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Die Hamburger Wissenschaftssenatorin Katharina Fegebank begrüßte zusammen mit Uni-Präsident Sascha Spoun in St. Johannis die neuen Erstis. Foto: t&w
Die Hamburger Wissenschaftssenatorin Katharina Fegebank begrüßte zusammen mit Uni-Präsident Sascha Spoun in St. Johannis die neuen Erstis. Foto: t&w

Leuphana-Startwoche: Tag eins für die „Problemlöser“ + + + Mit LZplay-Video

mm Lüneburg. Gedränge vor der Kirchentür, jeder möchte schnell herein, die guten Plätze könnten sonst alle belegt sein. Tausende junge Menschen auf einmal strömen in die St. Johanniskirche am Platz Am Sande. Es ist ihr großer Tag, ein Neubeginn. Wie damals die Einschulung. Schultüten gibt es nun aber keine mehr. Dafür Willkommensgrüße von allen Seiten und Begrüßungsworte von Funktionsträgern. Der erste Uni-Tag beginnt.

Als die Kirchturmuhr draußen 10 Uhr schlägt, beginnt drinnen die Musik zu spielen, Orgel und Trompete im Duett, zackig, aufwühlend, ergreifend. Die Redner der offiziellen Begrüßungsfeier für die rund 1500 Erstsemester, liebevoll auch Erstis genannt, wollen dem in nichts nachstehen.

Gleich wird Uni-Präsident Sascha Spoun vortreten. Er sitzt in der ersten Reihe, wird von Professor Achatz von Müller, Leiter des Leuphana College, angekündigt als „Freund und Mahner der Studenten“. Aber nicht nur das. Es gibt reichlich Lobesworte für Spouns Arbeit, wie: „Er hat einer rein ökonomischen Fachhochschule ein universitäres Gesicht verliehen und europaweit bekannt gemacht“, sagt Achatz von Müller. Applaus, Spoun tritt ans Rednerpult.

Es sei seine zehnte Eröffnungsrede, hat er der LZ vorher verraten, die neunte bei einer Startwoche — sein Baby. Sie ist eine von Spouns vielen Neuerungen an der Uni. Stillstand herrscht bis jetzt nicht. Nicht auf der Baustelle Zentralgebäude, nicht an der Leuphana, die sich seit Spouns Berufung auf den Weg gemacht hat. Das sollen auch die neuen Studenten.

„Die Leuphana ist der beste Ort, um Eure Wissbegierde zu stillen“, spricht er ins Mikrofon. Spoun stellt das Verständnis von Freiheit in den Vordergrund. „Ihr könntet jederzeit wieder gehen, aber Ihr werdet hoffentlich bleiben.“ Die Studenten sollten Wissen sammeln, „und nicht nur die richtigen Arbeitsschritte lernen“. Spoun betont die „Wertschätzung, die jeder erfährt für Wissen, das er anhäuft.“

Wie Katharina Fegebank. Nach ihrem Studium arbeitete sie im Uni-Präsidium. Jetzt ist Fegebank Wissenschaftssenatorin in Hamburg und zweite Bürgermeisterin der Hansestadt. Die Grüne schwört die Studenten ein, auf große gesellschaftliche Herausforderungen, die vor ihnen lägen, „ihr seid Innovationstreiber und Problemlöser“. Ein Thema liegt ihr besonders am Herzen: Die Bewältigung der Flüchtlingskrise. Durch ziviles Engagement. Das sollen auch die Studenten schon in ihren ersten Tagen an der Universität zeigen. Ihre Aufgabe während der Startwoche: Ein soziales Projekt gründen oder Geschäftsideen entwickeln, mit denen Menschen geholfen werden kann.

Die Idee gefällt Bürgermeister Eduard Kolle. Lüneburger kennen ihn als humorvollen Redner, die neuen Studenten noch nicht. Er bedankt sich, dass er, anders als seine Vorredner, seine Grußworte auf Deutsch vortragen darf und nicht auf Englisch reden muss. Er habe zwei große Fehler in seinem Leben gemacht: „Keine Fremdsprache und kein Musikinstrument gelernt.“ Seine Sprachkenntnisse zu erweitern, gelinge ihm nicht mehr, den zweiten Fehler will er beheben: „Sobald ich meine Ämter ablege, ärgere ich meine Nachbarn und kaufe mir ein Schlagzeug. Das bleibt aber unter uns“. Gelächter. Er hat die Studenten für sich gewonnen, erst recht, als er sagt: „Lüneburg wäre nicht die Stadt, die sie ist, ohne ihre Studenten“.

