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Sie fordern die Grundsicherung für Kinder: Gabriele Neuling (l.) und Monika Placke vom Verband alleinerziehender Mütter und Väter Niedersachsen. Foto: t&w
Sie fordern die Grundsicherung für Kinder: Gabriele Neuling (l.) und Monika Placke vom Verband alleinerziehender Mütter und Väter Niedersachsen. Foto: t&w

„596 Euro sind das Minimum“

us Lüneburg. Wenn Familien in Not geraten oder von Armut bedroht sind, trifft es nicht zuletzt die Kinder. Das vom Staat gezahlte Kindergeld reiche oft nicht aus, die Kosten für Erziehung, Betreuung und Ausbildung aufzufangen, beklagt der Verband alleinerziehender Mütter und Väter (VAMV). Er fordert deshalb seit Jahren schon eine Grundsicherung für Kinder. An diesem Wochenende tagte der VAMV Landesverband Niedersachsen in Lüneburg. Wir haben die Gelegenheit für ein Interview mit Landesgeschäftsführerin Monika Placke und der bisherigen Landesvorsitzenden Gabriele Neuling genutzt.

Frau Neuling, Ihr Verband fordert eine Grundsicherung für Kinder. Warum?
Gabriele Neuling: 20 Prozent der Kinder und Jugendlichen in Niedersachsen sind armutsgefährdet. Um diesen Kindern unabhängig vom Einkommen der Eltern eine Einkunftsmöglichkeit zu geben, fordern wir die Kindergrundsicherung von 596 Euro.

Lässt sich der Wert eines Kindes denn überhaupt in Geld ausdrücken?
Monika Placke: Natürlich kann man ein Kind nicht in monetären Zahlen ausdrücken. Aber es gibt klare Erkenntnisse darüber, wie viel ein Kind im Monat kostet. Die 596 Euro sind wissenschaftlich anerkanntes Existenzminimum, und dieser Betrag ist im Steuerrecht monatlich steuerfrei zu stellen.

Droht da nicht die Gefahr, dass Kinder womöglich wegen dieses Betrages von Eltern angeschafft werden, die ohnehin schon von Armut bedroht oder betroffen sind?
Neuling: Das ist die übliche Pauschalunterstellung. Wir haben noch nicht festgestellt, dass deswegen ein Kind angeschafft wurde. Gerade armutsbedrohte Familien nehmen oft ihr ganzes Geld, um die Situation ihrer Kinder bestmöglich darzustellen. Ich glaube, es sind sehr wenig schwarze Schafe, die tatsächlich auf diese Weise davon profitieren wollten.

Zum Existenzminimum für Kinder zählen Sie unter anderem den Betreuungsbedarf. Nun sind aber die Kommunen ja gerade dabei, den Eltern die Betreuung per Kindertagesstätte und Ganztagsschule abzunehmen. Kommt ihre Forderung da nicht ein wenig zu spät?
Placke: Auch im Steuerfreibetrag ist die Betreuung anteilig enthalten. Außerdem bezieht sie sich nicht nur auf die Betreuung in der Schule oder in der Kindertagesstätte, sondern auf den Betreuungsaufwand insgesamt. Eltern haben ja auch ansonsten Betreuungszeiten, die weit über diese Bereiche hinausgehen. Außerdem decken die Betreuungszeiten in Kita oder Schule bei weitem noch nicht die Zeiten ab, die Eltern für ihre Erwerbstätigkeit benötigen. Hinzu kommen die Nachmittage und Wochenenden. Wir haben viele Menschen, die in Pflegeberufen oder im Einzelhandel arbeiten, wo die Betreuung mittels Au-pair oder Babysitter abgedeckt werden muss — und von keiner Seite finanziert wird.

