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Busfahrer wie Holger Denecke (r.) helfen selbstverständlich, wenn Fahrgäste mit Rollator, wie Horst Wolters, in den Bus einsteigen. Aber viele Nutzer von Mobilitätshilfen möchten es lieber selbst machen. Foto: t&w
Busfahrer wie Holger Denecke (r.) helfen selbstverständlich, wenn Fahrgäste mit Rollator, wie Horst Wolters, in den Bus einsteigen. Aber viele Nutzer von Mobilitätshilfen möchten es lieber selbst machen. Foto: t&w

Auch auf Rollen sicher im Verkehr

cec Lüneburg. Horst Wolters umfasst energisch mit beiden Händen seinen Rollator, setzt an, ihn in einem Schwung die Stufe in den Bus hochzuwuppen. Günter Schwarz vom Auto Club Europa (ACE) neben ihm versucht noch, ihn zu bremsen. „Nee, lassen se mich mal allein“, wehrt Wolters ab, hievt den Rolli hoch, steigt hinterher, um im nächsten Moment Schwarz zu bitten: „Halten Sie mich fest, halten Sie mich.“ Die Beine versagen, fast wäre Wolters rückwärts wieder aus dem Bus gefallen.

„Sie wollen nicht auf mich hören“, sagt Schwarz und erklärt Wolters, der mittlerweile leicht wackelig auf seinem Rollator Platz genommen hat, wie es richtig geht: Heranfahren, Handbremse anziehen, vorne ankippen, Handbremse lösen, die Hinterräder nachschieben, Handbremse anziehen, hinterher klettern. Wie das komplizierter, aber sicherer geht, lernt Wolters beim Aktionstag von ACE und Awo auf dem Parkplatz Bülows Kamp, Thema: Sicherheit im Straßenverkehr für Rollstuhl- und Rollatorfahrer.

In einem KVG-Bus am Fahrbahnrand können hier Menschen mit Mobilitätshilfen ganz in Ruhe das Ein- und Aussteigen üben, auf einem kleinen Parcours verschiedene Alltagshindernisse bewältigen. In der Gaststätte gegenüber steht parallel eine Fachfrau zum Hör- und Sehtest bereit. Experten einer Reha-Firma inspizieren unterdessen den Zustand der Rollstühle und Rollatoren. Von 10 bis 14 Uhr läuft die Aktion, gegen Mittag haben schon gut 50 Besucher das Angebot genutzt. „Unsere Kooperation war eine hervorragende Idee des ACE“, erklärt Awo-Vorstand Achmed Date, „so erreichen wir Menschen, die besondere Hilfestellung brauchen, aber nur schwer annehmen können.“ Mehr Sicherheit im Straßenverkehr führe auch zu mehr gesellschaftlicher Teilhabe, denn Menschen, die auf Mobilitätshilfen und öffentliche Verkehrsmittel angewiesen seien, würden aus Furcht, nicht richtig in den Bus zu kommen oder zu langsam zu sein, in der Konsequenz häufig vorziehen, zu Hause zu bleiben.

Horst Wolters Verhalten sei recht typisch, sagt ACE-Experte Schwarz: „Gehbehinderte wollen möglichst selbstständig sein, sich und anderen zeigen, dass sie es noch selbst können und haben darum häufig eine Hemmschwelle, den Busfahrer um Hilfe zu bitten.“ Das bestätigt Wolters, merkt aber auch an, dass dies nicht die einzige Hürde sei: „Die Busfahrer fahren häufig nicht nah genug an den Bordstein heran, dann ist der Abstand zu groß, um in den Bus zu kommen.“ Wünschenswert, aber vermutlich nicht zu finanzieren sei eine Nachrüstung der Bushaltestellen mit gepflasterten Rampen bis auf Höhe des Einstiegs — „so wie an den S-Bahn-Haltestellen in Berlin“ — dann erübrige es sich, den Busfahrer um Hilfe bitten zu müssen. Auch seien die Bodenbeläge in den Bussen zu glatt. „Gerade wenn es nass ist, rutsche ich oft nach dem Einsteigen quer durch den Bus.“

Kritik an der Inneneinrichtung mancher Bus-Modelle übt auch der ACE-Regionalbeauftragte Matthias Cordts. Die Idee zu dem Aktionstag sei ihm während einer anderen Aktion gekommen: „Mach mit, fahr Schritt“, bei der es um das richtige Verhalten von Autofahrern in Busnähe ging. „Dabei haben wir festgestellt, dass in vielen Bussen die Sicherungen für Mobilitätshilfen recht dünn ausfallen. Wenn die Menschen nicht drauf sitzen, kippen sie schnell um.“ Cordts appelliert darum an die ÖPNV-Betreiber, Busse mit besseren Haltesystemen auszustatten.