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Um die immer mehr zunehmende Versandung der Elbe machen sich Thomas Mitschke (hinten) und Dieter Schmidt Sorgen. Vor dem Bau der Staustufe Geesthacht hatte die Elbe mehr Platz. Foto: pet
Um die immer mehr zunehmende Versandung der Elbe machen sich Thomas Mitschke (hinten) und Dieter Schmidt Sorgen. Vor dem Bau der Staustufe Geesthacht hatte die Elbe mehr Platz. Foto: pet

Verbuschung nur ein Handlungsfeld

pet Bleckede. Zwei Jahre lang war Ruhe. Im Juni 2013 stand die vorläufig letzte „Jahrhundertflut“ an der Elbe fast bis an die Deichkronen im Landkreis Lüneburg. Doch die nächste kommt bestimmt, da sind sich die Experten einig. Und auch darüber, dass die Flutereignisse angesichts des Klimawandels in Zukunft wohl häufiger und noch dramatischer auftreten dürften. Maßnahmen für einen besseren Abfluss der Elbe auf ihrem Weg in die Nordsee gibt es viele. Der Rückschnitt der Verbuschung wird in den nächsten Tagen wieder aufgenommen. Der Bau von Deichen, die Rückverlegung dieser mächtigen Erdwälle und die vermehrte Nutzung von Polderflächen sind nur einige davon.

Darauf, dass eine Maßnahme, die dazu beitragen kann, den Wasserspiegel der Elbe bei Flutereignissen ebenfalls zu begrenzen, bisher zu sehr außer Acht gelassen wurde, weist jetzt die Kreisgruppe des Naturschutzbundes Deutschland (Nabu) hin den Abbau der Sedimentierung, das heißt der Ablagerung von Sand und Kies am Flussgrund und in den Buhnenbereichen zwischen Hitzacker und Geesthacht.

Nabu-Kreisvorsitzender Thomas Mitschke: „Der Nabu fordert die Kommunen, Behörden, Deichverbände sowie den zuständigen Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz und die Biosphärenreservatsverwaltung auf, sich umgehend mit der Sedimentproblematik zwischen der Staustufe Geesthacht und Hitzacker auseinander zu setzen. Im Zuge des in Arbeit befindlichen Hochwasser-Rahmenplans“, so Mitschke, müsse die Sedimentproblematik unbedingt untersucht werden.

„Schuld“ an der Versandung der Elbe, so Mitschke, sei die Anfang der 1960er-Jahre in Betrieb gegangene Staustufe Geesthacht, die seitdem eine feste Grenze zwischen dem von Ebbe und Flut bestimmten Teil der Elbe sowie der Mittel- und Oberelbe bildet. Durch die Staustufe wurde die Fließgeschwindigkeit der Elbe verringert und dem natürlichen Transport der Sedimente die Elbe hinunter bis in die Nordsee hinein eine Grenze gesetzt die stauen sich jetzt bis nach Hitzacker hinauf.

In Bleckede aufgewachsen ist Nabu-Mitglied Dieter Schmidt. Der 62-Jährige hat in der Elbe gebadet, geangelt, hat den Strom seit mehr als einem Jahrhundert fest im Blick. Und Schmidt weiß, wie es an der Elbe vor dem Bau der Staustufe Geesthacht ausgesehen hat. Wo sich heute Strände und Sanddünen teilweise meterhoch aufgetürmt haben, habe früher das Wasser gestanden, die Uferränder seien schlammig gewesen, heute, bedingt durch die Durchmischung mit Sand, sei die Oberfläche trittfest.

Drei bis vier Millionen Kubikmeter Sedimente, schätzt Schmidt, hätten sich in den vergangenen Jahrzehnten zwischen Hitzacker und Geesthacht in der Elbe gesammelt. Um 30 bis 40 Zentimeter hätten sie die Flusssohle erhöht. Nicht zu übersehen seien die Dünen, die sich im Deichvorland gebildet haben. Und die Sandflächen hätten in großen Teilen die zunehmende Verbuschung erst möglich gemacht. Die 80 bis 120 Meter langen Buhnenköpfe seien in der Zwischenzeit teilweise fast völlig versandet und zugewachsen.

