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Bei Glücksspielsüchtigen dreht sich das Leben nur noch ums Spiel, Geldbeschaffung und dem Vertuschen der Sucht. Um aus dieser Spirale herauszukommen, bedarf es professioneller Hilfe. Foto: A/ta
Bei Glücksspielsüchtigen dreht sich das Leben nur noch ums Spiel, Geldbeschaffung und dem Vertuschen der Sucht. Um aus dieser Spirale herauszukommen, bedarf es professioneller Hilfe. Foto: A/ta

Nina konnte vom Zocken nicht lassen

as Lüneburg. Anfänglich hat sie es aus Langeweile und zum Zeitvertreib getan, höchstens fünf Euro am Daddelautomaten verspielt. Doch irgendwann gewann das Spielen eine Eigendynamik. Nina S.* suchte immer häufiger Spielhallen auf, die Einsätze wurden immer höher. Sie verspielte alles, bis sie blank war. Schuldgefühle, Angst und gleichzeitig der innere Zwang zu spielen bestimmten ihr Leben. Doch dann zog die heute 20-Jährige die Reißleine. Sie wandte sich an die Lüneburger Drogenberatungsstelle (drobs), die Beratung und Hilfe bei pathologischem Glücksspiel bietet. Anlässlich des bundesweiten Aktionstages gegen Glücksspielsucht am Mittwoch, 23. September, setzt auch die drobs auf Aufklärung und Prävention.

Anne Sikorski ist bei der drobs Fachkraft für Glücksspielsucht eine von 24, die die Niedersächsische Landesstelle für Suchtfragen (NLS) eingerichtet hat. „Denn die Zahl der Glücksspielabhängigen ist besorgniserregend und erfordert ein breites Präventions- und Beratungsangebot für Betroffene und Angehörige“, sagt Martina Kuhnt von der NLS. In Niedersachsen haben rund 76000 Menschen ein glücksspielsuchtbezogenes Problem. „Von 1357 Beratungen bei der drobs im vergangenen Jahr haben elf Prozent die Hauptdiagnose pathologisches Glücksspiel“, berichtet Anne Sikorski. Vorwiegend sind es Männer (90 Prozent), meist im Alter zwischen 20 und 45 Jahren. Besonders anfällig sind diejenigen, die bereits im Jugendalter mit dem Glücksspielen angefangen haben. Seit 2001 ist die Glücksspielsucht als Krankheit anerkannt; sowohl eine stationäre als auch ambulante Behandlung ist möglich, die Kosten werden von den Rentenversicherungsträgern und Krankenkassen übernommen.

Ihren richtigen Namen möchte Nina S. nicht öffentlich machen. Der Grund ist die Sorge, dass sie schlechte Chancen auf dem Arbeitsmarkt hat, selbst wenn sie die Therapie erfolgreich abgeschlossen haben sollte. Denn nicht mit Geld umgehen zu können, komme bei Arbeitgebern nicht gut an, ist sie überzeugt. Mehrere Jahre hat sich ihr Leben ums Spielen, um Geldbeschaffung und das Vertuschen ihrer Sucht gedreht. „Nachdem ich anfänglich mit Freunden in die Spielhalle gegangen bin, weil bei uns in der Kleinstadt sonst wenig los war, bin ich bald alleine losgezogen.“ Die Einsätze wurden höher. Das Geld dafür verdiente sie sich, indem sie als Packhilfe arbeitete. „Meiner Mutter habe ich nichts von den Spielhallenbesuchen erzählt. Ich wusste, dass sie das nicht gut gefunden hätte.“ Nach dem Schulabschluss zog sie nach Lüneburg, um einen berufsvorbereitenden Bildungslehrgang zu machen. Um ihre erste Wohnung herum gab es mehrere Spielhallen. „Da ist es eskaliert. Ich bin teilweise mehrmals täglich am Daddel­automaten gewesen, hab das Geld verspielt, das eigentlich für Miete und Essen gedacht war.“ Bei Freunden und ihrer Großmutter habe sie sich Geld geliehen. Schulden habe ich nicht gemacht, „aber ich musste schon Leute anlügen, um Geld zu bekommen, sie hinhalten mit dem Zurückzahlen, weil ich mir dann bei anderen erst Geld leihen musste“.

