Donnerstag , 8. Dezember 2016
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Susanne Ostermann, Ausbilderin beim DRK, demonstriert eine Atemspende an einer Baby-Puppe. Hierbei muss der Ersthelfer anders als bei der Ersten Hilfe an Erwachsenen besonders darauf achten, seinen Atem an das Atemvolumen des empfangenden Kindes anzupassen. „Man darf nicht zu fest pusten.“ Foto: t&w
Susanne Ostermann, Ausbilderin beim DRK, demonstriert eine Atemspende an einer Baby-Puppe. Hierbei muss der Ersthelfer anders als bei der Ersten Hilfe an Erwachsenen besonders darauf achten, seinen Atem an das Atemvolumen des empfangenden Kindes anzupassen. „Man darf nicht zu fest pusten.“ Foto: t&w

Niemand ist als Helfer zu klein

cec Lüneburg. Kinder sind Stimmungsseismographen. Geraten die Eltern in Panik, verfallen auch sie in Angst. Vorrangig bei einem Notfall mit Kindern ist darum, Ruhe zu bewahren. „Das fällt vielen schwer, aber es ist wichtig, das „P“ in den Griff zu bekommen und sich darüber einmal im Alltag Gedanken zu machen, auch wenn noch nichts passiert ist“, sagt Susanne Ostermann, „denn Panik macht handlungsunfähig.“ Seit rund 20 Jahren wirkt Ostermann im Roten Kreuz mit, bildet Ersthelfer in Fortbildungen aus. Ganz neu im Programm ist der Kursus „Niemand ist zu klein, Helfer zu sein“, bei dem sie Fachkräften vermittelt, wie sie Kinder an die Erste Hilfe heranführen können (siehe Info-Kasten). Die LZ wollte wissen, worauf es bei einem Notfall mit Kindern ankommt, was den Unterschied ausmacht zu Erste-Hilfe-Maßnahmen an Erwachsenen.

Präventiv sollte man sich zunächst klar machen, dass es zwar möglich ist, Risiken zu vermindern, aber es nicht Ziel sein sollte, Kinder dermaßen in Watte zu packen, dass sie keine Erfahrungen sammeln können. „Kinder müssen hinfallen, um zu lernen, sich abzustützen,“ verdeutlicht Ostermann, „und sie müssen auf die Herdplatte fassen, um zu spüren, was es bedeutet, wenn die Eltern sagen ,Vorsicht, das ist heiß. Denn vorher haben sie keinen Begriff davon.“

Nur beim Umgang mit Flaschen empfiehlt die Expertin strenges Durchgreifen. Mit dem ersten Fläschchen Milch lernen die Kleinen, dass Flaschen Nahrung bedeuten. So greifen sie in unbeobachteten Momenten eben auch mal zu Spüli oder Desinfektionsmittel. Die Inhalte durch Geruch und Wissen zu unterscheiden, erfordere einen längeren Prozess. „Darum sollten Flaschen außer Reichweite aufbewahrt werden.“ Nicht so rigoros sieht die DRK-Fachfrau den Umgang mit Messern. „Verbote bringen nichts. Üben ist besser. Einfach die Kinder beim Schnippeln helfen lassen, dann lernen sie auch gleich Gemüsesorten kennen.“

Kommt es doch zu einem Notfall, gibt es einige Unterschiede zu Erwachsenen, die Ersthelfer bei Kindern beachten müssen. Zum einen der Wärmeerhalt, eine Decke sollte schnell zur Hand sein. „Der Körper kühlt viel schneller aus“, so die Ausbilderin. Auch bei einem Atemstillstand sei anderes Handeln gefragt: „Initial sollte man fünf Atemspenden geben, dann eine Atemkontrolle vornehmen.“ Ein Notruf sollte erst danach abgesetzt werden. Das Atemvolumen muss dem des Kindes angepasst werden. Auch die Herzdruckmassage muss deutlich sanfter angegangen werden – die Bewegungen sachter, bei Kindern mit einer Hand statt beiden Händen, bei Babys nur mit zwei Fingern.

Allgemein empfiehlt Ostermann bei Notfällen die eigene Sicherheit im Auge zu behalten, auch wenn das manchmal schwer falle, denn oft genug müssten Ersthelfer nicht nur Kinder retten, sondern Mama oder Papa gleich mit. „Ich darf mich nicht selbst in Gefahr bringen, zum Beispiel nicht blindlings auf die Straße rennen. Es bringt auch nichts, wenn mein Kind im Eis einbricht und ich hinterherlaufe und ebenfalls einbreche.“ Generell sei es in jedem Aktutfall ratsam, mindestens eine dritte Person hinzuzuholen.

Liegt ein Kind verletzt am Boden und wird verarztet, sei wichtig, den Kontakt aufrechtz halten, möglichst für Ablenkung zu sorgen, das Kind einzubeziehen, in dem es etwa den Verband hält, etwa das Lieblingskuscheltier zur Hand zu haben, die Situation zu erklären und dem Kind zu vermitteln, dass es keine Schuld trägt.

Fortbildung für Pädagogen
Schon länger schult Susanne Ostermann Jugendliche an Schulen im Mesi-Programm — medizinische Erstversorgung mit Selbsthilfeinhalten. Verstärkt gab es in der vergangenen Zeit aber auch Nachfragen von Kitas und Grundschulen. Ein weites Feld, das das DRK personell nicht bedienen kann. Dabei sei es durchaus sinnvoll, bei Kindern schon früher das Helferbewusstsein zu entwickeln, sagt Ostermann: „Jugendliche sind nicht mehr so leicht zu erreichen und zu begeistern, sie haben schon so viele andere Dinge im Kopf.“ Auch hätten sie eher Berührungsängste, wenn es darum geht, andere beim Helfertraining anzufassen. Um der Nachfrage gerecht zu werden, hat das DRK darum die neue Fortbildung „Niemand ist zu klein, Helfer zu sein“ entwickelt, die sich an pädagogische Fachkräfte in Kitas, Grundschulen und Horten richtet. In dem Kursus lernen die Teilnehmer, Kinder spielerisch an Erste-Hilfe-Maßnahmen heranzuführen, das Verantwortungsbewusstsein zu stärken und Kindern umsichtiges und unfallvermeidendes Verhalten näher zu bringen. Die Fortbildung findet statt am Dienstag, 22. September, 9 bis 14 Uhr, beim DRK, Schnellenberger Weg 42 und kostet 70 Euro. Anmeldung bei Irene Srobanek, Tel. 673616.