Aktuell
Home | Lokales | Wer zahlt für Schulsozialarbeit?
In Gruppen- und Einzelgesprächen begleitet Birge Schlichting auch die Kinder an der Grundschule Hohnstorf, berät Lehrer und Eltern. Auf ihren Einsatz und den der anderen Schulsozialarbeiter in Stadt und Landkreis Lüneburg möchte eigentlich niemand verzichten: Ungeklärt ist allerdings noch immer die Frage, wer auf Dauer für die Schulsozialarbeit zahlt. Foto: t&w
In Gruppen- und Einzelgesprächen begleitet Birge Schlichting auch die Kinder an der Grundschule Hohnstorf, berät Lehrer und Eltern. Auf ihren Einsatz und den der anderen Schulsozialarbeiter in Stadt und Landkreis Lüneburg möchte eigentlich niemand verzichten: Ungeklärt ist allerdings noch immer die Frage, wer auf Dauer für die Schulsozialarbeit zahlt. Foto: t&w

Wer zahlt für Schulsozialarbeit?

ml Lüneburg. Sozialarbeiter knüpfen dort ein Netz, wo ein Kind zu fallen droht — auch an Schulen. So oder so ähnlich würde Birge Schlichting ihre Arbeit an den Grundschulen Artlenburg, Brietlingen, Echem, Hohnstorf und Scharnebeck definieren. Sie berät Lehrer wie Eltern, bringt beide Parteien zusammen, wenn die Fronten verhärtet sind, und führt viele Gespräche mit den Kindern. Um auszuloten, wo der Schuh drückt. Birge Schlichting baut Brücken, wo es erforderlich ist, oder knüpft Netze, wenn es kritisch wird. Nur wie lange noch? Ende des Jahres läuft die Finanzierung der Schulsozialarbeit in Stadt und Landkreis Lüneburg aus. Die Zeit drängt.

Die gute Nachricht: Die Parteien im Kreistag sind sich einig, wollen die Sozialarbeit an Grundschulen und Integrierten Gesamtschulen (IGS) fortsetzen. Läuft alles nach Plan, ist die Schulsozialarbeit gesichert — zunächst bis Ende des Schuljahres, wahrscheinlich noch darüber hinaus. Die schlechte Nachricht: Es wird Streit geben — wie immer ums Geld.

Unabhängig voneinander haben die rot-grüne Kreistagsmehrheit und die CDU-Fraktion einen Antrag für die nächste Sitzung des Gremiums am Montag, 12. Oktober, gestellt. Ziel ist die Fortführung der Schulsozialarbeit an den Grundschulen und IGS in Stadt und Kreis. Installiert hatte der Kreis dieses Instrument 2012 mit befristeten Mitteln aus dem Bildungs- und Teilhabepaket des Bundes. Rund 1,7 Millionen Euro sind seitdem für die Schulsozialarbeit bereitgestellt worden, Mitte dieses Jahres war der Topf jedoch leer. Da der Bund weitere Zahlungen ausgeschlossen, auch das Land keine Mittel in Aussicht gestellt hatte, beschloss der Kreistag bereits im Dezember 2014 die Finanzierung bis Ende dieses Jahres sicherzustellen. Nun will der Kreis sein finanzielles Engagement fortsetzen — die Kreistagsmehrheit gleichzeitig aber eine Grenze ziehen.

So sieht der Antrag von Rot-Grün vor, die Schulsozialarbeit vorerst bis zum 30. Juni 2016 zu verlängern. Bis dahin soll ein tragfähiges Konzept entwickelt werden, mit dem die Schulsozialarbeit dauerhaft an den Schulen verankert werden kann. Die Stoßrichtung ist klar: Es geht um die Finanzierung. Und Rot-Grün tritt nicht als Bittsteller auf: „Es wird erwartet, dass die jeweiligen Schulträger sich ab dem 1. Juli 2016 finanziell an der Schulsozialarbeit beteiligen, wenn bis dahin keine Landesfinanzierung erfolgt.“

Eine Beteiligung des Landes ist in den kommenden Monaten jedoch kaum zu erwarten. Dabei ist sich das Kultusministerium in Hannover des Problems durchaus bewusst: „Der Ausbau der sozialpädagogischen Arbeit an den Schulen in Niedersachsen wird vom Kultusministerium derzeit mit Nachdruck verfolgt. Gegenwärtig wird an der Entwicklung eines landesweiten Gesamtkonzepts gearbeitet, das die Ebenen Land und Kommune einbezieht“, sagt Sprecher Sebastian Schumacher und nennt das Ziel: „Die soziale Arbeit in schulischer Verantwortung soll dadurch gesichert und optimiert werden.“ Derzeit werde untersucht, welches Modell dafür am besten geeignet sei. Und das dürfte noch dauern. Schumacher weiter: „In der gegenwärtigen Konzeptphase können keine Aussagen zu einem Mitteleinsatz getroffen werden oder anderweitige Festlegungen erfolgen.“ Im Klartext: Kreise und Kommunen müssen sich gedulden.

Doch diese Zeit haben die Beteiligten im Landkreis Lüneburg nicht. Bereits Anfang des Jahres hat die Kreispolitik die Verwaltung beauftragt, Gespräche mit den Städten, Samt- und Einheitsgemeinden als Träger der Grundschulen zu führen. Schon damals ging es darum, die Last von rund 600000 Euro jährlich auf mehrere Schultern zu verteilen. „Ein Ergebnis gibt es jedoch noch nicht“, sagt Martin Wiese, Fachbereichsleiter Soziales beim Kreis.

Der Standpunkt der Schulen ist klar. Schulträger wie Städte und Samtgemeinden, aber auch der Landkreis selbst, zahlen für Bau, Unterhalt und Ausstattung der Schulen, fürs Personal ist das Land zuständig. Zahlen die Schulträger bereits zähneknirschend für Hausmeister und Sekretärin, ist die Frage, wer für die Sozialarbeiter zuständig ist, weiter offen. Deshalb wollen die Kommunen auch nicht zahlen, bleiben die Kosten am Kreis hängen, solange sich das Land nicht bewegt.

Fakt ist jedoch: Am Sinn der Schulsozialarbeit zweifelt niemand. Geklärt werden muss, wer auf Dauer dafür zahlt. Und bei dieser Rechnung dürfte bald auch wieder das Land im Boot sein. Zumal Hannover schon die Sozialarbeit für Haupt- und Oberschulen sicherstellt — zumindest bis Ende 2016.