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Von einem Erfolg auf ganzer Linie sprechen Burkhard Jäkel (v.l.), Dirk Möller, Dirk Bonow und Andreas Dobslaw. Foto: t&w
Von einem Erfolg auf ganzer Linie sprechen Burkhard Jäkel (v.l.), Dirk Möller, Dirk Bonow und Andreas Dobslaw. Foto: t&w

Lebensretter Leitplanke – Unfallzahlen auf B209 gehen massiv zurück

dth Etzen. Für einen Sturm der Entrüstung sorgte Anfang 2014 das Vorhaben, 27 der bis zu 150 Jahre alten Linden nahe Etzen zu beseitigen. Schließlich wurde die Fällaktion vorsorglich sogar von Polizeibeamten abgesichert. Anlass war der geplante Bau von Schutzleitplanken entlang der Bundesstraße 209 zwischen Etzen und Rehrhof auf rund drei Kilometern Länge. Die Kommunalpolitiker aus Amelinghausen fühlten sich überrumpelt, sprachen von „purem Aktionismus“, sogar der Kreistag befasste sich kritisch damit. Doch der Plan wurde umgesetzt. Rund eineinhalb Jahre danach ziehen jetzt die Landesbehörde für Straßenbau und Verkehr, Geschäftsbereich Lüneburg, die Unfallkommission des Landkreises und die Untere Naturschutzbehörde eine durchweg positive Bilanz. Andreas Dobslaw von der Polizei verweist auf die Unfallzahlen: „Wir haben nicht nur die Linden-Allee gerettet, sondern auch Menschenleben.“

Dobslaw hält beim Pressetermin bei Etzen eine Grafik in den Händen, die die Unfälle an der Strecke von 2007 bis 2013 aufzeigt. Von der Straße selbst ist auf der Zeichnung kaum noch etwas zu erkennen vor lauter Symbolen für Verkehrsunfälle mit leichten bis schweren Verletzungen, auch einige tödliche Unfälle haben sich auf der Linden-Allee ereignet. In der Mehrzahl sind Autofahrer gegen die Bäume gerauscht. Da gab es noch keine Schutzplanken. Dann blättert Dobslaw um: Für das Jahr 2014 stehen dort fünf Unfälle verzeichnet. Darunter nur ein Baumunfall, bei dem ein Betrunkener in Höhe Rehrhof einen Baum am Ende der Leitplanken erwischt hat. Dobslaw: „Die anderen Unfälle sind Spiegelklatscher.“ Entgegenkommende Lkw, die sich auf der Strecke mit den Seitenspiegeln touchiert haben.

Die Entwicklung habe sich in den ersten drei Monaten dieses Jahres fortgesetzt, drei Spiegelklatscher und ein Unfall wegen einer Katze. Menschen kamen nicht zu Schaden. Der Unfallschwerpunkt vergangener Jahre wurde offenbar deutlich entschärft. Mit einer Ausnahme.

„Die Verstöße durch überhöhte Geschwindigkeit haben nicht abgenommen“, sagt Dirk Bonow, Leiter des Fachdienstes Straßenbau und Führerscheine beim Landkreis Lüneburg. Das hätten die Auswertungen der Blitzer auf der Tempo-80-Strecke ergeben. Aber offenbar haben die Leitplanken einen psychologischen Effekt. Durch die optische Verengung fahren die Verkehrsteilnehmer vielleicht nicht langsamer, aber vorsichtiger. Bonow: „Bei Leitplanken haben die Autofahrer wohl eher Angst, sich eine Beule ins heilige Blech zu fahren. Bäume werden seltsamerweise nicht so sehr als Gefahr angesehen.“

Für Dirk Möller, Leiter der Landesbehörde für Straßenbau und Verkehr in Lüneburg, sind die neuen Unfallzahlen eine Bestätigung, mit dem Einbau der Leitplanken auf das richtige Pferd gesetzt zu haben, aller Kritik zum Trotz. Möller sagt: „Wir haben die Verkehrssicherheit erhöht, Menschenleben bewahrt und gleichzeitig den Erhalt der Linden-Allee gesichert.“ Zwar sind nach der Fällaktion zu Beginn vergangenen Jahres später drei weitere Methusalem-Bäume gefällt worden, weil sie in Einmündungsbereichen die Sicht versperrten, aber die Landesbehörde hat doppelt so viele junge Linden nachgepflanzt, als ursprünglich geplant war, 140 statt 70.

Möller: „Mit den zusätzlichen Nachpflanzungen haben wir schon einen Reservepool geschaffen.“ Denn auch künftig werden immer wieder ältere Exemplare der zuletzt rund 300 Linden gefällt werden müssen, weiß auch Burkhard Jäkel von der Unteren Naturschutzbehörde beim Landkreis Lüneburg. „Allee-Bäume sind kulturhistorische Funktionsbäume. Und sie sind durch Salze und Abgase einem höheren Stress ausgesetzt. Im Wald kann man Bäume alt werden lassen und später das Totholz den Käfern überlassen. An der Straße spielt aber die Verkehrssicherheit eine große Rolle.“ So hatten im Zuge der Maßnahme zunächst nur neun Linden dem Leitplanken-Bau selbst weichen müssen. 18 Bäume aber mussten wegen mangelnder Standfestigkeit, beispielsweise wegen des Befalls durch den Brandkrustenpilz, beseitigt werden.

Die Leitplanken haben auch positive Effekt für die Allee: Sie schützen umgekehrt auch die Bäume vor Kollisionen und beim Nachpflanzen muss nicht der mittlerweile übliche Mindestabstand von 7,5 Meter zum Fahrbahnrand eingehalten werden, sondern die Bäume können an Ort und Stelle ersetzt werden. So bleibt auch der Charakter der Allee erhalten.

Versöhnliche Töne schlägt auf LZ-Nachfrage auch Amelinghausens Samtgemeindebürgermeister Helmut Völker an: „Wir hatten Sorge um die Linden. Wir wollten Klarheit haben, was die Fachbehörde bei uns macht, ohne uns vorher zu fragen. Aber es ist vernünftig geworden.“

Baumunfallstatistik

Laut Deutschem Verkehrssicherheitsrat ist 2013 jeder vierte auf Landstraßen tödlich Verunglückte bei einem Baumunfall ums Leben gekommen, insgesamt 507 Menschen 3990 Personen wurden schwer verletzt. Seit 1995, dem Jahr der Einführung der „Baumunfallstatistik“, haben knapp 22000 Menschen ihr Leben durch Baumunfälle auf Landstraßen verloren. Das ist die Bevölkerungszahl einer Stadt wie Starnberg, Osterrode oder Husum.

Es sind nicht nur die dicken Alleebäume, von denen Gefahr ausgeht. Crashtests in Schweden haben laut DVR gezeigt, dass der Insasse eines Pkw bei einem Frontalaufprall mit 70 km/h auf einen Baum mit etwa zehn Zentimeter Durchmesser nur wenige Überlebenschancen hat. Selbst dünne Bäume seien lebensgefährlich, wenn das Auto zentral auf sie trifft und sie bis in die Fahrgastzelle vordringen.

Näheres unter www.dvr.de

One comment

  1. Früher haben die Bäume tötend bei Unfällen mitgewirkt. Ihr enger Abstand machte es dort selbst unterhalb der zulässigen Geschwindigkeit unmöglich, bei extremen Gefahrensituationen aufs Feld auszuweichen. Tree-Hugger beplanken nun die enge Straße, so daß der schlitternde LKW definitiv zur Todesramme wird. Ein Ausweichen kann es nicht mehr geben. Wann kommen Schutzaktionen für Leitplanken?