„Flickschusterei“ nennt es Nabu-Chef Mitschke, wenn heute beim Schutz vor künftigen Hochwassern nur an den Rückschnitt der Verbuschung gedacht wird. „Der Rückschnitt kann nur ein erster Schritt sein“, sagt er. Den Wasserstand könne er nur um wenige Zentimeter absenken. Dass dies „die entscheidenden Zentimeter“ sein können, weiß auch Mitschke, doch: „Beim Rückschnitt bezahlt in erster Linie die Natur.“

Bewusst ist Thomas Mitschke und Dieter Schmidt die Dioxin-Problematik an der Elbe vor allem aus den Industriegebieten in Sachsen sind noch zu DDR-Zeiten große Menge des gefährlichen Gifts die Elbe hinabgeflossen. Wie hoch der Grad der Kontamination ist, müsse von der Projektgruppe, die sich mit dem neuen Hochwasser-Maßnahmenplan befasst, zwischen Hitzacker und Geesthacht flächendeckend geprüft werden. Ebenso, ob der Sand aus den Uferbereichen möglicherweise genutzt werden kann. Mitschke: „Und das, bevor der Entwurf des Plans in das öffentliche Beteiligungsverfahren geht.“

Der Nabu-Vorsitzende mahnt: „Wir müssen bei Hochwasserschutzmaßnahmen auch an unsere Kinder, an unsere nachfolgenden Generationen denken. Nach uns die Sintflut reicht nicht.“

Rückschnitt und Info-Veranstaltung

Mit dem Herbstmonat Oktober beginnen auch die Rückschnittarbeiten am Elbufer, um die sogenannte Verbuschung des Deichvorlandes einzudämmen. Zwischen Herrenhof und Darchau schneidet die Firma Zeyn ab kommender Woche die Gehölze zurück. Linkselbisch arbeitet die Firma Hof Steinberg im Deichvorland in Barförde. Die Arbeiten laufen vom 1. Oktober bis zum 29. Februar 2016.

„Der Niedrigwasserstand der Elbe ist für die Rückschnittarbeiten günstig“, sagt Stefan Bartscht, Fachdienstleiter Umwelt im Landkreis Lüneburg, „so kann auch nah am Ufer gearbeitet werden.“ Im kommenden Jahr sollen dann je nach Möglichkeit Schafe und Rinder die Flächen beweiden. Mit den Arbeiten werden die Rückschnittarbeiten aus dem vergangenen Jahr fortgeführt, die der EU in Brüssel vorgestellt und als vorgezogene Maßnahmen befürwortet worden waren. Entsprechende Ersatzpflanzungen sind hierfür noch erforderlich.

Doch die Suche nach geeigneten Flächen gestaltet sich schwierig. Auf rund 33 Hektar muss der Landkreis Silberweidenauwald nachpflanzen. Für jeden gefällten Baum, müssen zwei neue in die Erde gebracht werden. „Die Nachpflanzungen wieder an der Elbe vorzunehmen, ist den Menschen schwer zu mitteln“, sagt Bartscht. Deshalb setzt der Landkreis auf die Nebenflüße. Flächen an Jeetzel und Sude sind bereits untersucht. „Doch der von uns beauftragte Gutachter hält die Bereiche für ungeeignet“, sagt Bartscht. Bodenverhältnisse und Strömungsdynamik passten nicht zu den Anforderungen eines Silberweidenauwaldes. Ein weiterer denkbarer Standort sind laut dem Kreismitarbeiter Uferbereiche an der Seege. „Doch die müssen noch untersucht werden.“

Sollten Ausgleichsmaßnahmen auch dort nicht möglich sein, bleibt nur noch das Elbe-Ufer. Flächen bei Walmsburg, Herrenhof und Stiepelse hat der Kreis bereits von der Bundesanstalt für Gewässerkunde in deren 2D-Strömungsmodell der Elbe rechnen lassen. „In diesen Bereichen ist das Vorland sehr breit und die Strömungsgeschwindigkeit gering, daher dürften zusätzliche Anpflanzungen kaum Einfluss auf den Hochwasserabfluss haben“, sagt Bartscht. Die Ergebnisse der Berechnungen werden am Dienstag nicht öffentlich in Bleckede vorgestellt. Ebenso wie die Ergebnisse sämtlicher Maßnahmen, die der Arbeitskreise Elbe, in dem Vertreter von Behörden, Kommunen und Verbänden sitzen, zur Verbesserung des Hochwasserabflusses an der Elbe ins Auge gefasst hat.

Insgesamt viel Diskussionsstoff für die Veranstaltung „Sind Hochwasserschutz und Naturschutz vereinbar?“, zu der der Verein zum Schutz der Kulturlandschaft und des Eigentums im Elbetal für Mittwoch, 30. September, eingeladen hat. Beginn ist um 19 Uhr im Bleckeder Haus. Diskutiert werden zunächst auf dem Podium die Fragen, wo Ausgleichsmaßnahmen durchgeführt und wie Flächen im Anschluss an einen Rückschnitt gepflegt werden sollten. Danach hat das Publikum die Gelegenheit, Fragen zu stellen.

Auf dem Podium dabei sind die CDU-Landtagsabgeordnete Karin Bertholdes-Sandrock, Stefan Bartscht vom Landkreis Lüneburg, Karsten Petersen vom Niedersächsischen Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz, Ortrun Schwarzer den Zuhörern Rede und Antwort stehen.