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Günter Burkart (64) hat über nichteheliche Paare und die Geschlechterverhältnisse in Paarbeziehungen geforscht. Er ist in zweiter Ehe verheiratet, hat zwei erwachsene Söhne: einen leiblichen, einen hat seine Frau mit in die Ehe gebracht. Foto: t&w
Günter Burkart (64) hat über nichteheliche Paare und die Geschlechterverhältnisse in Paarbeziehungen geforscht. Er ist in zweiter Ehe verheiratet, hat zwei erwachsene Söhne: einen leiblichen, einen hat seine Frau mit in die Ehe gebracht. Foto: t&w

Neue LZ-Serie: Lüneburg familiär — Familie verwandelt (Teil 1)

rrrDie moderne Familie ist bunter als die altbekannte Formel: Mutter, Vater, Kind. Wie sich das Zusammenleben verändert hat und vor welchen Herausforderungen Eltern heute stehen, zeigt die neue LZ-Serie „Lüneburg familiär“. Im ersten Teil spricht Prof. Dr. Günter Burkart, Professor für Kultursoziologie an der Leuphana, über den Rollenwandel und die Vereinbarkeit von Beruf und Familie.

Was versteht man unter Familie?
Günter Burkart: Heutzutage hat man sich auf den kleinstmöglichen Nenner geeinigt. Familie, das ist ein Erwachsener und mindestens ein Kind. Diese sollten verwandt sein, das schließt Adoption mit ein. Alles andere hat man in den letzten 50 Jahren allmählich aus der Diskussion ausgeblendet, etwa, dass es ein verheiratetes Elternpaar sein müsse.

Warum gibt es Familie?
Burkart: Tja (lacht). Es gibt sie, weil damit die Fortpflanzung, die Reproduktion der Gesellschaft, vielleicht am besten und einfachsten garantiert werden kann. Sonst müsste die Gesellschaft ja eine Institution erfinden, in der Kinder geboren werden. Mütter könnten darin berufsmäßige Mütter sein, die systematisch Kinder zeugen, und Väter könnte man auch selektieren. Eine solche Institution zur Planung von Kindern hat sich aber nie entwickelt, weil es immer Leute gab, die aus eigenen Motiven heraus Kinder haben wollten.

Wie hat sich Familie verändert?
Burkart: 1964 war der Gipfelpunkt des Baby-Booms nach dem Zweiten Weltkrieg. Dieses Jahr kann man als Ankerpunkt ansehen, danach gab es einen radikalen Geburtenrückgang und eine Erhöhung der Scheidungsraten. In den 1960er-Jahren hat eine starke Veränderung der moralischen Vorstellungen stattgefunden. Die sexuelle Revolution ist ein Stichwort, aber auch der Feminismus spielt eine wichtige Rolle. Für immer mehr Frauen ist es selbstverständlich geworden zu studieren. Das hat in den Partnerschaften und Familien zu einem Umbruch geführt. Das Modell der Versorgungsehe – der Mann ernährt Frau und Kinder – ist seitdem nicht mehr das erste Ideal.

Ist die Versorgungsehe also ein Auslaufmodell?
Burkart: Es gehört heute fast ein bisschen zur „political correctness“, so zu tun, als wäre das Modell gar nicht mehr vorhanden. Aber das stimmt nicht. Wenn man einmal nach Bildungsschichten differenziert, wird man sehen, dass Frauen ohne höhere Ausbildung durchaus noch interessiert sind an der Versorgungsehe. Als Ideal gilt sie aber nicht mehr. Die Rollenverteilung ist nicht mehr so klar definiert. Das betrifft am stärksten Frauen mit höherer Ausbildung.

Die Grafik zeigt, wie viele Familien es im Landkreis Lüneburg gibt. Insgesamt sind es 48 546 (Stand: Mikrozensus 2011, Grafik: kleinebrahm)
Die Grafik zeigt, wie viele Familien es im Landkreis Lüneburg gibt. Insgesamt sind es 48 546 (Stand: Mikrozensus 2011, Grafik: kleinebrahm)

Wie betrifft das gut ausgebildete Frauen?
Burkart: Frauen sind jetzt genauso wie Männer gezwungen, Karriere zu machen. Wenn sie einen guten Job und Kinder haben wollen, taucht das Vereinbarkeitsproblem auf. Meist ist die Frau dann die, die zugunsten der Familie auf ihre Kar-riere verzichtet. In vielen Akademikerfamilien gibt es eine sogenannte Retraditionalisierungstendenz: Wenn ein Kind kommt, fallen Mann und Frau in alte Rollenmuster zurück.

Was heißt das?
Burkart: Der Mann arbeitet noch ein bisschen mehr, ist noch ein bisschen weniger Vater, als er es eigentlich gern sein möchte, die Frau übernimmt mehr oder weniger freiwillig Hausarbeit und Erziehung. Bei manchen wird die reine Versorgungsehe nur über drei bis vier Jahre praktiziert, solange die Kinder sehr klein sind. Sobald die Kinder fünf, sechs Jahre alt sind, gehen Mütter zunehmend wieder in Teilzeit arbeiten. Das ist das verbreitetste Modell.

Familie und Karriere gleichzeitig – ist das unmöglich?
Burkart: Zumindest sehr schwierig. Von politischer Seite könnte man sich zwei Strategien denken, um die Situation zu verbessern. Erstens: Geldzahlungen. Das einkommensabhängige Elterngeld geht schon ein bisschen in diese Richtung: Wer viel verdient hat, kriegt etwas mehr. So unterstützt man die, die größere Schwierigkeiten mit der Vereinbarkeit haben. Die zweite Strategie: Die Politik unterstützt Unternehmen und Institutionen, die familienfreundliche Arbeitsstrukturen schaffen wollen.