Ihrer besten Freundin vertraute sie sich schließlich an. Die übernahm dann ihre Geldverwaltung „und war hinterher, dass ich die Sache in den Griff bekomme“. Das klappte nicht. Als Nina S. auch ihre Freundin belog, um irgendwie an Geld zu kommen, ging die Freundschaft fast zu Bruch. Nina S. konnte nicht vom Zocken lassen. Ihr Glück war, dass sie schließlich erfuhr, dass es bei der drobs Beratung für Glücksspielsüchtige gibt. „Allerdings habe ich mich anfänglich gescheut, den Schritt dorthin zu tun. Ich fand: ich brauche doch keine Therapie.“ Doch Freunde hätten sie bestärkt, genau das zu tun. Nina S. bekam einen Therapieplatz. Da sie jedoch zu dem Zeitpunkt einen Ausbildungsplatz erhielt, ließ sie den sausen. „Ich dachte, das krieg ich schon so hin.“ Sie versuchte, weniger in Spielhallen zu gehen, ließ sich in einigen sperren. „Doch dann gab es richtige Einbrüche. Eines Tages habe ich mein Konto komplett leergeräumt, um alles zu verspielen.“ Die Spirale aus Lügen und Vertuschen, dem Hoffen, verlorenes Geld wieder reinzubekommen, drehte sich wieder. „Ich bin oft heulend aus der Spielhalle gelaufen aus Enttäuschung von mir und aus Angst vor den Reaktionen meiner Freunde.“ Nina S. steuerte erneut die drobs an. Eine stationäre Therapie in einer Spezialklinik, die die Einrichtung für sie beantragte, ist genehmigt. Die 20-Jährige hofft nun, ihre Sucht in den Griff zu bekommen.

*Name von Redaktion geändert.

Therapien helfen beim Ausstieg

Zu den Glücksspielen gehören unter anderem Geldspielautomaten, Pokerspiele online oder Sportwetten. Der Reiz eines unerwarteten Geldgewinns macht Glücksspiele spannend. „Die meisten Menschen haben damit kein Problem. Manche können aber mit dem Spielen nicht mehr aufhören. Es entwickelt sich ein unwiderstehlicher Drang, immer wieder zu spielen in der Hoffnung, zu gewinnen oder verlorenes Geld zurückzubekommen“, so die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. Anne Sikorski weiß aus ihrer Arbeit bei der drobs: „Im Durchschnitt verbringt ein pathologischer Glücksspieler vier Stunden und mehr am Stück mit dem Glücksspiel, mehrmals pro Woche. Aber auch die übrige Zeit ist er in Gedanken beim Spiel. Es geht um die Geldbeschaffung, wie man verbergen kann, dass man zum Beispiel den Monatslohn verzockt hat oder wie man Angehörige oder Freunde um Geld anpumpen kann, ohne dass man die Sucht offenbaren muss.“ Glücksspielsucht bestimmt das Alltagsleben der Betroffenen komplett. „Die Folge ist, dass Familie, Beruf und soziale Kontakte vernachlässigt werden.“

Im Beratungszimmer von Anne Sikorski hängt ein Plakat mit der Aufschrift: „Wer beim ersten Mal gewinnt, hat Pech gehabt.“ Ein Großteil der Spielsüchtigen hat zu Beginn ihrer Sucht gewonnen. „Das wird als etwas Positives abgespeichert. Schon bei der Erwartung auf einen nächsten möglichen Gewinn werden Botenstoffe im Körper ausgesandt, die ein gutes Gefühl vermitteln“, erläutert die Fachberaterin. Das Spielen wird häufiger und intensiver, und die Betroffenen sind auch angetrieben, verlorenes Geld zurückzugewinnen. Das Spielen gewinnt eine Eigendynamik. „Auch wenn pathologische Spieler sich und anderen immer wieder versprechen, aufzuhören, scheitern sie meist daran, wenn sie nicht professionelle Hilfe in Anspruch nehmen“, sagt Anne Sikorski. Sie bietet jeden Mittwoch von 10 bis 13 Uhr eine offene Sprechstunde an, telefonisch ist sie unter % 684460 zu erreichen. Im Erstgespräch, das auch anonym möglich ist, spricht sie Behandlungsmöglichkeiten und Therapieangebote an. Sie bietet auch das Programm „In einer Spirale nach oben“ an, mit dem versucht wird, das Spielverlangen des Betroffenen zu reduzieren. „Aber die meisten wollen den kompletten Ausstieg.“ In stationären oder ambulanten Therapien geht es darum, für jeden Einzelnen herauszufinden, was ihn zum Spielen treibt, Verhaltensweisen, die vom Spiel abhalten, aufzubauen und ein neues, verändertes Verhältnis zum Geld zu entwickeln. Aber auch der Besuch einer Selbsthilfegruppe ist eine wichtige Unterstützung.

Im Rahmen des bundesweiten Aktionstages zur Prävention gegen Spielsucht werden auch in Lüneburg Postkarten mit dem Hinweis „Finger weg!“ verteilt. Anstelle einer Briefmarke gibt es einen QR-Code, der auf die Homepage der Suchtberatungsstelle drobs leitet. as