde, sei ungewiss. Tanja Herzig ergänzt, es käme ein monatelanger „Ausfall von Einnahmen auf uns zu“.

Das sei dem Herbergsverein als Gesellschafter nicht zuzumuten. Um gar nicht erst eine Schräglage entstehen zu lassen, sei der Gang zum Insolvenzgericht der nötige Schritt gewesen, ist sich das Duo einig. Elsner und Herzig, die eben auch Chefs im Herbergsverein sind, halten das mit ihren Gremien, Rechtsanwalt und Wirtschaftsberater abgestimmte Vorgehen für die beste Lösung.

Das Führungsduo betont, dass die wirtschaftliche Lage insgesamt nicht so schlecht aussehe: Die Neue Arbeit habe Verbindlichkeiten von rund 120000 Euro, denen aber Forderungen von immerhin gut 180000 Euro gegenüberstünden.

Ein Entlastung erfährt der Betrieb, wenn die Agentur für drei Monate das Insolvenzausfallgeld zahle — also Löhne für die Mitarbeiter. Nach der vorläufigen Insolvenz, die wahrscheinlich in ein Verfahren münde, könne man mit einem gesunden Unternehmen neu durchstarten.

Fusion kann trotzdem klappen
Optimistisch blicken Michael Elsner und Tanja Herzig auf die geplante Fusion von Herbergsverein und Diakonieverband. Bekanntlich wollen sich die Sozialträger in Zukunft zusammenschließen, um schlagkräftiger zu werden und weil man sich ergänzt. Beide sind unter anderem in den Landkreisen und den dazugehörigen Kirchenkreisen Lüneburg und Uelzen tätig. Ein gemeinsames Dach könnte Kosten sparen und helfen, neue Schwerpunkte zu setzen.

Elsner geht davon aus, dass die Insolvenz der Tochter Neue Arbeit keine Auswirkungen auf die Pläne haben dürfte. Denn die aktuelle Lage belege eben auch, dass die Organisation auch auf Krisen und deren Bewältigung vorbereitet sei. Eine Entscheidung, ob der Fusionsprozess zu Ende geführt werde, liege aber bei den Kirchenkreistagen.