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Wäre die Teilung Deutschlands nicht aufgehoben worden, hätten sich Bernhild und Tobias Jüngerink nie kennengelernt. Ole ist für die beiden ein Zeichen der geglückten Verbindung zwischen Ost und West. Foto: t&w
Wäre die Teilung Deutschlands nicht aufgehoben worden, hätten sich Bernhild und Tobias Jüngerink nie kennengelernt. Ole ist für die beiden ein Zeichen der geglückten Verbindung zwischen Ost und West. Foto: t&w

Die „Einheitsfamilie“

Am Sonnabend werden sie wieder hochkommen: die Erinnerungen an Momente des Glücks, die Freude darüber, endlich wieder eins zu sein, ein Deutschland. Am 3. Oktober 1990 wurde vollendet, was wenige Jahre zuvor nur wenige für möglich gehalten hatten: die Deutsche Einheit. Seitdem wächst zusammen, was so lange getrennt war. Seit 25 Jahren. Und am Ziel sind die Deutschen in Ost und West immer noch nicht. Längst mischen sich in die Glücks- und Freudengefühle auch Erinnerungen an schwere Zeiten und Leid.

Von Emilia Püschel
Lüneburg. Eigentlich hätte Ole schon einen Tag früher zur Welt kommen sollen, die Frauenärztin hatte den 2. Oktober als Geburtstermin berechnet. Doch die Eltern des Jungen — Tobias Jüngerink aus Ost- und seine Frau aus Westdeutschland — hatten eine fixe Idee: „Wir dachten uns, ist doch klar, wir bekommen ein Einheitskind“, erzählt Bernhild Jüngerink. Zuerst schien das auch zu klappen, denn erst am frühen Morgen des 3. Oktober setzten bei ihr die Wehen ein. Doch dann zog sich die Geburt hin. Erst um 23.39 Uhr wurde Ole mit der Saugglocke geholt — und damit gerade noch rechtzeitig am Tag der Deutschen Einheit.

Das Ehepaar Jüngerink sitzt auf dem Sofa im Wohnzimmer eines Einfamilienhauses am Lüneburger Stadtrand. Hinter den Fensterscheiben, im Garten, springen Ole, seine kleine Schwester Greta und eine Freundin Trampolin. Tobias Jüngerink legt den rechten Arm um seine Frau, dann beginnt er zu erzählen.

Geboren worden sei er 1979 in Zerbst in der ehemaligen DDR, den größten Teil seiner „glücklichen Kindheit“ habe er mit den Eltern und zwei älteren Geschwistern in Fürstenwalde bei Berlin verbracht. „Ich hatte nicht die klassische DDR-Kindheit, war weder bei den jungen Pionieren noch bei der Freien Deutschen Jugend“. Tobias Jüngerinks Vater war evangelischer Diakon, sein Verhältnis zur DDR-Staatsführung angespannt. „Meine Eltern haben Widerstand geleistet“, sagt er.

Langsam kommen die Erinnerungen an die Kindertage im geteilten Deutschland zurück. „Es gab lange nicht so viel Essen bei uns wie im Westen und nur ganz einfache Sachen“, sagt der 36-Jährige. „Wir lebten immer an der Existenzgrenze, haben oft Pilze gesammelt und Beeren eingeweckt.“ Einmal im Jahr schickten die Verwandten aus dem Westen Care-Pakete. „Da waren manchmal auch Astrid-Lindgren-Bücher oder Lego drin — das war natürlich der Oberkracher.“

Bernhild Jüngerink lebte zur selben Zeit rund 550 Kilometer weiter westlich, auf einem Bauernhof in der Grafschaft Bentheim an der holländischen Grenze. Zwar hätten sie auch dort viele Lebensmittel selbst eingemacht, „aber wir durften die Wurst auch mal ohne Brot essen. Unsere Kindheiten waren sehr verschieden.“

Den ersten Tag der Deutschen Einheit erlebten beide ebenfalls ganz unterschiedlich. Während Tobias Jüngerink 1990 bei der großen Feier in Berlin auf den Schultern seiner Eltern im Getümmel thronte und von weitem Blicke auf Helmut Kohl, Hans-Dietrich Genscher und Richard von Weizsäcker warf, saß die 13-jährige Bernhild Jüngerink mit ihren Eltern vor dem Fernseher. „Dass in Berlin etwas Besonderes passierte, war mir klar“, sagt sie. „Aber für mich war das alles so weit weg, einordnen konnte ich es nicht.“

Irgendwann, Jahre später, kamen ihr die Ereignisse dann doch ganz nah. Ende 2000 lernte sie beim Studium in Oldenburg ihren jetzigen Mann Tobias kennen, und mit ihm seine Vergangenheit. „Tobi sagt manchmal, ich sei ein verwöhntes Westkind, dafür denke ich mir hin und wieder ,Ach, der Ossi“, erzählt die 38-Jährige schmunzelnd. Abgesehen davon ist im Hause Jüngerink die Geschichte Geschichte. Am 3. Oktober wird bei ihnen weniger der Tag der Deutschen Einheit gefeiert als vielmehr Oles Geburtstag.

Dennoch ist dem Paar bewusst: „Wäre die Trennung Deutschlands nicht aufgehoben worden, hätten wir uns wahrscheinlich nie kennengelernt“, sagt Tobias Jüngerink. Und seine Frau ergänzt: „Unser Sohn, aber auch unsere Tochter Greta, werden für uns immer Zeichen dieser geglückten Verbindung sein.“