In die Stadt zieht es die Erstis nach der Eröffnungsfeier. Zum „LüneSlam“. In Gruppen sollen sie mit ihren Tutoren Lüneburg erkunden, Bilder knipsen, ein kurzes Video von ihren ersten Eindrücken drehen. Vorbereitung auf die Tage, die vor ihnen liegen — als soziale Ideengeber.

Mehr dazu: 

Leuphana-Startwoche 2015: Erstsemester beschäftigen sich mit sozialem Unternehmertum

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11 Kommentare

  1. »Sascha Spoun […] „hat einer rein ökonomischen Fachhochschule ein universitäres Gesicht verliehen und [sie] europaweit bekannt gemacht“, sagt Achatz von Müller.«

    Nie wurde ehrlicher gesprochen! Eine rein ökonomische Fachhochschule ist mit den Mitteln der Reklame als „Universität“ maskiert und europaweit als größenwahnsinnige Lachnummer bekannt gemacht worden. Und zwar „nachhaltig“.

    • Diese sogenannte rein ökonomische Fachhochschule bestand aus ZWEI Studiengängen: Wirtschaft und Sozialarbeit. Beide übrigens mit einem hohen Renommée.

      Herr Achatz von Müller hat keine Ahnung oder ….

      Auch die Startwoche ist nicht die Erfindung von Herrn Spoun – die gab es schon zu meinen Zeiten (1981) und davor. Sie wurde von Professoren und Studenten gemeinsam durchgeführt.

      Es ist schon mehr als peinlich, wie sich da mit Federn geschmückt wird, die man zuvor ausgerupft hat.

    • Georg Wüstenhagen an Jochen Krull

      FÜR MICH war es noch eine reine PÄDAGOGISCHE Hochschule (PH) als Mitte November 1968 Rektor Professor Hermann Gackenholz mit den Worten „Die Veranstaltung ist beendet“ aus dem Festsaal stürmte und einige Kollegen ihm mißgelaunt folgten.

      Im Saal blieben 400 angehende Volksschullehrer vergnügt sitzen. Sie hatten gerade ihre Startwoche und Immatrikulationsfeier planmäßig platzen lassen.

      Kaum hatte die Feier nämlich begonnen, da ließen sie schon Flugblätter flattern, in denen das Ereignis als „Integrationsfeierei mit Patriarchen und Häuptlingen“ karikiert wurde. Bei der Vorstellung des Akademischen Rats Dr. Friedrich erhob sich der schnauzbärtige Student Günter Heidmann und verneigte sich nach allen Seiten.

      Danach beklagte sich die Studienanfängerin Renate Petter, 21, in ihrer Festansprache — von einem Pult mit der Aufschrift „Königliches Lehrerseminar“ -, daß hier „psychische Krüppel durch eine autoritäre Erziehung entstehen“. Und schließlich stürmten SDS-Studenten das Mikrophon, um mit der „lieben Scheingemeinschaft“ Studienprobleme zu erörtern.

      Der Zorn des Rektors Gackenholz („Das wird das erste Semester nicht vergessen“) wurde von Lüneburger Realschullehrern geteilt. Zwei Tage später, in der großen Pause, beschloß das Kollegium der Christiani-Schule mit 19 gegen zwei Stimmen, die „terrorähnlichen Verhaltensweisen einer kleinen radikalen Minderheit … anläßlich der Immatrikulationsfeier“ zu ahnden: „Wir lehnen es ab, Studenten der PH als Praktikanten zu betreuen, die sich nicht zur demokratischen Grundordnung … bekennen.“

      Diesen Beschluß verkündeten die Realschul-Pädagogen per Leserbrief in der „Landeszeitung für die Lüneburger Heide“. Und Rektor Dr. Elmar Peter, 48, bat per Umlaufschreiben die Kollegen an den übrigen 13 Real-, Volks- und Sonderschulen Lüneburgs, „sich mit uns in dieser Hinsicht solidarisch zu erklären“.

