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Für Stefan und Anne-Katrin Deerberg (Mitte) ist es eine Bereicherung, für Adham Mousa Aldawar (l.), den kleinen Talal und Havazen Al Abud ein Glücksfall: Die syrische Familie hat bei den Bienenbüttelern ein neues Zuhause gefunden. Foto: phs
Für Stefan und Anne-Katrin Deerberg (Mitte) ist es eine Bereicherung, für Adham Mousa Aldawar (l.), den kleinen Talal und Havazen Al Abud ein Glücksfall: Die syrische Familie hat bei den Bienenbüttelern ein neues Zuhause gefunden. Foto: phs

Flucht in ein neues Zuhause + + + Mit LZplay-Video

Noch immer stranden Männer, Frauen und Kinder zu Tausenden am Münchner Hauptbahnhof, um nach Tagen voller Strapazen in Ungarn Schutz in Deutschland zu suchen. Stefan und Anne-Katrin Deerberg aus Bienenbüttel haben die schockierenden Szenen am Budapester Bahnhof mit eigenen Augen gesehen. Sie beschlossen zu helfen. Seit gut einer Woche wohnt eine syrische Familie in ihrem Haus in Bienenbüttel.

emi Bienenbüttel. Ungarn, Ostbahnhof in Budapest, Sonntagmorgen. Stefan und Anne-Katrin Deerberg stehen im dichten Gedränge vor dem Zelt einer Hilfsorganisation. Sie wollen etwas tun. Plötzlich zupft ein syrischer Junge, der auf dem Arm seiner Mutter sitzt, an Stefan Deerbergs Haaren und lächelt. Der 55-Jährige trifft eine Entscheidung. Er drückt dem Vater des Kindes seine Telefonnummer in die Hand und sagt: „Wenn ihr Deutschland erreicht, nehmen wir euch auf.“ Tags darauf klingelt sein Telefon.

Eine Woche nach dem Anruf sitzen Adham Mousa Aldawar, seine Frau Havazen Al Abud und der einjährige Talal zusammen mit Deerbergs auf dem Sofa in einem hellen Bienenbütteler Wohnzimmer. „Wir hatten auf der Rückreise von unserem Rumänien-Urlaub einen Umweg über Ungarn gemacht, um uns ein Bild von der Situation zu machen“, erklärt der Unternehmer. „Überall kauerten Menschen, es gab nur drei Toiletten, keine Essensversorgung. Wir waren schockiert.“ Als die syrische Familie in Bienenbüttel ankam, schlief sie erst einmal zwei Tage durch. Vier Wochen Flucht über die Türkei, Mazedonien, Serbien und Ungarn lagen hinter ihnen.

Syrien, ein Monat zuvor. Bomben schlagen in Damaskus krachend in Gebäude. Menschen schreien und sterben im Kugelhagel. Adham hat Angst um Frau und Baby. Der 30-jährige Lehrer kratzt all seine Ersparnisse zusammen und plant mit 6000 Dollar in der Tasche die Flucht. Vielleicht überleben wir, vielleicht sterben wir, denkt er. In Syrien sterben wir mit Sicherheit.

Angst hatte auch Stefan Deerberg anfangs davor, etwas Illegales zu tun. „Wir haben uns oft gefragt, ob unser Handeln rechtens war“, sagt er. „Aber die Mitarbeiter der zuständigen Behörde in Uelzen haben uns bestärkt, dass wir etwas Gutes machen.“ Jeden Tag üben Anne-Katrin und Stefan Deerberg mit ihren Schützlingen Deutsch. Sie gehen mit ihnen spazieren, begleiten sie zu Ärzten und Behörden, nehmen sie mit zum Einkaufen. Um ihre Dankbarkeit zu zeigen, kocht die 21-jährige Havazen abends typisch syrische Gerichte. Fast jeden Abend kommen Gäste und tauschen sich vor dampfenden Tellern aus. Für die Flüchtlinge sind das lange nicht gekannte Glücksmomente.

Türkei, eine stürmische Augustnacht. Adham, Havazen und Talal schaukeln seit Stunden eingepfercht zwischen 40 weiteren Personen auf einem winzigen Schlauchboot. Vor der griechischen Insel Samos geht der Sprit aus, die griechische Polizei greift die unterkühlten Flüchtlinge auf. Tage später reist Adham mit Frau und Baby über Mazedonien und Serbien nach Ungarn.

Anfang der Woche waren die Deerbergs mit der dreiköpfigen Familie zur Registrierung in der Erstaufnahmestelle Friedland. Bei der Erinnerung daran muss Adham schlucken. „Deutschland ist unser Traum“, sagt er in gebrochenem Englisch. „All diese Menschen auf der Straße zu sehen, nach allem, was sie durchgemacht haben, war traurig.“ Der 30-Jährige weiß, dass seine Familie großes Glück gehabt hat, „Steven“ zu treffen eine günstige Fügung des Schicksals, die nicht jedem zuteil wird.

Ungarn, Ostbahnhof in Budapest. Seit drei Tagen sitzen Adham, Havazen und Talal vor dem Bahnhofsgebäude mit unzähligen anderen Menschen fest. Plötzlich beginnt einer von ihnen zu rufen, dann stimmen alle mit ein: „Germany, Germany, Germany!“ Endlich öffnen sich die Bahnhofstüren. Im Zug erhält die Familie Obst und Getränke. Als Adham, Havazen und Talal in München auf den Bahnsteig treten, werden sie mit Applaus und Willkommensplakaten begrüßt.

Stefan Deerberg hofft, dass er durch seine Erfahrung anderen Menschen Mut machen kann, es ihm gleichzutun. „Natürlich kann nicht jeder einen Flüchtling aufnehmen“, weiß der Unternehmer. Aber jeder könne etwas tun. „Für mich und meine Frau ist diese Familie eine Riesenbereicherung.“

Adham Mousa Aldawar lässt die nackten Füße von der Couch baumeln, sein Blick schweift über das Kinderspielzeug auf dem Boden und die gerahmten Familienfotos an der Wand. „Wir sind glücklich“, sagt er, „ich brauche Frieden, here I feel relax“.

 

VIDEO: Stefan Deerberg

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