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Helmut Lorenz zeigt ein Bild seiner Familie aus den 40er-Jahren. Vorne links ist Dieter zu sehen, der in Lüneburg umkam. Foto: ca
Helmut Lorenz zeigt ein Bild seiner Familie aus den 40er-Jahren. Vorne links ist Dieter zu sehen, der in Lüneburg umkam. Foto: ca

70 Jahre Ungewissheit

ca Lüneburg. Was aus seinem Bruder Dieter geworden war, wusste Helmut Lorenz sein Leben lang nicht. Damals zweieinhalb Jahre alt, galt Dieter als verschollen. Ein Kriegsschicksal. Vor sieben Jahrzehnten nicht ungewöhnlich. Die Familie sprach wenig über Dieter. Ein paar Andeutungen. Es könne sein, dass der Junge auf einem Bustransport starb, bombardiert durch Militärs. Vielleicht hatte ihn auch ein deutscher Soldat mitgenommen, blond und mit blauen Augen hatte der Kleine nach Vorstellungen der Nazi-Ideologie wunderbar ausgesehen. Auch möglich, dass der Butje lange erwachsen irgendwo lebt. Heute weiß Helmut Lorenz: Dieter starb in Lüneburg. Vermutlich ermordet in der Heil- und Pflegeanstalt von Ärzten, die ihm Luminal gaben.

Jetzt hat Lorenz mit seiner Frau Marilyn den alten Friedhof der Klinik besucht. Hier ist Dieter bestattet worden. Für Helmut endet und beginnt dort ein Stück der Familiengeschichte. Er weiß, dass sein Bruder ein Stück Würde zurückbekommen hat, er ist nicht mehr namenlos und vergessen.

Seitdem eine Gedenkstätte auf dem Gelände der Psychiatrischen Klinik besteht, wird an Opfer und Täter erinnert. Leiterin Dr. Carola Rudnick hat Akten unter einem neuen Aspekt nämlich dem von Flüchtlings- und Ausländerkindern ausgewertet und ist dabei auf den kleinen Jungen Dieter gestoßen, der als „lebensunwert“ galt, weil er als „zurückgeblieben“ eingestuft wurde.

Ein paar Zufälle brachten die Wissenschafterin und Helmut Lorenz zusammen, der heute in Kanada lebt. Dabei spielt Lorenz Großcousin Mario aus dem ostdeutschen Schmölln eine Rolle, er recherchiert als Familienforscher.

„Mein Vater kämpfte noch in der deutschen Armee, als sie seinen Sohn in Lüneburg umbrachten.“ Helmut Lorenz

Dieters Tragödie liest sich so: Die deutsche Familie Lorenz war Anfang der 30er-Jahre nach Holland ausgewandert und hatte sich selbstständig gemacht. Erich und Anna bekamen drei Söhne. Carola Rudnick schreibt: „Weil Erich Lorenz als Soldat eingezogen wurde und die Mutter das Werkzeuggeschäft weiter alleine betreiben musste, kam Dieter wohl im Laufe des zweiten Lebensjahres in ein Kinderheim. Es wurde, kurz nachdem ihn seine Mutter ein letztes Mal sah, am 5. September 1944 im Rahmen der NSV-Jugendhilfe-Westaktion evakuiert.“ Es ging aus Eindhoven zunächst nach Hannover. NSV steht für Nationalsozialistische Volkswohlfahrt.

„Weil Dieter eine geistige Behinderung zu haben schien, wurde er am 28. November 1944 auf telefonischen Antrag der NSV-Helferin Raufer aus dem Flüchtlingsheim in die Kinderfachabteilung Lüneburg eingewiesen. Angekommen, überlebte Dieter nur knappe zwei Wochen. Angeblich sei er am 3. Dezember an Fieber erkrankt und am 14. Dezember 1944 an einer Lungenentzündung gestorben. Es ist sehr wahrscheinlich, dass Dieter ermordet wurde. Es ist anzunehmen, dass der Mord auch deshalb so schnell vollzogen wurde, weil die Annahme bestanden haben muss, das Kind sei elternlos.“

Doch dem war nicht so, die Eltern forschten immer wieder nach, wo ihr Sohn abgeblieben war. Ende Januar 1945 erhielt die Mutter eine Antwort von der NSV-Kreisleitung Solingen. Ein Kind namens Dieter Lorenz, auf das ihre Beschreibung passte, sei am 14. Dezember 1944 verstorben: „Da Sie uns selbst mitteilten, dass Ihr Kind Dieter geistig wie körperlich minderwertig veranlagt war, müssen wir leider annehmen, dass es sich in diesem Fall um Ihr Kind handelt.“ Carola Rudnick merkt an, dass Dieter kerngesund in Lüneburg ankam, aber angeblich in wenigen Tagen tödlich erkrankte. Wer will das glauben?

Die Eltern hatten Zweifel an dem Schreiben, sie fahndeten weiter, nach Kriegsende auch über den Suchdienst des Roten Kreuzes. Ohne Ergebnis.

All das weiß Helmut Lorenz nun. Seine Eltern hätten immer geschwiegen, der Bruder habe irgendwann kaum noch eine Rolle gespielt. Doch losgelassen hat der tote Junge Erich und Anna Lorenz wohl nie. Selbst als sie in den 50er-Jahren nach Kanada auswanderten, nahmen sie Fotos, Briefe und Dokumente mit. Einen ganzen Koffer voll davon fand Helmut, als er später den Nachlass von Vater und Mutter ordnete. Es war ein Antrieb, sich mit dem Leben der Familie zu beschäftigen.

Er sagt: „Mein Vater kämpfte noch in der deutschen Armee, als sie seinen Sohn in Lüneburg umbrachten.“ Das sei wie ein Verrat gewesen. Helmut, 75 Jahre alt, denkt oft darüber nach, warum seine Eltern ihm nicht von Dieter erzählten, warum sie dessen Behinderung verschwiegen, seinen Aufenthalt im Heim, kein Wort von der Suche. „Und gleichzeitig haben sie alles mitgenommen. Sie wollten vielleicht, dass irgendwann doch alles ans Licht kommt.“

Als der Kontakt zu Gedenkstättenleiterin Rudnick geknüpft war, wurden Fotos und Dokumente via Internet über den Atlantik geschickt, jetzt der Besuch anlässlich einer Veranstaltung vereinbart. „Es war bewegend, als ich auf dem Friedhof stand und das Bild an einer Gedenktafel sah, das so lange bei mir gelegen hatte“, sagt Helmut. Ein kleiner Junge, der niemandem etwas getan, der keine Hoffnung gehabt habe. „Vielleicht war es das letzte Mal, dass ich an Dieters Grab stand.“

Doch Marilyn und Helmut Lorenz gehen mit Hoffnung zurück nach Kanada. Auf dem Friedhof habe ihm ein junger Mann versprochen, sich um Dieters Grab zu kümmern, sagt Helmut. Dieter ist eben nicht vergessen. Und ein Stück seiner Würde als Mensch bekommt er auch zurück. So wie es das Wort Gedenkstätte verspricht.