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Michaelis-Küster Jürgen Meyermann prüft das Innenleben der Hermann-Wrede-Gedächtnisglocke. Foto:t&w
Michaelis-Küster Jürgen Meyermann prüft das Innenleben der Hermann-Wrede-Gedächtnisglocke. Foto:t&w

Die Ordnung der Klänge

us Lüneburg. Wenn sonntags in Lüneburg um zehn vor zehn die Glocken läuten, ist ihre Bedeutung in der Regel selbst denjenigen bekannt, die eher nicht zu den eifrigen Kirchgängern gehören. Der Klang von Glocken ist uns vertraut, als Teil unserer Stadt sind sie zugleich ein Teil unseres Lebens und unserer Kultur. Ein Weihnachtsfest oder auch der Jahreswechsel ist ohne ihre Begleitung nicht vorstellbar. Doch es sind nicht nur die üblichen Feste, zu denen Glocken erklingen. Wann jeweils geläutet wird und welche Glocken dabei geschwungen werden, haben wir uns von den drei großen Innenstadtkirchen erklären lassen.

„Wir haben eine feste Läuteordnung“, sagt Ingo Reimann, Pastor an der St. Johanniskirche. Mit acht Läuteglocken hat sie zwar zwei weniger als St. Michaelis, ihre Läuteordnung ist dafür umso üppiger. Auf sechs Seiten ist festgelegt, welche Glocke zu welchem Anlass erklingen darf. „Nachdem im vergangenen Jahr drei neue Glocken hinzu- und zwei weitere aus der Reparatur zurückgekommen waren, mussten wir uns Gedanken über das neue Zusammenspiel machen.“

Die Läuteordnungen der Kirchen folgen grundsätzlich einem festen Schema. „Zum einen sind es die gleichbleibenden Läuteanlässe, zum anderen die Sonntage und besonderen Anlässe im Laufe des Kirchenjahres“, erläutert Reimann. Zu Letzteren zählen die großen Kirchenfeste Weihnachten mit Heiligabend sowie Ostern und Pfingsten, aber auch der Beginn des Kirchenjahres am 1. Advent, das Neujahrsläuten am Jahreswechsel, Karfreitag und Christi Himmelfahrt. Die Bedeutung des Anlasses entscheidet, wie viele und welche Glocken eingesetzt werden. Während Feste der Freude wie Geburt oder Auferstehung Christi mit sämtlichen Glocken bedacht werden, wird der Kreuzigung Christi an Karfreitag nur mit einer Glocke gedacht. Ebenso wird an Taufgottesdiensten, Trauungen, Konfirmationen oder Trauerfeiern verfahren, die zu den gleichbleibenden Läuteanlässen gehören. Hierzu zählt auch das tägliche Gebetsläuten um 12 und um 18 Uhr.

„Die Anzahl und das Zusammenspiel der Glocken entscheiden, welche Stimmung erzeugt wird“, sagt Reimann. So klingen die Glocken zu den Gottesdiensten während der Passionszeit dunkler und dumpfer als an anderen Sonntagen. Während St. Johannis und St. Michaelis hierzu ausreichend Glockentöne zur Auswahl haben, muss sich die Nicolaikirche mit nur drei Glocken begnügen. „Wir hatten mal fünf, bis auf eine mussten sie 1944 kurz vor Kriegsende abgegeben werden, um sie einzuschmelzen“, berichtet Pastor Eckhard Oldenburg. Nach dem Krieg gab es zunächst Ersatz mit einer Glocke aus dem ostpreußischen Fischhausen, die auf dem Hamburger Glockenhof gefunden wurde. Und erst 2009 erhielt die Gemeinde mit der Schifferglocke ihr drittes Exemplar. Denn drei Glocken so die Regel unter Fachleuten seien das Mindeste für ein Geläut.

Auch wenn die Kirchengemeinden selbst entscheiden können, welche Glocken ihrer Kirche sie erklingen lassen wollen, gilt auch für sie die Läuteordnung der evangelischen Landeskirche aus dem Jahr 1956. „Zahl und Größe der im Einzelfalle läutenden Glocken richten sich allein nach liturgischen Gesichtspunkten“, heißt es darin. Und: „Weil die Glocken für den besonderen Dienst der Kirche ausgesondert sind, ist ihre Verwendung zu anderen Zwecken, insbesondere auch zu dem der Menschenehrung, ausgeschlossen.“

Für den pünktlichen Einsatz der Glocken an St. Johannis sind die beiden Küster Hartmut Sost und Hans-Jürgen Siller verantwortlich, in St. Michaelis kümmert sich Jürgen Meyermann um den passenden Klang an Gottesdiensten und Kirchenfesten. Nicht ohne Stolz weist er auf eine Besonderheit seiner Kirche hin: das alte, mechanische Glockenspiel. Über Seilzüge und eine Hebeltastatur oben auf dem Glockenturm können auch unabhängig vom heutigen Elektroantrieb die Glocken geläutet werden. „Das machen wir aber nur zu besonderen Anlässen und ergänzend zu den vorgegebenen Zeiten.“ So ganz streng nehme man es allerdings nicht mit der Läuteordnung, „manchmal sind auch Variationen möglich“, sagt er mit einem Schmunzeln.

Möglichst noch in diesem Jahr möchte Pastor Reimann die neue Läuteordnung für St. Johannis von seinem Kirchenvorstand absegnen lassen. „Wir haben ein Jahr lang probiert, was am besten zusammen klingt und eine gute Lösung gefunden.“ Die Zustimmung des Glockensachverständigen der Landeskirche, Andreas Philipp, hat er bereits. Denn ohne wäre auch die schönste Ordnung nur Makulatur.