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Matthias Fischer zeigt die Überreste einer Gargrube, eines vorrömischen, eisenzeitlichen Ofens, den die Archäologen bei Grabungen nahe dem Barendorfer Supermarkt gefunden haben. Foto: cw
Matthias Fischer zeigt die Überreste einer Gargrube, eines vorrömischen, eisenzeitlichen Ofens, den die Archäologen bei Grabungen nahe dem Barendorfer Supermarkt gefunden haben. Foto: cw

Steingruben geben Rätsel auf

cw Lüneburg/Barendorf. Im Jahr 1158 wird Barendorf vor den Toren Lüneburgs urkundlich erstmals erwähnt. Doch Barendorf als Siedlungsgebiet ist viel älter: Schon beim Bau der Umgehungsstraße 2006 fanden Archäologen Siedlungsspuren aus dem ersten Jahrhundert nach Christus. Jetzt förderten Grabungsarbeiten sogar Anzeichen einer Besiedelung aus dem dritten Jahrhundert vor Christus zu Tage, der sogenannten vorrömischen Eisenzeit.

„Siedlungsfunde aus dieser Zeit sind relativ selten“, erklärt Bezirksarchäologe Mario Pahlow vom Niedersächsischen Landesamt für Denkmalpflege, während er glücklich über die etwa fußballplatzgroße Fläche neben dem Lebensmittelmarkt schaut. „Deshalb ist jeder Fund für uns wertvoll.“ Die Archäologen kennen die Epoche eher durch Grabstätten, doch die Vorstellung, wie die Menschen damals lebten, beruht auf vergleichsweise wenigen Funden.

Als dem Denkmalamt der Bebauungsplan für das Mischgebiet vorgelegt wurde, klingelten bei Pahlow gleich die Alarmglocken. Der Experte für die ältere vorrömische Eisenzeit in Nordostniedersachsen erinnerte sich sofort an die Funde von 2006 und ordnete eine Untersuchung an, bevor die Bagger unwiderruflich Geschichte zerstören.
Mit einem Spezialfahrzeug wurde die oberste Bodenschicht mit der Vegetation entfernt und der sandige Mutterboden freigelegt. Für den Laien sieht die Fläche aus wie ein riesiger Sandkasten mit einigen wenigen dunklen Klecksen. Doch genau diese Kleckse sind es, die das Herz der Archäologen höher schlagen lassen. „Wenn diese dunklen Flecken tendenziell rund sind, sind sie von Menschen geschaffen“, erklärt Grabungstechniker Matthias Fischer von der Spezialfirma Arcontor. Meist sind es Überbleibsel von Müll-, Gar- oder Vorratsgruben. Er zeigt auf eine orange-braune, rundliche Verfärbung, die am Rand Russspuren aufweist. „Das war eindeutig eine Gargrube — ein Ofen.“

Alle Funde werden dreidimensional vermessen und digitalisiert. Dann folgt die mühselige Handarbeit: Mit der Grabungsschaufel wird Schicht für Schicht zentimeterweise die Fundstelle abgeschabt und durchsucht. Jeder Keramik- oder Knochensplitter zählt, denn die geben nicht nur ein Bild des Lebens sondern ermöglichen auch eine Datierung. Doch besonders ergiebig waren die Arbeiten nicht. „Wir haben erstaunlich wenig Keramik gefunden“, meint Pahlow. „Daraus könnte man schließen, dass diese Siedlung nur kurz bestanden hat.“ Trotzdem ist der Fund bemerkenswert, denn zusammen mit den anderen rund 60 Siedlungsfunden in Nordostniedersachsen ergibt sich ein immer detailierteres Bild des Lebens in der vorrömischen Eisenzeit.

Das wichtigste Mosaiksteinchen der Barendorfer Grabung besteht tatsächlich aus Stein. „Wir haben mehrere Gruben gefunden, die bis zum Rand mit Steinen gefüllt sind“, sagt Fischer. „Die Art der Schichtung deutet darauf hin, dass sie gezielt und fest verfüllt wurden.“ Sie sind kreisförmig und haben einen Durchmesser von rund 80 Zentimetern. „So etwas habe ich noch nie gesehen“, sagt Pahlow. Sinn und Zweck der Gruben sind zunächst nicht erklärbar. Auch die Lage zueinander gibt keinen Aufschluss.

Während die Archäologen sich über den Fund freuen, dürfte der Barendorfer Rat weniger froh sein. Gut 40000 Euro muss die Gemeinde für die Untersuchungen zahlen. Geld, dass bei der aktuellen Haushaltslage nicht gerade übrig ist. „Wir stehen in Verhandlungen mit den Investoren“, erklärt Gemeindedirektor Dennis Neumann. „Möglicherweise können wir da ein bisschen was machen.“