      Wenn auch „Sympathiebezeigungen in der Breite“ (Peter) nicht auf sich warten ließen, offizielle Solidaritätsbekundungen blieben aus. Nur sieben Lüneburger Junglehrer fragten in einem offenen Brief, ob die „Verfasser jenes Rundschreibens das Grundgesetz nicht gelesen oder … bewußt ignoriert“ hätten und ob „politisch denkenden und handelnden jungen Bürgern unseres Staates … Studiums- und Examensmöglichkeiten beschränkt“ werden sollten.

      Das befürchteten auch die meisten der 796 Pädagogik-Studenten. Ihr Asta fragte den resoluten Rektor Peter in einem ungenügend frankierten Eilbrief: inwieweit glauben Sie berechtigt zu sein, qua Selbstjustiz Verfassungsgerichten die Arbeit abzunehmen?“ und bat den Lehrkörper der Christiani-Schule „sehr herzlich“ für den folgenden Tag zu einem Teach-in.

      Das war nicht nach Rektor Peters Geschmack. Er schlug einen kleineren Treff („je fünf Teilnehmer“) im Klubzimmer eines Gasthauses vor, doch Asta-Vorsitzender Wolfgang Meisen, 25, lehnte ab: „Wir wollen nach dem Paukenschlag des Lehrerleserbriefes kein Harfengesäusel im Hinterzimmer, sondern die öffentliche Austragung des Konfliktes.“ Auch ohne offizielle Vertreter der Christiani-Schule fand in der Aula der PH das Teach-in ein zahlreiches Publikum.

      Am Rednerpult prangte der Zweizeiler: „Ein übler Vertreter — der Dr. Peter.“ Doch Schüler der Christiani-Schule fanden das gar nicht und verteidigten ihren Schul-Chef.

      Aber die Ansichten der Erwachsenen waren geteilt. Christiani-Schullehrer Turau warnte vor „Gruppen, die an diesem Staat rütteln“. Christiani-Schullehrer Michaelis dagegen bedauerte, daß sein Kollegium die „Konsequenzen nicht voll durchdacht“ habe. PH-Professor Schlotthaus bezeichnete die Störaktionen als „besorgniserregendes Mittel“. PH-Professor Sauer dagegen lobte die heilsame Unruhe, ohne die es eine „pädagogische Provinz“ gäbe. SDS-Sprecher Helmut Kuhnt ortete eine „Manifestation des schleichenden Faschisierungsprozesses“ bekam aber vom ehemaligen Asta-Vorsitzenden Klaus von Geiso „unreflektiertes Handeln“ vorgeworfen.

      Es blieb bei Debatten. Ein vom SDS für die Christiani-Schule empfohlenes Go-in wurde von der Mehrheit nicht akzeptiert. SDS-Chef Ritter: „Wir wollten die anderen Schulen veranlassen, doch noch der Peter-Petition zu folgen. Erst danach wären die faschistischen Tendenzen an den Lüneburger Schulen vollends offenbar geworden.“

      Wenn es sie gibt“ so blieben sie verborgen und die „Konflikte vermuschelt“ (Ritter). Der Asta forderte die Christiani-Lehrer auf, „durch einen Leserbrief in der „LZ‘ selbstkritisch von dem ersten Beschluß Abstand zu nehmen“. Doch das Kollegium antwortete Anfang vorletzter Woche lediglich, es sei „nicht die Instanz, die einzelnen Studenten wegen politischer Verhaltensweisen, die sie vor ihrem Praktikum gezeigt haben, eine Ausbildung in unserer Schule verwehren kann“ — als ob es nie zuvor gerade das versucht hätte.

      Der getarnte Rückzug ist freilich verständlich: Nach dem Aufruhr um den Rektor-Aufruf wurde Rektor Peter, wie er angibt, „vom Regierungspräsidenten zurückgepfiffen“ — was Präsident Kaestner bestreitet: „Nein, wie sollte ich?“

      Kaestner, der auch Chef der Schulaufsichtsbehörde ist, hat die Entscheidung“ wer an Lüneburgs Schulen als Praktikant zurückgewiesen werden soll, sich selbst vorbehalten. Er sieht freilich „keinen Anlaß, dieses Kollegium zu rügen“. Denn: „Ich bin froh“ wenn Leute sagen: „Wir sind verfassungstreu‘ und wir wollen keine Verfassungsfeinde haben. Warum sollten Lehrer nicht genauso engagiert sein wie SDS-Studenten?“