Welche Schwierigkeiten haben Familien heute?
Burkart: Familien mit weniger Geld und in denen nur einer verdient, laufen Gefahr, in die Armut abzugleiten. Das ist ein neuer Problemkomplex, der sich in den letzten zwei, drei Jahrzehnten aufgebaut hat und der für die Zukunft noch gefährlich werden könnte. Ein Alleinverdienerhaushalt kommt mit den gestiegenen Konsumansprüchen in der Gesellschaft kaum noch klar. Ein weiteres Problem, vielleicht das Hauptproblem, sind sicher auch die gestiegenen Erwartungen an die Erziehung.

Können Sie das genauer erklären?
Burkart: Die Politik greift immer mehr ein, damit Familien die „richtigen“ Erziehungs-Maßnahmen ergreifen. In der Bildungs- und Familienpolitik gibt es gewisse Bestrebungen, bei der Erziehung zu helfen. Die ganzen Beratungsbüros, Familiencoachings, beratenden Stellen machen zwar tolle Arbeit, aber dahinter steckt eben auch die Bewegung, dass man den Eltern immer weniger zutraut, ohne Unterstützung von wissenschaftlich ausgebildeten Pädagogen ihre Kinder zu erziehen. Gesellschaft und Politik sollten Familien helfen, die Unterstützung brauchen; sie sollten aber nicht grundsätzlich Eltern bevormunden.

Grafik: meiferts
Grafik: meiferts

Welche Rolle spielt heute der Mann?
Burkart: Es gibt nur ganz wenige „neue Väter“, die genauso wie die Mütter länger zu Hause bleiben und sich um die Kinder kümmern. Die Vorstellung von Männlichkeit ist immer noch sehr geprägt von alten Werten, etwa von beruflichem Erfolg. Die alte Zuordnung, die Frau ist für die Emotionen, für die Häuslichkeit zuständig, der Mann für das Geld und die Außenwirkung, ist immer noch sehr verbreitet in den Köpfen.

Nimmt die Lust auf Kindererziehung bei Männern nicht zu?
Burkart: Bei einigen schon, bei der Mehrheit wohl nicht. Man könnte sogar fragen, ob nicht auch Frauen keine Lust mehr haben. Das würde einen Teil der hohen Kinderlosigkeit in Deutschland erklären. Wir haben unter Akademikern bis zu 40 Prozent, unter der Gesamtbevölkerung etwa 20 Prozent kinderlose Paare. Vor 50 Jahren haben noch 90 Prozent aller Paare Kinder gekriegt. Das sind heute deutlich weniger.

Woran liegt das?
Burkart: Zu dem Vereinbarkeitsproblem kommt die Selbstverwirklichungstendenz, die wir heute haben. Dass man sich als Person immer mehr abgekoppelt hat von den familiären Zusammenhängen. Man verlässt sein Elternhaus und fühlt sich frei, sein eigenes Leben aufzubauen. Der Aufschub des Kinderkriegens ist sowieso schon lange in Gang. Vor 50 Jahren hat man Kinder im Alter zwischen 20 und 30 gekriegt, heute fängt man mit 30 erst an zu überlegen. Aber je später der Zeitpunkt ist, desto skeptischer werden die Leute, ob sie überhaupt Kinder wollen. Die Kultur des Zweifelns ist unter den Deutschen weit verbreitet.

Sehen Sie also schwarz für die Familien in Deutschland?
Burkart: (Lacht.) Nee, nee, überhaupt nicht. Denn es schadet ja gar nichts, dass nicht alle Menschen Kinder kriegen. Ich vermute folgendes: Jetzt ist der Anteil der Kinderlosigkeit sehr hoch. Wenn diese kinderlosen Leute alt sind, werden sie mit tiefem Bedauern feststellen, dass sie keine Enkel kriegen. Sie werden plötzlich merken, dass das Leben gerade im Alter in einer intakten Familie eigentlich toll ist. Das können sie der nächsten Generation vermitteln. Die Entwicklung verläuft wellenartig. Ich glaube, ich werde noch miterleben, dass wieder mehr Kinder geboren werden.

In welche Richtung wird sich Familie weiterentwickeln?
Die Toleranz gegenüber allen möglichen Formen wird noch zunehmen. Dennoch ist das klassische Modell – Vater, Mutter, Tochter, Sohn – gewissermaßen unschlagbar in den Vor- und Nachteilen für alle Beteiligten. Ich glaube, wenn man jemals so weit sein sollte, sich das Geschlecht seiner Kinder auszusuchen, wird sich das noch stärker in diese Richtung stabilisieren. Außerdem wird es relativ normal werden, dass man Kinder kriegt und irgendwann, wenn die Beziehung in die Brüche gegangen ist, noch eine zweite Familie gründet. Patchworkfamilien nehmen jetzt schon deutlich zu. Die Perspektive ist nicht mehr die von ewiger Treue und ewiger Beziehung, sondern die von „bis auf Weiteres“. Allerdings sollte man nicht vergessen, dass immer noch zwei Drittel aller Ehen nicht geschieden werden.
Das Interview führte Emilia Püschel.
Nächsten Sonnabend: Früh oder spät Kinder kriegen? Zwei Mütter geben ihr persönliches Plädoyer ab.