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Horst Trebor Kratzmann daheim. Foto: ff
Horst Trebor Kratzmann daheim. Foto: ff

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ff Lüneburg. Die Frankfurter Rundschau zählte ihn zu den zehn wichtigsten Fotografen Deutschlands; er machte Karriere in den USA und in Germany, fotografierte für große Firmen schöne Frauen, einige verdanken ihm wohl ihre Model-Karriere, er war Professor für Fotodesign in Kiel. In Hamburg wird ihm nun, zum 88. Geburtstag, eine Ausstellung in der Hamburger Galerie Multiple Box gewidmet. Wie soll man so ein langes, kreuz und quer durch die Welt führendes Leben beschreiben? „Ich hatte zu tun“, sagt Horst Trebor Kratzmann.

Heute lebt der Fotograf ein wenig zurückgezogen in Lüneburg, sein Sohn hat ihm hier eine Wohnung besorgt. Es hängen kaum Fotografien an den Wänden, ein paar kleine Familien-Schnappschüsse. zum Beispiel. Gern, aber ohne Wehmut erinnert sich Horst Trebor (rückwärts für Robert) Kratzmann an die 360-Quadratmeter-Meter-Wohnung in einer Jugendstilvilla in Frankfurt/Main, „das war nicht nur eine langweilige Banker-Stadt“ sagt er. Damals hat er Buchmessen-Partys veranstaltet und erzählt nun, wie Harry Rowohlt mit den drei kleinen Kindern des Gastgebers auf dem Boden herumgekrabbelt ist. Lange her; Lifestyle ist nicht mehr so wichtig, dafür hat er gerade seinen vier Enkeln die Führerscheine spendiert, „ich denke lieber an die Zukunft“, sagt Kratzmann.

Der gebürtige Wuppertaler, 1927 geboren, bekam ein Stipendium für Adolf Lazis Internationale Schule für höhere Fotografie in Stuttgart. Kratzmann machte sich in der Architekturfotografie früh einen Namen und wurde 1956 nach New York eingeladen, arbeitete in Chicago wie in New Orleans, knüpfte Verbindungen in den Zentren der Modefotografie. Eine raue Welt? „Ich war erstaunt über die Kollegialität unter den Fotografen“.

Er blieb insgesamt sechs Jahre und kehrte schließlich zurück nach Deutschland, arbeitete für Mercedes und Opel, für die Lufthansa wie für AEG. Und für Schwarzkopf: „Um Mitternacht klingelte ein verweifelter Art Director“, erinnert sich der Fotograf, „er brauchte dringend Bilder, weil die Fotos in London misslungen waren“. Das Model war hinreißend, die Bilder schnell im Kasten. Überhaupt, die Beauty-Branche: „Zu 50 Prozent hängt die Modefotografie vom Talent und der Ausstrahlung des Models ab“, sagt der Fotograf. Auf einer Party lernte er seine spätere Frau Barbara Hildmann kennen, eine Modedesignerin. Sie starb früh an Krebs; die Ehe, aus der drei Kinder hervorgingen, währte nur sieben Jahre. „Es war die glücklichste Zeit meines Lebens“, sagt Trebor Kratzmann.

Zu dieser Zeit zählte 1968 die Eröffnung der Boutique „Lollipopowska“ und des schrägen Ladens „Pudding Explosion“, in dem es allerhand Schnickschnack zu kaufen gab — Buttons zum Beispiel, seinerzeit eine todschicke Angelegenheit. Als Witwer aber brauchte Kratzmann mehr Zeit für die noch kleinen Kinder, und mehr Sicherheit. 1977 nahm er in Kiel den Lehrstuhl für Kommunikationsdesign mit dem Schwerpunkt Fotografie an.

Natürlich könnte Trebor Kratzmann Anekdoten ohne Ende erzählen, von Begegnungen mit dem Schauspieler und Fotografen-Kollegen Dennis Hopper wie mit Salvador Dalí, den er auf der „MS United States“ zwischen Le Havre und New York traf, und der, Exzentriker eben, eine lange Flinte an einem Seil mit sich führte. Ein Dalí-Foto immerhin hat Kratzmann daheim aufgehängt.

Längst lebt er ohne die Kameras, die sein Leben begleiteten. Die Leica, die wuchtige Atelier-Deardorff 8 mal 10 Inch, die Hasselblad — verkauft. „Ich habe einmal gesagt: Fotografie ist immer noch die Weltsprache“, so Kratzmann, „aber ich habe da schon gewusst, dass es nicht mehr stimmt.“ Die digitale Revolution, die beliebige Manipulierbarkeit von Fotos, das ist einfach nicht mehr seine Welt. In Hamburg aber wird noch mal seine Welt gezeigt, die Ausstellung „Werbung, Mode, Industrie“ in der Admiralitätsstraße 76 läuft bis Ende Oktober.