Kinder kosten Geld. Weil das so ist, müssen viele Erziehungsberechtigte arbeiten gehen. Glauben Sie, dass mehr Eltern zu Hause bleiben, wenn die Grundsicherung kommen sollte?
Neuling: Nein. Ich denke, dass weiterhin viele Frauen aufgrund ihrer Qualifikation die Möglichkeit nutzen möchten, sich in einem Beruf zu beweisen. Die Kindergrundsicherung wird für diese Frauen sicher nicht vorrangig der Grund sein, zu Hause zu bleiben. Und man darf nicht vergessen: Die Grundsicherung ist unabhängig vom Einkommen der Eltern, das Geld wird den Kindern zur Verfügung gestellt. Und es darf auch dann nicht angerechnet werden, wenn Eltern andere Leistungen beantragen müssen.
Placke: Es gibt einen zweiten Aspekt dabei: Laut Unterhaltsrecht müssen alleinerziehende Eltern ab dem dritten Lebensjahr ihres Kindes ihren Unterhalt selber sichern. Selbst wenn Kinder eine Grundsicherung hätten, müssten die Eltern dennoch erwerbstätig sein. Und der Betrag von 596 Euro ist wirklich nur die Minimalausstattung. Alles, was in den Bereich Förderung, Kultur etc. hineingeht, kommt da noch obendrauf und das wird aus dem Erwerbseinkommen der Eltern finanziert.

Warum ist die Durchsetzung so schwierig? Sie fordern die Grundsicherung ja schon seit langem.
Placke: Zum einen hieß es bislang immer, dass nicht so viel Geld zur Verfügung stünde. Denn die Dunkelziffer bei der Anzahl derjenigen, die derzeit ihre Ansprüche für ihre Kinder gar nicht geltend machen, ist hoch. Mit der Grundsicherung wäre diese Dunkelziffer mit erfasst, es würde also teurer. Zum anderen ist die Diskussion immer auch ideologisch behaftet gewesen, weil dabei auch verschiedene Themen wie Ehe, Ehegattensplitting und die Privatheit von Ehe und Familie hineinwirken. Aus konservativer Sicht wurde sie bislang abgelehnt, weil Kinder als Privatsache von Eltern betrachtet werden. Nur Notsituationen sollte sozial abgefedert werden. Wir fordern die Kindergrundsicherung für alle Familien. Bei wohlhabenden Familien wäre dann ein Ausgleich durch eine Veränderung im Steuerrecht vorzunehmen.
Neuling: Man darf nicht vergessen: Vielen ist oft nicht klar, dass andere familienpolitische Leistungen wie Kindergeld, Kinderzuschlag oder Unterhaltsvorschuss gegen die 596 Euro aufgerechnet werden.

Warum setzen gerade Sie als Verband der Alleinerziehenden sich für die Kindergrundsicherung ein?
Placke: Zuerst einmal, um für die hohe Anzahl von armutsbedrohten Kindern — ungefähr 50 Prozent in allen Elternfamilien — eine Verbesserung herbeizuführen. Und weil Eltern zurzeit noch gezwungen sind, bis zu zehn verschiedene Ämter aufzusuchen, um diesen Betrag in kleinen Bausteinen zusammenzubekommen. Das ist ein hoher Kraftaufwand. Zeit, Kraft und Geld sollte für die Kinder und ihre Betreuung da sein.

14 Kommentare

  1. Ein Gutmensch mal wieder! Die Grundsicherung ist der falsche Weg, da es kaum Anreize bietet eine Arbeit aufzunehmen. Zwei Kinder mehr ersetzten dann den Halbtagsjob.

    Eine steuerliche Entlastung beschenkt die sehr gutverdienenden Eltern, die unteren Einkommen profitieren kaum davon.

    Wichtig ist eine gute Schulbildung und eine kostenlose Betreuung inkl. Nachhilfe und Hausaufgabenbetreuung. Mehr Geld ist nicht erforderlich.

    • Don
      Gutmensch ist ein schimpfwort. sind sie ein schlechtmensch?

      • Ich möchte erstmal klarstellen .. Ich bin NICHT Don !! Aber Sie liebster Klaus … sind eine Universal-Genie !!

      • Lieber Klaus Bruns – warum behaupten Sie, Gutmensch sei ein Schimpfwort?

        Ist das Ihre Interpretation?
        Oder weil es alle sagen, die als solcher bezeichnet werden?

        Oder verknüpfen Sie „guter Mensch“ mit Humanitätsduselei?

        Ich sehe diesen Ausdruck eher wertneutral, eher als Bezeichnung einer bestimmten Spezies Mensch.

        • Lieber Bundeskasper, ich habe ihre Daten erhalten,schönen Dank an Herrn Jenckel. Ich melde mich, wenn Sie ausgeschlafen haben. Zum Thema. Gutmensch ist nicht nur für mich ein Schimpfwort, weil man mich des öfteren so bezeichnet.Dieses Wort wird nur in einem Zusammenhang mit Diskriminierung verwendet. Es wurde mittlerweilen negativ besetzt. Sowas passiert öfters. Leicht hergesagt , ist eben nicht immer richtig. Ich bin mit dieser Meinung nicht allein. Sprachwissenschaftler haben dieses so festgestellt.

