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Das Hören in den Kirchen in Lüneburg und Umgebung ist schwierig. Foto: t&w
Das Hören in den Kirchen in Lüneburg und Umgebung ist schwierig. Foto: t&w

Gottes Wort nicht im Ohr

tt Lüneburg. Günter Schulz sorgt sich um die Kirchen der Region Lüneburg. Nicht etwa um die Bausubstanz oder um die Zukunft der Religion geht es ihm, sondern um die Akustik im Innenraum. „Ich moniere schon seit langer Zeit, dass die Akustik und dadurch das Hören sehr schlecht ist“, erzählt der alteingesessene Bardowicker vor dem dortigen Dom. In seiner Heimatgemeinde Bardowick habe er schon viele Gespräche geführt, doch passiert sei wenig. „Die Gesellschaft wird immer älter“, erklärt er seine Sorge, „und gerade ältere Menschen gehen noch häufig in den Gottesdienst.“ Doch bei schlechtbleibenden Hör-Möglichkeiten fürchtet er auch in der älteren Generation einen Besucherschwund.

Nicht nur der Dom Bardowicks sei betroffen, auch die Kirchen in der Stadt Lüneburg fielen immer häufiger auf. „Ich wohne seit einem Jahr in der Nähe des Wasserturms“, erzählt er, „doch statt in die St. Johanniskirche vor der Haustür zu gehen, nehme ich momentan lieber ein paar Meter mehr nach St. Nicolai in Kauf. Weil da alles stimmig ist.“ Er sehe im Allgemeinen „erheblichen Nachholbedarf“ und gerade beim heutigen Stand der Technik müsse es doch Möglichkeiten geben, findet der 81-Jährige.

Christine Schmid, Superintendentin des Kirchenkreises Lüneburg, ist das Problem bekannt. „Die Akustik in unseren Lüneburger Kirchen ist auf jeden Fall eine Herausforderung, und ich habe Verständnis für die Sorgen der Kirchenbesucher.“ Allerdings arbeite man schon seit Jahren kontinuierlich an der Verbesserung der Akustik. „Die Sprechanlagen werden jährlich gewartet und alle paar Jahre in Zusammenarbeit mit einer Spezialfirma erneuert“, erzählt sie. Dies sei allerdings nicht immer einfach, denn die drei Hauptkirchen der Hansestadt sind allesamt im Stil der Backsteingotik errichtet und somit aus vorreformatorischer Zeit. „Damals wurde in den Kirchen noch kaum gesprochen und viel gesungen“, erklärt Schmid. „Dafür sind die Kirchen auch ideal geeignet.“ Um die Verständlichkeit dennoch hochzuhalten, wurden in den vergangenen Jahren beispielsweise Schwanenhals- und Freisprechmikrofone angeschafft. Doch nicht nur die Technik entwickelt sich fort, auch die Sprechenden, also die Pastoren, tun es. So versuchen sie durch verschiedene Sprechtechniken die Verständlichkeit zu erhöhen, auch ein Sprechtraining habe vor wenigen Jahren stattgefunden.

Kirchenbesuchern, die Probleme mit der Akustik haben, könne Schmid raten, den für sie besten Platz in der Kirche zu suchen. „Einige verstehen dicht am Lautsprecher besser, andere etwas entfernt vom Lautsprecher. Das ist je nach individuellem Hörprofil ganz unterschiedlich“, erzählt sie. Für Träger von Hörgeräten gibt es zusätzlich zum Beispiel in St. Johannis eine sogenannte Induktionsschleife. Hörgeräte müssten dafür zu Beginn des Gottesdienstes umgeschaltet werden. Zur Probe steht auch ein komplettes Induktionshörgerät zur Verfügung. „Wir bleiben weiter an der technischen Entwicklung dran. So hat St. Michaelis kürzlich eine komplett neue Übertragungsanlage installiert und St. Nicolai die Funktechnik modernisiert“, erklärt die Superintendentin. Es wird also viel getan, damit Gottes Wort wieder am eigenen Ohr ankommt.

One comment

  1. Die Elektroakustik hat in den letzten 10 Jahre erhebliche Fortschritte gemacht: so gibt es mittlerweile Lautsprecher, die eine individuell auf das jeweilige Gotteshaus einstellbare Abstrahlcharakteristik haben: diese ist praktisch „schirmförmig“, somit werden nur die Bereiche beschallt, bei denen es notwendig ist (Publikum). Der restliche Raum wird so nicht mehr angeregt, es vermindern sich die Reflektionen/Echos, dadurch wird die Sprachverständlchkeit verbessert.

    Ebenso ist es notwendig, daß auch für die sonstigen Komponenten solche aus der professionellen Beschallungs- oder Studiotechnik zum Einsatz kommen. Nur damit ist ein sicherer und störungsfreier Betrieb gewährleistet. Viele der angesprochenen „Spezialfirmen“ hingegen verwenden billige Fernostware, kleben dann ihr „Kirchenlogo“ drauf und verkaufen es dann den Kirchengemeinden teuer als „Spezial-Kirchenmikrophon“ oder ähnliches.

    In Hamburg und Umgebung wurden in den letzten Jahren Kirchen explizit nicht von sogenannten Kirchenbeschallungsfirmen, sondern von Medieninstallationsfirmen, die z.B. Theaterinstallationen durchführen, ausgerüstet; das Ergebnis kann sich hören lassen: es seien beispielhaft die Kirchen St. Katharinen und St. Ansgar (kleiner Michel) genannt: dort ist trotz der gegebenen großen Halligkeit (aus bauhistorischen Gründen konnte man dort die Nachhallzeit nicht weiter vermindern, wie man es z.B. bei St. Michelis in Lüneburg mit den großen Akustiksegeln erfolgreich praktiziert hat) die Sprachverständlichkeit sehr gut, es kann auch Musik eingespielt werden (z.B. bei Multimediavorführungen), auch Lesungen sind nun sehr gut möglich (Stichwort Kulturkirche).

    Auch bei den Induktionsschleifen gibt es große Unterschiede: nur selten sind diese nach der geltenden Norm DIN EN 60118-4 gebaut und eingestellt: nur dann ist ein störungsfreier und von den Nutzern akzeptierter Betrieb möglich, alles andere, wie früher häufig lieblos zur existierenden Lautsprecheranlage parallelgeschaltete Übertrager, führt nur zu Unzufriedenheit (und Besucherschwund).