      Beamte des niedersächsischen Kultusministeriums beurteilen den Vorstoß der Christiani-Lehrer ebenso wohlwollend. Oberregierungsrat Hesse: „Verständlich in jedem Fall.“ Realschulreferent Rohlfink: „In der Sache hat Dr. Peter sicher recht, ob es politisch klug war, ist eine andere Sache.“

  2. Zu den vorherigen Kommentaren: Achtung Missverständnis – der Autor des Artikels hat nicht richtig hingehört. Prof. von Müller bezog sich mit seiner Bemerkung auf die „rein ökonomische Fachhochschule“, die sich zur Universität entwickelte, auf die Universität St. Gallen (früher: Hochschule St. Gallen), und nicht auf die Universität Lüneburg.

    • Schon klar Joshua. Aber warum kaum jemand diese Unterscheidung bemerkt hat, ist doch die eigentlich interessante Frage.

      Im übrigen war die Gefahr der Missverständnisse durchweg sehr hoch, da man sowohl bei von Müller als auch bei Spoun den Eindruck hatte, ihr Englischlehrer müsse Günther Oettinger gewesen sein.

    • Ich möchte Joshua hier wiedersprechen.
      Zugegeben, Herr Achatz von Müller war sehr ungenau. Ich gehe aber davon aus, dass Herr AvM die Leuphana meinte. Auch dem Reporter der LZ erschien dies so, wie er mir im Gespräch erläuterte, Herr Matthies hatte (wenn ich dies korrekt verstanden habe) dieses Zitat anhand seiner Aufzeichungen mehrfach kontrolliert.
      Hinzu kommen mehrere Indizien, dass AvM die Leuphana meinte:
      * St Gallen ist immer noch sehr start ökonomisch orientiert.
      * St. wurde Gallen bereits 1994 zu einer Universität, da war Herr Spoun mit seinem Studienabschluss beschäftigt.
      * Letztes Indiz: Herr Spoun hat in St.Gallen nur die Lehre neu konzipiert und auf Ba/Ma umgestellt (und sein Buch „Erfolgreich studieren“ begonnen). Ob ein neues Studienmodell ausreicht, einer Hochschule europaweit ein neues Image zu verpassen, wage ich sehr zu bezweifeln.
      * Zu guter Letzt gab es bereits mehrere Vorfälle, bei denen (junge) Universitätsmitarbeiter,meist aus dem Marketing, behauptet haben, die Universität sei erst 2006 gegründet worden. Ich halte es für sehr gut möglich, dass HerrAchatz von Müller ebenso missgeleitet ist.
      Zumindest hab ich meinen vorhin eingesandten Leserbrief in diesem Sinne geschrieben.

  3. Tolles Foto wieder mal wieder

    La belle et la bête. Der Brillenrahmen nach der Haarfarbe der Begleiterin ausgesucht, das Blau des Kleides mit den Pigmenten im Stroma der präsidialen Regenbogenhaut korrespondierend, beider Erscheinung eindeutig von gleicher Kragenweite und beider Physiognomie von keiner Blässe eines echten Gedankens angekränkelt.

    • „La belle et la bête“ ?

      Ich erkenne in der Aufnahme vor allem das kreative Interesse von Andreas Tamme und Hans-Jürgen Wege an der allegorischen Dekonstruktion neo-barocker Allegorien und Allegoresen, wobei das fotografische Sinnbild dazu dient, die Allegorese, also die Interpretationsform der Allegorie, also der Textform, in den Selbstzuschreibungen der Protagonisten („Die Universität hat entschieden …“, „Die Stadt sieht sich genötigt…“, etc.) zu distanzieren.

      Daher kommen mir die beiden gezeigten Figuren eher vor wie die lebensfrohe Zuversicht neben der blutleeren Verkniffenheit, das energisch Zupackende neben dem pedantisch Anklammernden, das Vitale neben dem Erschöpften, etc.

      • Stimmt. Die Photographie erinnert irgendwie an den kraftstrotzenden Michail Gorbatschow neben dem verbrauchten und völlig in sich verkanteten Erich Honecker auf dem XI. Parteitag der SED 1986 in Ost-Berlin.

        • Was man nicht sieht

          Die Strafe des Lügners ist nicht, dass ihm niemand mehr glaubt, sondern dass er selbst niemandem mehr glauben kann.