          • Frank Reichenbach

            @ Klaus Bruns

            Machen wir es doch einfacher und in heutigem gebräuchlichem deutsch:

            Ein Gutmensch ist ein Mensch, der aufgrund seiner naiven ,träumerischen Grundhaltung, reale Probleme und die Wirklichkeit nicht sieht, oder aufgrund einseitiger Informationen,bzw. Berichterstattung und fehlender Praxis, sowie fehlender Erfahrungen , eine völlig unangebrachte, naive Haltung hat, die keinerlei Bezug zur Realität hat.

            Das ist nicht weiter schlimm, da er Menschen nichts Böses tut. Nur seine naive und weltfremde Art, ist den meisten einfach zu oberflächlich, da Probleme weder von ihm erkannt, noch mit der nötigen Dringlichkeit bei ihm behandelt und gelöst werden.
            Den Eindruck habe ich vielfach. Man geht pfeifend durchs Land und sieht keine Probleme. Bis der Rentenbescheid auf dem Resopaltisch liegt oder der Sohnemann mit der Lohnabrechnung von der Zeitarbeitsfirma zu Besuch kommt und klagt, das er mit dem Geld nur bis zum 15. des Monats kommt.
            Oder die Merkwürdigkeiten der Kanzlerin einfach zu übernehmen, die immer weiter schwadroniert, das „wir es schaffen“, obwohl die Zuwanderungszahlen nun beängstigende Ausmasse angenommen haben und man mit „mehr als 1 Mio. Menschen“ jährlich rechnet.

            Der Gutmensch sieht darin kaum Probleme, da er an die Mär von den Mehrheit der zivilisierten und gebildeten Fachkräfte glaubt, die sich problemlos migrieren und keinesfalls die Ideologie , der sie angehören, hier bis zum Verdrängen der inländischen Kultur und Werte ausleben werden.
            Ich denke zwar grundsätzlich positiv, aber so weltfremd , die geistigen Ergüsse der Politik in der heutigen Zeit, auch nur ansatzweise zu übernehmen ,so naiv bin ich nicht.

  2. Wo bleibt der VDK mit seiner Forderung, dass alle mit 30 oder mehr Erwerbsjahren eine Mindestrente von 3.000 Euro erhalten. In Anbetracht dieser Forderung einer Kindergrundsicherung wären diese 3.000 Euro Altersrente angemessen. Zahlbar ab dem 50. Lebensjahr, denn ab da werden die Beschäftigungschancen ganz schlecht.

    • Hans Meier, sie als wirtschaftsgläubiger sollten sich ihren zynismus sparen. wenn zyniker und andere menschenverachter bei uns immer mehr das sagen bekommen, wird es mehr ärger geben, als die ihk zum beispiel glaubt. konsumenten kann man heutzutage nur noch das beileid aussprechen. sie gehen genau dem 1% auf dem leim, die genau so viel auf der welt besitzen, wie die 99%. wenn man bei uns die armut erst an den klamotten und den zähnen erkennt, wird es zu spät sein.

      • Ich konnte den Zahlen nicht glauben, sie sind aber tatsächlich noch drastischer als hier aufgeführt. Man muss aber auch erkennen, dass wir hier in Deutschland (dazu zähle ich auch Reppenstedt) ein durchaus luxuriöses Leben führen und zu den lucky guys der unteren 99 % gehören.

  3. Diese Definition gefällt mir wesentlich besser:

    Der Gutmensch glaubt, dass er, im Kampf für das, was er für ,das Gute‘ hält, von jeder zwischenmenschlichen Rücksicht und zivilisatorischen Regel entpflichtet ist.“ 

    Klaus Bittermanns 1994 erschienenes „Wörterbuch des Gutmenschen“

    • Hallo Bundeskasper, ich hatte sie angerufen. dreimal. frage: wie zivilisiert sind landesgrenzen? wer ist zivilisierter, der mensch,oder die ameise?

  4. Kommentare müssen einen konkreten, unmittelbaren Bezug zu LZ-Artikeln haben. Das Thema „Gutmenschen“ wird ab sofort für beendet erklärt. Kommentare werden nicht mehr freigeschaltet. MfG, Elena Gulli (LZonline)